Ausreisen, aber nicht ankommen…

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Ausgabe Nr. 2956

Anton Sterbling und sein neuestes Buch über kulturelle Identität


Anton Sterbling: Fragen der kulturellen Identität. Donauschwäbische Kultur, Schriftsteller in der Fremde, Relevanz der Sprache. Pop Verlag Ludwigsburg, 2026; Reihe Universitas, Bd. 15, 244 S.; ISBN 978-3-86356-434-6; 21,50 Euro.

Es mag ungewöhnlich sein, aber gern beginne ich mit einem Dank an den Ludwigsburger Pop-Verlag, der einmal mehr bei einer Herausgabe seiner Bücher ein gutes Händchen bewiesen hat. Angesichts der schwierigen Situation auf dem Buchmarkt, der allgemeinen in Kriegs- und Krisenzeiten erschwerten Produktions- aber auch Verkaufsbedingungen ist die Herausgabe anspruchsvoller Buchtitel schon ein nicht zu unterschätzender Wert. Umso mehr bei Büchern, die die Bestsellerlisten nicht erobern werden. Nun mag dem Verlag der Bekanntheitsgrad des Autors Anton Sterbling und sein beachtenswertes und vielfach gelobtes Gesamtwerk helfen, auch dieses Buch in der geneigten Leserschaft zu platzieren, gleichwohl selbstverständlich ist das nicht.

In der Tat, das neue Buch des in Großsanktnikolaus im Banat geborenen Soziologieprofessors Anton Sterbling – Fragen der kulturellen Identität. Donauschwäbische Kultur, Schriftsteller in der Fremde, Relevanz der Sprache – hat es wieder in sich. Denn es geht einmal mehr um Fragen der kulturellen Identität, die sich aus der Sicht von Minderheiten stellen.

Der Autor, selbst Vertreter einer Minderheit, der deutschen, erkennt durchaus kritisch allein schon die Gefahren, die mit dem Begriff einhergehen. Kulturelle Identität wird allzu oft im Sinne der Moderne missbraucht, politisch verklärt und mit falschen Werten belastet, so dass eine saubere und verständliche Begriffsklärung die Voraussetzung und Gewähr für die Verwendung des Begriffs ist.

Letztendlich geht es um die Selbstvergewisserung des Individuums in einer als fremd und unnahbar erscheinenden Welt. Spannend ist dies vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen des Banater Autors, für den eine eigene Identitätsfindung ein Drahtseilakt ist, zumal der einzelne sich überhaupt erst einmal in einer Mehrheitsgesellschaft zu behaupten und verorten hat. Noch dazu, wenn er mit eigenen Wertmaßstäben aufwartet.

Allein der Blick auf eine moderne pluriethnische Gesellschaft lässt vermuten, dass mit den üblichen Heils- und Erlösungsversprechen weder der allgemeinen Orientierungslosigkeit, weder dem Egoismus, der Individualisierung oder dem ewigen Langueur einer Konsum-Tristesse der Nährboden genommen wird. Offensichtlich war auch die Erwartungshaltung der Menschen, die aus den großen alten Siedlungsgebieten Südosteuropas nach Deutschland gekommen sind, eine andere.

Identitätsfragen stehen auch am Anfang einer Selbstvergewisserung von Dichtern insbesondere dann, wenn sie, wie der Autor Anton Sterbling ihre Heimat verlassen haben und nicht sicher sein konnten, je zurückzukehren. „Der Schriftsteller in der Fremde“ ist somit ein zweiter Themenblock, der sich dem Spannungsfeld, wie Sterbling schreibt, „zwischen Herkunft, Heimat und neuen gesellschaftlichen Umfeldern“ widmet. Wobei die Frage der Entfremdung oder des Nicht –Ankommens in der neuen Welt jene Sensibilität zu wecken versteht, die gemeinhin zu einem „fremden Blick“ und damit zu einer kritischen Distanz führt. Letzteres zeichnet die rumäniendeutsche Literatur aus. Allerdings auch jene ausgereisten, zuweilen entwurzelten Dichter, die zwar gehen durften, aber doch nie ankamen. Oder, die mit ihrem Koffer voller Wehmut und Erinnerungen in der Welt von gestern verhaftet geblieben sind, irgendwo zwischen Bukarest und Berlin im Niemandsland.

Anton Sterbling ist souverän genug, allerdings weiß auch er um die Reize, Schlingen und Fallen eines derartigen Standortes. Und so ruft er noch einmal die Lebenswege vieler Protagonistinnen und Protagonisten – von Richard Wagner, William Totok, Herta Müller, Ernest Wichner, Werner Kremm u. a. in Erinnerung.

Ohnehin bereitet der Autor der interessierten Leserschaft wieder einen bunten Blumenstrauß lesenswerter intellektueller Ausgelassenheit und umfänglicher kulturtheoretischer Einlassungen vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen als Sachbuchautor und Dichter.

Wem das an Stoff noch nicht reichen sollte, darf dann gern in die sprachtheoretischen Betrachtungen Anton Sterblings eintauchen. Lohnen würde sich auch das, zumal die Sprache der kulturellen Identität eine Form gibt.

Andreas H. APELT

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein, Bücher.