Mehr als nur ein Bildungsprogramm

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Streiflichter von der Sommerakademie ,,Siebenbürgen“ 2025

Ausgabe Nr. 2923

Gruppenbild der Teilnehmenden mit Prof. Dr. Maria Sass vor dem Gebäude der Fakultät für Sprachwissenschaften und Schauspielkunst.                                                  
Foto: privat

Wenn der Sommer ruft, folgen wir und manchmal bringt uns der Weg an einen Ort, der sich nach Vergangenheit anfühlt und dennoch voller Leben pulsiert: Hermannstadt, oder Sibiu, wie die Rumänen sagen, wo die Sommerakademie Siebenbürgen 2025 stattgefunden hat. Eine Stadt, die ihre Geschichten zwischen barocken Fassaden, gepflasterten Gassen und leisen Innenhöfen versteckt. Genau dort begann für uns eine Reise, die mehr war als nur ein Bildungsprogramm – sie war Begegnung, Erfahrung und ein stilles Versprechen, dass Sprache, Kultur und Neugier Brücken schlagen können.

Am 12. Juli trafen die meisten von uns in Bussen ein, beladen mit Koffern, Erwartungen und vielleicht auch etwas Nervosität. Das Hans-Bernd-von-Haeften-Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen wurde schnell zum gemeinsamen Zuhause: einfach, aber herzlich, mit einem Garten, der bald zum abendlichen Sammelpunkt werden sollte. Das erste Abendessen, ein kleines Buffet, stillte den Hunger, aber nicht die Gesprächslust. Noch bevor die Sonne ganz unterging, saßen wir beisammen, draußen, unter Bäumen und Sternen, lachten, lernten Namen, hörten Akzente. Es war der Beginn einer dieser seltenen Nächte, in denen niemand an morgen denkt.

Der nächste Tag führte uns mitten hinein in das Herz der Stadt. Mit Alex Ujupan, dem vielleicht besten Stadtführer diesseits der Donau, entdeckten wir Hermannstadt wie es im Reiseführer nicht steht – lebendig, humorvoll, und voller kleiner Geschichten zwischen den großen Bauwerken. Wir wanderten durch die Altstadt, überquerten die Lügenbrücke, standen auf Plätzen, wo einst Geschichte geschrieben wurde.

Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Sibiel, wo ein Bauernhof auf uns wartete, mit würzigem Käse, eingelegtem Gemüse und Wein, der die Zunge lockerte und das Herz weit machte. Es wurde gegessen, probiert, geschwärmt. Danach ging es ins ASTRA-Freilichtmuseum, wo sich das ländliche Rumänien in alten Bauernhäusern, Werkzeugen und Gerüchen zeigte. Am Abend, wie könnte es anders sein, wieder draußen. Lachen im Halbdunkel, Musik aus kleinen Boxen, und das Gefühl, als wäre man schon seit Jahren hier.

Die folgenden Tage widmeten wir dem, was uns als Studierende und Schreibende hierher geführt hatte: der Sprache, der Literatur, dem Dialog. An der Lucian Blaga-Universität hörten wir Vorträge, diskutierten über Identität, Mehrsprachigkeit, über das Schreiben in Zwischenräumen. In den Workshops arbeiteten wir an Texten, teilten Gedanken, manchmal Zweifel und fanden oft mehr Gemeinsamkeiten als erwartet.

Der Besuch im Museum der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien im Teutschhaus führte uns tiefer in die Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Ihre Spuren waren plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern greifbar, lebendig, berührend.

Am Abend lauschten wir der Lesung von Joachim Wittstock, einer literarischen Stimme Siebenbürgens. Seine Worte trugen Zeit durch den Raum, seine Bücher mit persönlicher Widmung wurden zu kleinen Schätzen in unseren Taschen.

Ein Ausflug nach Schäßburg und Birthälm entführte uns weiter in die Vergangenheit. Dort, wo mittelalterliche Türme über bunten Häusern thronen, wo man durch gepflasterte Gassen läuft und sich wundert, dass hier wirklich noch Menschen wohnen, spürten wir die Stille der Geschichte. In Birthälm standen wir in einer Kirchenburg, die wie eine Wächterin über die Zeit wirkt, majestätisch und ruhig, fast so, als wolle sie uns daran erinnern, wie viele vor uns schon gekommen und gegangen sind.

Am Tag darauf waren wir selbst gefragt. In Präsentationen stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Projekte vor. Es ging um zweisprachige Literatur, um kulturelles Erbe, um Identität in hybriden Räumen. Unterschiedliche Perspektiven trafen aufeinander, und doch entstand keine Reibung, sondern Resonanz. Man hörte einander zu und man spürte, dass hier nicht nur über Kultur gesprochen wurde, sondern dass sie gerade lebte, in diesem Raum, zwischen uns.

Der letzte volle Tag führte uns nach Kronstadt. Eine Stadt, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen können. Natürlich durfte auch ein Besuch auf der Burg Dracula nicht fehlen, halb Legende, halb Touristenmagnet, aber ganz großes Kino. Den Abschluss feierten wir in Albota, einem Ort zwischen Bergen, Fischen und frischer Luft. Das Abendessen dort war nicht nur köstlich, sondern auch stiller Höhepunkt – nicht wegen des Essens allein, sondern wegen der Blicke, die wir austauschten. Blicke, die sagten: „Schade, dass es schon vorbei ist.“

Am 19. Juli war es dann soweit. Abreise. Koffer wurden gepackt, Nummern getauscht, letzte Fotos gemacht. Die Busse rollten, die Gespräche wurden leiser. Vielleicht ist das der Preis für so viel Nähe in so kurzer Zeit: der Abschied fällt schwerer. Aber wenn man Glück hat und wir hatten es, dann bleibt etwas zurück. Ein Satz. Ein Moment. Ein neuer Gedanke.

Diese Sommerakademie in Hermannstadt war kein gewöhnliches Seminar. Sie war ein Raum zwischen Kulturen, ein Sommer zwischen Mauern und Möglichkeiten. Und wer dabei war, wird wissen: Es war mehr als eine Woche. Es war eine Geschichte.

Jelena ADAMOVIĆ

Studentin von der Universität Kragujevac/Serbien

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung.