Wo sind die Wurzeln?

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Hermannstädter Gespräche fanden statt

Ausgabe Nr. 2890

Roxana Stoenescu, Thomas Șindilariu, Eveline Cioflec, Tiberiu Tioc und Christiane Böhm bei den Hermannstädter Gesprächen. Foto: die Verfasserin

Wie sind wohl die Wurzeln der Menschen? Eher wie die der Pastinake, die eine geradlinige Pfahlwurzel besitzt? Oder doch vielfältig und verzweigt, wie die der Spathiphyllum Blume? Jeder, der am vergangenen Mittwoch, dem 6. November, bei der Podiumsdiskussion „Zu den Wurzeln“ der Reihe „Hermannstädter Gespräche“ teilgenommen hat, durfte sich diese Frage stellen. Biologisch, wie sozial und historisch wurde u.a. zu den Themen „Wurzeln“ und „Entwurzelung“ debattiert.

„`Zu den Wurzeln´ meint eine Bewegung auf etwas zu, ein inhaltliches Umkreisen, und zwar das Betrachten des Motivs der Wurzel in einem aktuellen Zeitgeschehen aber auch aus einer historischen Perspektive heraus.“ Mit diesen Worten leitete die neue ifa-Kulturmanagerin Christiane Böhm das Gespräch ein, die mit didaktischem Material – einer Pastinake und einer Topfblume – dem interessierten Publikum zwei verschiedene Wurzeln vorzeigte. Dazu durfte sich zu allererst der Biologielehrer Tiberiu Tioc unter den geladenen Gästen äußern, der kurz – es sollte kein Biologieunterricht daraus werden – erläuterte, was es mit den Wurzeln auf sich hat und von sehr interessanten unterirdischen Kommunikationssystemen der Pflanzen, wie das Wood Wide Web, erzählte. Dieses Netzwerk verbindet Bäume und Pilze auf symbiotische Weise. Alles das passiert, ohne, dass wir, Menschen etwas davon mitbekommen.

Und genau dieses unterirdisch „Unsichtbare“ sei das Faszinierende bei den Wurzeln. So Dr. Eveline Cioflec von der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt, die auch die „Verankerung“ als Identität der Menschheit nannte, die den Übergang vom Nomadismus zum Ackerbau ausmachte. Wurzeln sind sogar in zwei siebenbürgischen Stadtwappen vorhanden: in jenem von Kronstadt und dem aus Zeiden. Thomas Șindilariu, Unterstaatssekretär im Departement für Interethnische Beziehungen der Rumänischen Regierung erklärte, dass Johannes Honterus die Wurzel unter die Krone des Kronstädter Wappens gesetzt habe. Zurückzuführen sei dieses Symbol auf die Philosophie der Antike. Immer wenn die Rechtsgemeinschaft gefährdet war, erinnerte man sich an die eigenen Wurzeln. Dr. Roxana Stoenescu von der Babeș Bolyai Universität Klausenburg ging auf die Konstruktion der Konzepte der Nation und Einheit ein, die mit den Wurzeln ebenfalls eng verbunden seien.

Nach dem offiziellen Gespräch der Podiumsgäste, ergriffen die Gäste aus dem Saal das Wort. U.a. bemerkte eine Dame, dass man erst, „wenn man auswandert, anfängt zu reflektieren, wo die Wurzeln eigentlich waren“. Prof. Dr. Hans Klein fügte hinzu, dass es eine Überlegung wert wäre, „ob jede Wurzel in jedem Boden noch weiterleben kann? Es kann nicht jede Wurzel verpflanzt werden“.

Das Gespräch könnte fortgeführt werden, denn Wurzeln, Stammbäume und Boden sind vielerlei interpretierbar und bieten Stoff für lange Diskussionen.

Cynthia PINTER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein.