Alles drehte sich um allerfeinste Literatur

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Ausgabe Nr. 2955

Streiflichter von den 36. Deutschen Literaturtagen in Reschitza


Gruppenbild mit Organisator Erwin Josef Țigla (links außen), den Teilnehmenden und Bürgermeister Ioan Popa (rechts außen) an der Endstation der neuen Straßenbahn. Foto: DFDBB

Nicht gleich um die Ecke ist Reschitza. Nein, kein Katzensprung, eher ein Löwensprung von Berlin ins Banater Bergland, nach Reschitza. Doch ein Katzensprung von Hermannstadt in Siebenbürgen nach Reschitza ist ein Katzensprung. Von ungefähr 50 km vor der serbischen Grenze, im Westen von Rumänien. Die Reise lohnt sich, egal woher angereist wird. Reschitza, die Industriestadt mit einer Eisenhütte und Hochöfen ist das Ziel. Die eiserne Lügenbrücke in Hermannstadt, die jeder kennt, über die schon jeder gelaufen ist, wurde 1859 in dieser Industrie- und Bergstadt gegossen, wo die ersten beiden Hochöfen vor 255 Jahren in Betrieb genommen wurden und der Ort vor 100 Jahren als Stadt anerkannt wurde. Ende März 2026 ging es drei Tage nicht um Eisen und Hochöfen, es drehte sich von morgens bis abends um Literatur, um allerfeinst vorgetragene. Erwin Josef Ţigla, der Meister der Organisation, lud in diesem Jahr bereits zu den 36. Deutschen Literaturtagen in seine Heimatstadt ein.

Diese Literaturtage sind etwas Besonderes. Sie finden seit 1990 alljährlich im Frühjahr statt und sind vom Veranstalter bis ins Detail durchdacht, einige Moderationen hat auch er selbst übernommen.

Begeisterte Lyriker kamen mit ihren bereits auf Papier gedruckten oder noch nicht veröffentlichten Gedichten aus Deutschland, Rumänien, Ungarn und Österreich angereist. Romane und Essays, Berichte über Land und Leute, über kulturhistorische Vergangenheit, Satire und vieles mehr wurden vorgestellt. Unendlich vielfältig war der Inhalt des Programms, fast fünfzig Gäste hörten interessiert an diesen Literaturtagen zu und diskutierten über jeden Beitrag.

Zwischen Lyrik und Prosa wurde dem Arzt Dr. Paul Jürgen Porr der Ehrentitel Europäer des Jahres 2026 innerhalb der deutschen Gemeinschaft im Banater Bergland von Ţigla überreicht. Erwin Josef Ţigla hielt die Laudatio. Porr kommt aus Mediasch, studierte Medizin und Pharmazie an der Medizinischen Fakultät in Klausenburg, Assistentenstellen und andere Funktionen in verschiedenen Kliniken und Institutionen wurden aufgezählt, zuletzt an einer Privatklinik in Hermannstadt. Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien ist er und sitzt heute im Stadtrat von Hermannstadt.

Ovidiu Ganţ, der rumäniendeutsche Politiker und Abgeordnete im Rumänischen Parlament, bekannt im Land und im Ausland, hat neben Porr Platz genommen.

Vom Berg herab fuhr der pünktliche Shuttle-Bus uns alle, die wir droben im Hotel wohnten, herunter in die derzeitige „Literatur- und Kulturmetropole“, in die Deutsche „Alexander Tietzt“-Bibliothek, ins „Frederic Ozanam“-Sozialzentrum und mit der neuen Straßenbahn ins Arbeiterheim. Dort wurde der begehrte „Rolf Bossert–Gedächntnispreis vergeben. Viele Fotos aus Bosserts Leben waren zur Information über diesen Schriftsteller ausgehängt.

Lesung von vier Mitgliedern des Temeswarer Literaturkreises „Die Stafette” (v. l. n. r.): Sonia Inke Iozsa, Daria Ștefania Moți, Isabela Lupșe Tarangul und Benjamin Burghardt. Foto: die Verfasserin

Rolf Bossert wurde in diesem Stadtteil 1952 geboren. Germanistik und Anglistik studierte er an der Universität Bukarest, schrieb Gedichte und arbeitete als Kulturreferent, Deutschlehrer, Journalist und Übersetzer und zwei Jahre im bekannten Deutschen Kulturhaus „Friedrich Schiller“ in der Strada Batiștei mitten in der Hauptstadt. Mitbegründer des sehr bekannten Literaturkreises „Aktionsgruppe Banat“ war er. Der rumänische Geheimdienst setzte ihn heftig unter Druck. Mit Frau und Söhnen konnte er 1985 das Ceaușescu-Regime verlassen. Bald nach Ankunft starb Bossert nach einem Fenstersturz im Aussiedlerheim in Frankfurt am Main. 36 Jahre ist das her. Bis heute sind über diesen Sturz noch viele Fragen offen.

Der Freund und Wegbegleiter Hellmut Seiler, der heute in Backnang wohnt, rief diesen Preis ins Leben, der in diesem Jahr 2026 zum siebten Mal in Reschitza vergeben wurde. Nach langer Überlegung wählte die Jury in diesem Jahr Tobias Pagel, den Schriftsteller, den promovierten Lehrer und Lehrbeauftragten aus Konstanz am Bodensee, für den begehrten Rolf Bossert-Gedächtnispreis aus. In Pagels Vita sind noch andere interessante Preise aufgeführt. Die Laudatio hält der Preisträger von 2024, Dietrich Machmer aus Seevetal in Deutschland.

Für ein paar Minuten ist der Bürgermeister Ioan Popa, das Oberhaupt dieser Stadt, gekommen und hält eine begeisterte kleine Rede in deutscher Sprache.

Auch Jugendliche, die gerne schreiben und dichten, sind vom Nikolaus-Lenau-Gymnasium aus Temeswar gekommen. Sie gehören zu dem Literaturkreis für Jugendliche, der Stafette. Drei junge sehr talentierte Schülerinnen tragen ihre Gedichte vor. Das Anliegen: Rumäniendeutsche Literatur soll nicht in Vergessenheit geraten.

Christel WOLLMANN-FIEDLER

Veröffentlicht in Sprache, Literatur, Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.