„Ein Theater, das nie schläft“

Ausgabe Nr. 2398
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Spielzeitbeginn am Radu Stanca-Nationaltheater in Hermannstadt

 

Mit der Vorpremiere des Stückes „Marat/Sade“, eine Adaptation des Textes „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ von Peter Weiss, in der Regie von Charles Müller, eröffnete das Radu Stanca-Nationaltheater Hermannstadt am Sonntag seine neue Spielzeit.Weiterlesen

„Jedes Töpfchen find‘ sein Deckelchen“

Ausgabe Nr. 2397
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Streiflichter vom 48. Töpfermarkt auf dem Großen Ring in Hermannstadt

 

Jedes Töpfchen find' sein Deckelchen". Mit diesem Vers begann der Refrain eines Liedes, das Lieselotte Pulver seinerzeit  im Spielfilm Kohlhiesels Töchter" zum Hit gemacht hat und das auch heute noch bei Karnevalsfesten in Deutschland zum Standardrepertoire gehört. Wäre dies Lied nicht schon in dem 1962 gedrehten Film gesungen worden, es hätte der Hit des seit 1968 stattfindenden Töpfermarktes in Hermannstadt sein können.

 

Töpfer aus allen Regionen Rumäniens hatten am vergangenen Wochenende ihre Meisterwerke im Rahmen des 48. Töpfermarktes auf dem Großen Ring zur Ansicht oder zum Verkauf gebracht.

Auf einem seit langem nicht mehr so ruhigen Großen Ring konnte man am Wochenende eigentlich alles finden, was aus Ton gefertigt werden kann. Man fand also wirklich für jedes Töpfchen ein Deckelchen.

Viele fragen sich jetzt wieso gerade Hermannstadt? Was hat die Stadt mit der Töpferei zu tun?

Als schon im späten Mittelalter etabliertes Handelszentrum, ist Hermannstadt über die Jahrhunderte hinweg ein interessanter Absatzmarkt für Händler, Handwerker und Manufakturen aller Art gewesen. Die unterschiedlichen Zünfte sind auch heutzutage noch wohl bekannt, vor allem da viele der Straßen in der Altstadt ihre Namen tragen und dadurch Zeugen der Geschichte bleiben.

Eine der ersten Zünfte der Stadt, erstmals im Jahr 1376 urkundlich erwähnt, die einen besonderen Einfluss auf die damalige Gesellschaft ausübte, war diejenige der Töpfer. Dokumente aus den Jahren 1376, 1539 und 1776 aus dem Hermannstädter Archiv zeugen von Anfang und Verlauf der Töpfergeschichte. Zahlreiche Kacheln fanden ihren Platz nach dem 18. Jahrhundert in den wichtigsten Museen Rumäniens und im Ausland. 252 Töpfer lebten damals allein in der Umgebung von Hermannstadt und hatten zu Gast eine große Anzahl von Töpfergesellen aus dem Ausland, die drei bis vier Jahre lang das Handwerk erlernen und ausüben durften. Dokumente weisen die Existenz des Töpfermarktes  auf der Wiesengasse (rum. Tipografilor) bis Ende des 19. Jahrhunderts nach.

Horst Klusch, unter dessen Koordination im Jahr 1968 der erste Töpfermarkt in Hermannstadt  mit 25 ausstellenden Hafnern organisiert wurde, schreibt im Artikel „Der Töpfermarkt in Hermanstadt – zwischen Tradition und Moderne" in der ersten Ausgabe des Ziarul Olarilor (Töpferzeitung), dass zu Ende des 19. Jahrhunderts die Hermannstädter Zunft der Töpfer über 200 Mitglieder zählte. Schon bei der ersten Auflage des „modernen“ Töpfermarktes im Jahr 1968 wurde die Organisierung dieser Veranstaltung dem Zentrum für Konservierung und Förderung der Traditionellen Kultur, Cindrelul –  Junii Sibiului, überlassen, das in Partnerschaft mit dem Astra-Museum bedeutungsvolle Änderungen für die Veranstaltung einführten. So ist es auch dazu gekommen, dass heutzutage der Töpfermarkt auf dem Großen Ring gehalten wird.

Auch dieses Jahr konnte man einige Stunden in der bunten und beruhigenden Welt der Keramik und des Lehms verstreichen lassen.  Nur die Vogelwasserpfeifen, die die Ruhe des Wochenendes unterbrachen, erinnerten noch an den Alltag auf dem Großen Ring, welcher bei anderen Events bei weitem nicht so ruhig ist.

Ein Töpfer führte seine Kunst an der Töpferscheibe Live vor, und in kurzer Zeit sammelten sich mehrere Interessierte im Kreis rund um ihn herum.

Vasile Rătezeanu aus Găleșoaia, Kreis Gorj, bewegte langsam seinen Fuss auf dem Töpferrad und formte sorgfältig eine Vase, die immer genauere Konturen annahm. Damit die Zuschauer genau sehen, wie alles geht und damit ein bisschen Spannung in der Luft schwebt, drückte er den Lehm ein und die Vase wurde im Nu zu einem kreisenden Lehmball. Man hörte jetzt ein „Oooohhh” aus der Menschenmenge. Doch Rătezeanu lachte und fing an, die Vase wieder zu gestalten.

An den vielen Ständen konnte man u. a. traditionelle Kachelöfen von Teracota Mediasch, lustige Glöckchen und coole Tassen von Tonal, bunt bemalte Schmuckkästchen von Pall Lajos aus Korond, Schmuckzeug, Willkommen-Tontafeln und vieles vieles mehr bewundern und kaufen.

Man konnte einfach Stunden in der Spirale des Tons verbringen, ohne zu bemerken, dass eine Minute vorbeigegangen ist. Man konnte Ungarisch, Deutsch und Rumänisch sprechen hören und sich im nachhinein noch träumend vorstellen, wie es vor Jahrzehnten auf dem Markt auf dem Grossen Ring gewesen sein muss.

Ein Höhepunkt war die Vorstellung der ersten Töpferzeitungim Schatzkästlein, zu der die die Töpferfamilie Sitar aus der Maramuresch mit einer Töpfereiausstellung eingeladen war.

Die Ausstellung, kuratiert von Karla Roșca, verzauberte die Anwesenden mit Keramik aus Baia Mare, Keisd (Saschiz), Vama, Negrești und Bârgău, handgefertigt in der Werkstatt der Familie Sitar. Interviews der Familie Sitar und die Geschichte der ausgestellten Keramik konnte man abgebildet an den Wänden der Kunstgalerie lesen.

Die erste Töpferzeitung wurde unter der Federführung von Karla Roșca und Horst Klusch herausgegeben und soll ein „für Töpfer, über Töpfer und von Töpfern”  geschriebenes Blatt sein. Man kann Geschichten lesen von Menschen, die ihr Leben der Töpferei  gewidmet haben, die Geschichte der Töpferindustrie oder Neuigkeiten aus der Branche finden.

Leider konnte Horst Klusch aus Krankheitsgründen nicht dabei sein. Die Hauptakteure der Vernissage, Cornel Sitar, Angela Sitar,  Ioana Luca und Ilie Moise, haben aber ihr Bestes getan, damit sich die Gäste willkommen fühlen.

Angela Sitar hat zuletzt auch einen kleinen Kurs in Keramikmalerei gehalten, an dem sich auch die deutsche Konsulin Judith Urban beteiligte, und unter den neugierigen Blicken der Zuschauer, achtsam ihren Tonteller bemalte. 

                         Monika TOMPOS

 

Bei wunderschönem Wetter konnten die Besucher nach Lust und Laune auf dem Großen Ring die wie immer reichlich vorhandenen Töpferwaren aller Art betrachten und erstehen.                               Foto: Fred NUSS

Die deutsche Konsulin Judith Urban (links) lässt sich von der bekannten Töpfermeisterin Angela Sitar zeigen, wie man einen Teller bemalt.

Fotos: Fred NUSS

Erstmals in Rumänien

Ausgabe Nr. 2397
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Der alle zwei Jahre in einem anderen Land organisierte Kongress des Internationalen Vereins der Orgelbauer (International Society of Organbuilders, ISO) wird vom 7. bis 14. September d. J. erstmals in Rumänien ausgetragen. Einen Bericht dazu bringen wir in unserer nächsten Ausgabe. Unser Bild: Der Schweizer Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer begrüßte am Sonntagabend im Namen der Organisatoren die Teilnehmenden bei der Eröffnungsveranstaltung im Hermannstädter Ratahaus am Großen Ring.                                                             Foto: Beatrice UNGAR

Musikalische Hommage an Clara Haskil

Ausgabe Nr. 2397
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Jüngstes Festival in Hermannstadt ist der in Rumänien geborenen Pianistin gewidmet

 

Noch ein Festival!" stöhnten einige, als die Ankündigung der ersten Auflage des Internationalen Clara Haskil-Festivals die Runde machte. Nach sechs Tagen Instrumentalmusik fragten sich viele Konzertbesucher: War das alles? Wir wollen noch mehr hören!" Auf jeden Fall ist es bemerkens- und lobenswert, wie es die junge rumänische Pianistin Alina Azario, die heute in Hamburg lebt, versteht, ihrem Vorbild, Clara Haskil, eine Hommage darzubringen. Mit ins Boot holte sie namhafte Virtuosen wie den ungarischen Cellisten István Várdai, die französische Violonistin Marina Chiche und zwei ausgezeichnete rumänische Ensembles: Bucharest Symphony Orchestra und das Klausenburger Arcadia Quartett. Unsere Mitarbeiterin Doina Giurgiu bietet im Folgenden einige subjektive Einblicke in das Geschehen bei diesem Ausnahme-Festival:

 

September 2014, ein ruhiger und schöner Monat in einem hellen und warmen Hermannstadt. Das Gewimmel des Alltags trifft auf jeder Straße der Altstadt auf hunderte vergnügte oder überraschte Worte von Reisenden, die sich auf der Suche nach osteuropäischer Schönheit befinden, die Freunde rufen oder Limonaden und Strudel bestellen. Irgendwo, an einer Straße, die an eine Ansichtskarte von einem Urlaub im Westen erinnert, in einem Gebäude mit zwei Gesichtern und zwei Geschichten – eine alte von Jahrhunderten, die von Armbrustern bewacht wurden, und eine frische, von eleganter Würde – herrscht eine andere Art Bewegung.

Bei dem Gebäude handelt es sich um das alte Theater, heute Thaliasaal. Es ist der 2. September, der vierte Tag des Internationalen Clara Haskil-Festivals und alle warten ungeduldig auf den Auftritt des Stars des Festivals, den französischen Pianisten   Adam Laloum, der Gewinner von 2009 des Internationalen Clara Haskil-Klavierwettbewerbs, der jedes zweiten Jahr in Vevey/Schweiz stattfindet. Laloum kommt dann doch nicht, er hat das Flugzeug verpasst und muss am nächsten Tag in die USA. Die Entscheidung fällt rasch: Die Violonistin Marina Chiche und die Pianistin Alina Azario, die eigentlich am Tag darauf konzertieren sollten, springen in die Bresche. Doch keinesfalls als Lückenbüßer: Chiche, die schon am ersten Festivalstag bei ihrem Auftritt mit dem Bucharest Symphony Orchestra, dirigiert von Tiberiu Soare, Stehapplaus bekommen hatte, spielt virtuos und unvergleichlich zwei Werke von Johann Sebastian Bach: die Sonate in G-Dur BWV1001 und die Partita Nr. 2 in d-Moll BWV 1004.

Im Vorfeld konnte man durch die Fenster des Proberaumes eine schlanke Gestalt erkennen, die fast mit dem massiven Klavier verschmilzt. Vielleicht hat sie die Probe beendet oder denkt noch über etwas nach. Die Regungslosigkeit hält nicht an und die Gestalt hebt sich plötzlich ab von dem Instrument, verändert ihre Form, lässt den langen Schatten der Hände erkennen, dann das klare Profil, aber nur für Sekunden, dann verwischt die Bewegung alle Details. Nun bleibt der Raum erstarrt zurück.

Nach dem Auftritt der französischen Violonistin herrscht im Saal Stimmengewirr, die Stühle knarren trocken. Alle sprechen über die Solistin, die gerade die Bühne verlassen hat: „eine wunderbare Violonistin".

Die Pause ist bald um: In den Kulissen hören sich die Echos aus dem Saal an wie unverständliches Gemurmel, das von der kompakten Dunkelheit aufgesogen wird, die nur von einem kleinen Lichtstrahl durchschnitten wird, der durch die Eingangstür fällt. Hier schwebt eine paradoxe Stille, ein gespanntes Warten. Plötzlich verdeckt eine hochgewachsene Gestalt diesen Lichtstrahl. Ihre Hände streichen über die Stirne, die Finger schlingen sich ineinander, man hört kurze, tiefe Atemzüge, die dann immer leichter und ruhiger werden. Der Kopf ruht in einem stillen Moment auf den Fingerspitzen, dann schnellt er plötzlich hoch, die Form des Schattens verändert sich und verschmilzt mit dem Weiß der Bühne, im schrill tönenden Beifall.

Die Töne steigen und fallen, sie vermischen sich aufstrebend, die Hände jagen einander, kreuzen sich, trennen sich wieder, streifen die Klaviatur hin und zurück, in einem schwindelerregenden Tanz, dem man nur verwandelt von der Kraft und dem  Zauber einer vollkommenen Interpretation entkommen kann.

Wenn Leidenschaft in einer Sekunde überspringen kann, dann geschieht dies auf diese Weise: Man lässt sich überfluten von den Emotionen einer phantasievollen und warmen musikalischen Ausführung, die der Perfektion entsprungen ist. Und man verlässt den Konzertsaal mit zwei neuen Steckenpferden: der Musik von Claude Debussy und der Wertschätzung für deren Interpretin, Alina Azario, die junge rumänische Pianistin, für die das Konzertieren und das Organisieren eines Festivals so natürliche Dinge sind wie der Beifall eines begeisterten Publikums.

Und die Musik verklang nicht  schon als Azario den letzten Finger von den Tasten hob, sondern erst viel später im Rascheln der Lindenblätter am späten Herbstabend.

Eigentlich hätte dieser Abend nicht übertroffen werden können. Die beiden Ausnahmeinterpretinnen belehrten am Abend darauf das Publikum eines Besseren, mit Werken von Johann Sebastian Bach, Claude Debussy, Béla Bartók, Dinu Lipatti und George Enescu.

Die liebevoll fließende Nokturne von Lipatti z. B. ist eine einzige Liebesgeschichte in warmen Tönen, welche die Tasten des Klaviers streicheln wie in einer Liebkosung. Zu ihnen gesellt sich ein dunkler Ton, der von alten Zeiten erzählt, deren Erinnerung nach Heilung heischt. Die letzte Note wird endlich frei gelassen, verschwindet in der Luft und lässt Enescu eintreten, dem das Talent bekanntlich in den Fingern pulsierte, und dessen Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 in f-Moll kraftvoll und stets suchend daherkommt. Am fünften Festivalstag wurde das Duo Azario-Chiche mit minutenlangem Stehapplaus belohnt.

 

Alina Azario (links) und Marina Chiche danken dem Publikum.

 

Das Arcadia Quartett (v. l. n. r.): Ana Török, Răsvan Dumitru,  Zsolt Török und Traian Boală.              Fotos: Christel WOLLMANN-FIEDLER

 

 

 

 

 

„Er war für mich ein Morgenstern“

Ausgabe Nr. 2395
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Fred Nuss erinnert sich an Begegnungen mit Edmund Höfer (1933-2014)

 

Der am 27. März 1933 in Lugosch geborene Presse- und Kunstfotograf Edmund Höfer verstarb am 19. August 2014 in München. Er war 30 Jahre lang bis zu seiner Aussiedlung nach Deutschland 1988 Fotoreporter bei der Bukarester Tageszeitung Neuer Weg. Desgleichen wurden in den 1980-er Jahren Umschläge von im Kriterion Verlag Bukarest herausgegebenen Büchern der Autoren Herta Müller, Richard Wagner oder William Totok mit seinen Bildern gestaltet. Die Goldmedaille, die Höfer Mitte der 1960-er Jahre bei einem internationalen Fotowettbewerb in Wien erhielt, war die erste Goldmedaille für einen Fotografen aus Rumänien. In Hermannstadt waren zuletzt Bilder des Verstorbenen in der Ausstellung Jüdisches Leben in Rumänien" 2005 im Teutsch-Haus zu sehen.

 

 

1968, ca. zwei Wochen nachdem die erste Ausgabe der Hermannstädter Zeitung erschienen war, sei Edmund Höfer nach Hermannstadt gekommen, um Aufnahmen zu machen in der Redaktion, im Auftrag der Tageszeitung Neuer Weg, erinnert sich der Hermannstädter Fotoreporter Fred Nuss. Die HZ-Redaktion befand sich damals im Gebäude der Bodenkreditanstalt (heute Rathaus) am Großen Ring, im Innenhof war das Fotolabor, das sich Fred Nuss und Horst Buchfelner teilten. Als er Edmund Höfer im Labor empfing, fand Nuss, er sei etwas kurz angebunden und hochnäsig. „Aber nachdem ich seine ersten Aufnahmen gesehen hatte, empfand ich nur noch Respekt für ihn, vor allem für seine Schnappschüsse", erzählt Nuss.

Höfer kam dann jeweils mindestens einmal im Monat nach Hermannstadt, um Auftragsbilder für den Neuen Weg zu machen, vor allem aus der Industrie. Weil er sich in Hermannstadt nicht so gut auskannte, bat er immer Fred Nuss, ihn zu begleiten. Dieser erinnert sich: „Im Stillen muss ich zugeben, dass ich ihm gerne auf die Hände geschaut habe. Ich habe versucht, herauszubekommen, wie er das Bild in seinem Kopf sieht, bevor er auf den Auslöser drückt. Zugegeben: Er war für mich ein Morgenstern. Besonders schätzte ich seine dynamische Art, zu fotografieren, seine Menschenkenntnis, seine Fähigkeit, mit wenig Licht auszukommen. Er war für mich ein Vorbild." Schließlich kamen sich die beiden Fotografen auch menschlich näher, Höfer war oft zu Gast bei Familie Nuss und Fred Nuss sagt, er sei der „glücklichste Mensch gewesen", da er mit einem der größten Fotografen Freund sein durfte.

Ein Erlebnis mit Höfer holt Fred Nuss aus dem „Nähkästchen" hervor, um dessen Wendigkeit hervorzustreichen: „Es war ein strenger, eisiger Winter und Mundi, so nannten die Freunde Edmund Höfer, hatte den Auftrag bekommen, ein Bild von den Hartenecktürmen zu machen. Ich war sehr neugierig, wie er das an dem nebligen Tag schaffen würde und ging mit. Vor dem alten Zinshaus blieb er neben einem Holzmast stehen und klopfte an ein Fenster. Als eine ältere Dame öffnete, fragte er sie, ob sie Enkel hätte. Als sie bejahte, fragte er nach einem Stück weißer Kreide. Dies bekam er auch und zeichnete damit ein Strichmännlein auf den mit Öl gestrichenen Mast. Er sah sich um und entdeckte einige Jungen, die im Schnee spielten, rief einen herzu, gab ihm die Kreide und sagte, er solle sich so neben den Mast stellen, als ob er das Männlein gezeichnet habe und stolz darauf sei. Der Junge diente als Vordergrund und Mundi hatte auch den Töpferturm ins Visier genommen. Mundi machte auch einige Fotos mit dem Mast im Vordergrund. Ich durfte den Film im Labor entwickeln und war verblüfft, wie gut die Atmosphäre eingefangen worden war. Eines der Bilder ohne Jungen wurde dann in dem Bildband 'Sibiu' abgedruckt, der 1968 im Meridiane Verlag erschienen ist, mit einem Text von Paul Schuster."

Beeindruckt war Nuss aber vor allem von den 80 großformatigen Porträts, die Höfer zu Beginn der 1970-er Jahre im Alten Rathaus in Hermannstadt ausgestellt hatte. „Die Dramatik dieser Porträts hat dermaßen auf mich gewirkt, dass ich mir wünschte, einmal auch so eine Ausstellung zu machen", gibt Nuss heute zu.

Nuss meinte im Stillen auch, dass die guten Fotos seines Bukarester Kollegen auf die gute Ausstattung und die guten Filme zurückzuführen seien, die dieser zur Verfügung hatte. Ein weiteres Erlebnis sollte ihn eines Besseren belehren.

Höfer kam eines Tages zu ihm und sagte, er habe einen dringenden Auftrag bekommen, in der Virola-Fabrik einige Fotos zu machen, und in der Eile seine Kamera in Bukarest vergessen. Nuss gab ihm eine alte 6×6-Flexaret und wünschte ihm Glück. Nach einer Stunde kehrte Höfer ins Labor zurück und Nuss staunte, nachdem er die Filme entwickelt und einige Aufnahmen vergrößert hatte: Höfer hatte einen Schweißer fotografiert, der an einem großen Rohr arbeitete, das Bild wurde, so Nuss, berühmt und auch preisgekrönt.

An diesem Tag habe er sich geschworen, sagt Nuss, nie mehr nachzufragen, mit welcher Kamera denn ein Bild entstanden sei. Er habe gelernt: „Der Apparat soll gut sein, aber der Fotograf muss besser sein."

Edmund Höfer hat dies auch in einem Herta Drozdik-Drexler gewährten Interview bestätigt. Auf die Frage „Ist, wer die bessere technische Ausrüstung hat, auch schon der bessere Fotograf?" antwortete er: „Es kommt nicht nur auf die Kamera an. Natürlich spielt die Qualität der Ausrüstung eine Rolle. Mit Hermann Heels Leica zu fotografieren war für mich schon ein besonderes Gefühl. Ich konnte damit bessere Bilder machen, als mit einem gewöhnlichen Apparat. Vom heutigen Stand der Technik gar nicht zu reden. Aber man muß mit dieser Technik auch umgehen können. Das allein genügt jedoch noch nicht. Die Allgemeinbildung spielt eine Rolle. Noch wichtiger ist Kunstverständnis. Man muß sich für Kunst interessieren, für Bildhauerei, Malerei, Musik, man muß die Kunstszene kennen, muß auf dem laufenden sein mit den Entwicklungen in der Kunst. Man braucht ein Gespür für gute Schnappschüsse, die man oft gewissermaßen voraussehen kann. Sinn für Humor kann nicht schaden. Man muß Einfälle haben, Phantasie. Und wohl auch das, was man Talent nennt und von Mutter Natur geschenkt bekommt."

Möge er in Frieden ruhen!

Beatrice UNGAR

Das von Fred Nuss erwähnte Bild mit Strichmännlein und Töpferturm im verschneiten Hermannstadt (Bild links) findet man in dem Bildband Sibiu", der 1968 im Bukarester Meridiane Verlag mit einem rumänischen Text von Paul Schuster erschienen ist (Bild rechts).

 

ProEtnica in Schäßburg

Ausgabe Nr. 2395
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Minderheitenfestival hat zum 12. Mal stattgefunden

Das Festival ProEtnica, das den nationalen Minderheiten in Rumänien gewidmet ist, ist nicht nur eines der schönsten Festivals, das in Schäßburg stattfindet, es ist eines der schönsten im ganzen Land. An vier Tagen am vergangenen Wochenende stellten die Vertreter der verschiedenen nationalen Minderheiten ihre Traditionen, ihre Tänze und ihre Sprache vor, zur Begeisterung der in- und ausländischen Touristen.

 

Das Zentrum Schäßburgs war am Wochenende so bunt wie selten, denn zum normalen Touristengewimmel gesellten sich diesmal auch die Minderheiten aus Rumänien. Während auf dem Burgplatz die Bühne einen Teil der Zuschauer lockte, ließen sich viele Besucher die Chance nicht entgehen, die verschiedenen Stände der Minderheiten zu besuchen. Dort konnte man mit Vertretern der Minderheiten erzählen, denn gerne stellten sie sich vor, dazu auch ihre Trachten und verschiedene Kultobjekte. Wie im Vorjahr, konnte man z.  B. aber auch verschiedene Bücher kaufen, gesucht waren natürlich insbesondere die Kochbücher. Dazu waren auch Handwerkerstände auf dem Museumsplatz eingerichtet, wo verschiedene Künstler ihre Werke zur Schau stellten. Unter ihnen ein rumänischer Handwerker, der geschnitzte Holzlöffel verkaufte, und zu jedem gab es auch die passende Geschichte, denn die verschiedenen Modelle hatten ihre ganz bestimmten Bedeutungen.

Wie jedes Jahr gab es im Laufe des Festivals auch mehrere Symposien im Rathaus. Zwei davon wurden von der Föderation der jüdischen Gemeinden  gestaltet. Gesprochen wurde diesmal nicht nur über „Jüdische Traditionen und Bräuche”, sondern auch über den „Jüdischen Humor in Rumänien”. Seitens der Rumänischen Akademie sprachen Prof. Emilian Dobrescu und PhD. Edith Mihaela Dobre über den „Beitrag der nationalen Minderheiten zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens”.

In der Synagoge wurden jeden Abend Filme des rumänischen Regisseurs Radu Gabrea gezeigt, u. a. „Der geköpfte Hahn”, „Grubers Reise”, „Juden zu verkaufen” und „Romany! Romany!”.

Angelockt wurden die meisten Zuschauer von den Vorstellungen auf der Bühne. Gelassen wurde nicht nur auf der Bühne getanzt, denn die meisten Minderheiten tanzten zusammen mit den Schäßburgern und Touristen. Einige lernten begeistert die Schritte und übten sie auch beim Einkaufen ein, denn rund um den Platz gab es jede Menge Stände mit Kleinigkeiten für Groß und Klein, von Handgemachtem bis chinesischem Kitsch war alles dabei. Sehr in war offensichtlich der Haarschmuck für Mädchen und Frauen, Tausende von kleinen Plastik- und Stoffrosen wurden zum Teil an Ort und Stelle  in Kränze geflochten.

Dazu gab es auch verschiedene Leckereien, süß oder gesalzen, jede Menge Bilder und Ansichtskarten von Schäßburg und so recht alles, was ein Touristenherz begehrt.

Organisiert wurde das Festival auch dieses Jahr vom Interethnischen Jugendbildungszentrum Schäßburg, mit Unterstützung der Stadt Schäßburg. Finanziert wurde ProEtnica von dem Kuturministerium und vom Departement für interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung. 

ProEtnica wurde dieses Jahr zum 12. Mal organisiert. Bilder von früheren Auflagen findet man unter www.proetnica.ro

 Ruxandra STĂNESCU

 

Ansteckende Sangesfreude brachten die Mitglieder der Singgruppe Katiușa" der Gemeinschaft der Lipowener Russen aus Fălticeni/Kreis Suceava auf die Bühne auf dem Burgplatz in Schäßburg, wobei eine der Sängerinnen besonders Freude ausstrahlte und sogar tanzte. (Bild oben)

 

Die mazedonische Minderheit sorgte für Gesang (Bild Mitte) und Tanz. Dabei wurde nicht nur auf der Bühne getanzt, sondern auch auf dem Platz, und spontan ließ sich das Publikum mitreißen. Nach wenigen Takten konnten die meisten auch die Schritte (Bild unten).           Fotos: Ruxandra STẰNESCU

 

Mannigfaltig und phantasieanregend

Ausgabe Nr. 2393
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9. Artmania-Rockfestival fand am Wochenende in Hermannstadt statt

Lange Mähnen, schwarze T-Shirts und schwarze Lederhosen. In der Vampirhöhle (Vampire Den) war die Hölle los. Laute Musik mit schnellen Black Metal Rhythmen, headbangende und im Kreis tanzende und hüpfende Rocker waren unter einem Zelt gegenüber der Balanța-Halle zu sehen. Die Unsicherheit, die einen überkam, als man die schwarz gekleideten Menschenmassen sah, verflog schnell. Ein friedlicheres Festival als Artmania gibt es in Hermannstadt kaum. Ein Musikkonzert, bei dem sich die Fans entschuldigen, wenn sie sich an einem vorbeidrängeln, erlebt man selten. Artmania fand heuer zwischen dem 7. und dem 9. August an fünf verschiedenen Veranstaltungsorten statt.Weiterlesen

Was bedeutet „Allodolla“?

Ausgabe Nr. 2392
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Bald 10. Jubiläum der Michelsberger Spaziergänge"

 

Wann genau das erste Konzert der Reihe Michelsberger Spaziergänge" in der Michelsberger evangelischen Dorfkirche erklungen ist, weiß eigentlich niemand mehr so genau. Kurator Michael Henning sagt, man könne im nächsten Jahr das zehnte Jubiläum feiern.Weiterlesen