Franzobels neuer Roman ,,Hundert Wörter für Schnee“ geht dieser Frage nach
Ausgabe Nr. 2923

Franzobel: Hundert Wörter für Schnee, Roman, Paul Zsolnay Verlag Wien 2025, 2. Auflage, Hardcover, 523 Seiten, ISBN 978-3-552-07543-6. 28 Euro.
„Hundert Wörter für Schnee” kennen die Inuit. Diese Behauptung ist zwar falsch, aber genau um diese Gleichgültigkeit und Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen geht es im gleichnamigen Roman von Franzobel, erschienen 2025 im Wiener Paul Zsolnay Verlag. Der Roman schildert den Wettstreit um die erste Erreichung des Nordpols und die erbitterte Rivalität zwischen Robert Peary (1856-1920) und Frederick Cook (1865-1940). Beide Entdecker behaupteten zu ihrer Zeit, die ersten am Nordpol gewesen zu sein, wobei dies bis heute umstritten ist und auch im Roman widerlegt wird.
Was das Buch wiederum klar dokumentiert, ist Pearys Obsession, die der eines Kapitän Ahab ähnelt. Nur jagt der Polarforscher keinen Wal, sondern den Nordpol und den Ruhm, den dieser mit sich bringt.
Auf ihren Expeditionen begegnen Peary und Cook den Inughuit, den Bewohnern Nordgrönlands. Beide Völker sehen einander als „primitive Wilde“. Peary und die Amerikaner ekeln sich vor der Esskultur der Eingeborenen mit ihren Waffen aus Walrosszähnen, während sie alle Tabus der anderen Kultur brechen.
Die Handlung folgt den vier Hauptfiguren Robert Peary, seiner Frau Josephine, seinem Begleiter, dem Afroameriker Matthew Henson und dem Grönländer Minik. Die auf wahren Begebenheiten basierende Erzählung zeigt den unsympathischen Robert Peary in der Rolle des Kolonisators mit wenig Respekt für die Einheimischen. Zusammen mit seiner Frau und Henson macht er auf dem Weg zum Nordpol in Nordgrönland halt. Dort zwingt er die Inughuit ihn mit Essen und Kleidung zu versorgen, „studiert“ und fotografiert sie. 1897 überredete Peary sechs Grönländer, darunter Witwer Qisuk und sein siebenjähriger Sohn Minik, ihn zurück nach New York zu begleiten. Was dort auf sie wartet, verrät man ihnen nicht.
Bei ihrer Ankunft bringt man die Grönländer ins American Museum of Natural History, dessen Kurator Franz Boas Peary überredet hatte, Eingeborene für an-
thropologische Studien zurückzubringen. Da Boas aber nicht mit sechs Menschen gerechnet hatte, werden Minik und seine Familie notdürftig im Keller des Museums untergebracht. Kurz darauf sterben alle Familienmitglieder an Tuberkulose. Minik bleibt als einziger Überlebender in Amerika zurück. Ein Museumsarbeiter, William Wallace, adoptiert ihn, da er sich in Minik eine Geldquelle verspricht. Jahre später, als der jugendliche Minik erfährt, dass die Beerdigung seines Vaters vorgetäuscht war und dessen Körper noch im Museum liegt, zieht es den jetzt erbitterten Inughuit zurück in seine Heimat. Doch sein zwangvolles Entreißen aus der grönländischen Kultur und die lange Entfremdung hindern Minik am Zurechtkommen im harschen Wetter des Nordens. 1918 kehrt er in die Vereinigten Staaten zurück und stirbt kurz darauf an der Spanischen Grippe.
Franzobel muss nichts erfinden: Seine Geschichte ist ungefiltert und greift auf wahre Begebenheiten zurück. Peary brachte außer den sechs Inughuit auch zahlreiche andere Artefakte und „heilige“ Steine zurück nach Amerika. Dass Peary dabei nicht der gefeierte Held, sondern erbarmungsloser Kolonialist und Rassist ist, wird deutlich. Franzobel berichtet dabei aus heutiger Sicht und kritisiert so die Sichtweisen der Vergangenheit. Doch die Erzählperspektive aus moderner Zeit funktioniert nicht immer: Begriffe wie „Ikea“ oder die Anspielung auf eine „Pandemie im Eis“ klingen wie Hinweise auf Popkultur, die in der ansonst historischen Erzählung fehl am Platz wirken.
Trotz der eindrucksvollen Beschreibungen und des erzählerischen Könnens von Franzobel kann der Dialog den Leser aus dem historischen Kontext herausreißen: Mancherorts scheint er mit mehr Beschimpfungen als mit Substanz gefüllt zu sein, während der Subtext unsichtbar bleibt. Dabei war der Dialog nie der Schwerpunkt des Romans, dennoch entschied der Autor, in verschiedene Akzente zu schlüpfen. Dies kann an manchen Stellen gelingen, wie bei Peary und seinen rollenden „R“s, fühlt sich aber in manchen Fällen unangemessen an. Beispiele dafür sind die Sprachfehler des jungen Miniks bevor dieser die Sprache seiner neuen Heimat erlernt, oder die Ausdrücke des afroamerikanischen Henson, die diese Figuren eher wie Karikaturen wirken lassen.
Franzobels „Hundert Wörter für Schnee“ ist kein klassischer Abenteuerroman, sondern behandelt Kultur, den Verlust von Identität und Kolonialgeschichte. Die Geschichte des arroganten Peary, verstrickt mit jener des enteigneten Minik berichtet von den Gräueltaten, die Entdeckung und Fortschritt mit sich bringen können.
Obwohl Bezüge auf die Gegenwart nicht immer funktionieren, lohnt sich Franzobels Roman für historisch interessierte Leserinnen und Leser, da er ein neues Licht auf die Biografie Robert Pearys, das Leben der Inughuit und das imperialistische Nord-Amerika des späten 19. Jahrhunderts wirft.
Tudor MAHL