Ausgabe Nr. 2956
Briefe und Tagebücher erzählen von Deportation und Heimkehr

Reinhardt Schuster, Bernhard Heigl und Manfred Copony bei der Buchvorstellung am 12. März in Kronstadt (v. l. n. r.). Foto: John ASHT
Ein silberner Löffel kann vieles sein: Alltagsgegenstand, Erinnerungsstück oder stiller Begleiter durch Zeiten größter Not. Im Band „Dem Himmel näher als der Heimat. Aus einem Zettelkoffer gesammelt“, herausgegeben von Reinhardt Schuster und Manfred Copony, steht dieser Gegenstand sinnbildlich für das, was dieses Buch leistet: Es bewahrt Erinnerungen, die sonst leicht verloren gehen könnten.
Der im Hermannstädter Honterus-Verlag erschienene Band versammelt Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Dokumente aus der Zeit der Deportation der rumäniendeutschen Bevölkerung in die Sowjetunion ab Januar 1945. Damals wurden rund 70.000 Männer und Frauen deutscher Herkunft aus Rumänien, meist zwischen 17 und 45 Jahren, zur Zwangsarbeit in den Donbass und andere Industriegebiete verschleppt. Etwa 15 Prozent von ihnen überlebten die harten Arbeits- und Lebensbedingungen nicht.
Im Zentrum des Buches stehen persönliche Zeugnisse, vor allem jene von Fritzl Schuster und seiner Schwester, die im Arbeitslager von Almazna interniert waren. Ihre Tagebucheinträge eröffnen den Band und führen unmittelbar hinein in einen Alltag, der von Zwangsarbeit, Kälte und Hunger geprägt war. Gleichzeitig zeigen sie aber auch Momente der Hoffnung und des Durchhaltens.
Die Texte bleiben weitgehend unkommentiert, das ermöglicht, die Stimmen der Betroffenen unverstellt zu hören, verlangt den Leserinnen und Lesern jedoch auch einiges ab. Ohne Grundkenntnisse über die Deportationen erschließt sich manches nur schwer. Wer sich jedoch auf diese Form einlässt, erhält einen besonders unmittelbaren Zugang zu den Erfahrungen jener Jahre und kann auch zwischen den einzelnen Briefen viel zum Nachdenken gebracht werden.
Besonders eindrucksvoll ist der Briefwechsel während der langen Heimkehr. Nachrichten waren oft ewig unterwegs, wenn sie überhaupt ankamen. Viele Briefe, vor allem aus den Arbeitslagern, erreichten ihre Empfänger nie. Zwischen Hoffen und Bangen entsteht so ein Bild der Unsicherheit, das den Alltag der Deportierten ebenso prägte wie die harte körperliche Arbeit. Die langen Phasen ohne Nachricht lassen erahnen, wie belastend diese Ungewissheit für die Betroffenen und ihre Familien gewesen sein muss.
Ergänzt werden die schriftlichen Zeugnisse beispielsweise durch ein Gespräch mit einer über hundertjährigen Zeitzeugin, die sich noch an ihre Jahre im Lager Almazna erinnert. Diese Passage schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und macht deutlich, wie lange die Erfahrungen nachwirken. Im letzten Teil des Buches öffnen zahlreiche Dokumente den Blick noch einmal weiter. Sie vermitteln ein anschaulicheres Bild der damaligen Lebensumstände.
Seinen Ursprung hat das Buch in einem unscheinbaren Koffer voller Unterlagen, den Reinhard Schuster seinem Freund Manfred Copony überließ. Was zunächst im Zusammenhang mit dem rumänischen Gesetz Nr. 130/2020 stand, das ehemaligen Deportierten und deren Nachkommen Entschädigungen zuspricht, entwickelte sich rasch zu einem umfassenden Rechercheprojekt. Aus der Durchsicht von Briefen, Tagebüchern und Fotos entstand schließlich die Idee, diese Zeugnisse in Buchform zugänglich zu machen.

Reinhardt Schuster/Manfred Copony: Dem Himmel näher als der Heimat. Aus einem Zettelkoffer gesammelt. Honterus Verlag Hermannstadt, 2025; 224 S.; ISBN 978-606-008-216-3.
„Dem Himmel näher als der Heimat“ ist kein klassisch erzähltes Buch. Es ist ein Mosaik aus Fragmenten, das sich erst im Kopf der Lesenden zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Gerade darin liegt seine Stärke, aber auch eine gewisse Herausforderung. Eine stärkere Kontextualisierung hätte den Zugang stellenweise erleichtert, insbesondere für Leserinnen und Leser ohne familiären Bezug oder vertiefte Kenntnisse zur Geschichte der Deportationen.
Dennoch liegt in dieser offenen Form auch eine besondere Qualität: Die Stimmen der Zeitzeugen bleiben im Mittelpunkt. Sie erzählen nicht nur von Leid und Entbehrung, sondern auch von Hoffnung, Zusammenhalt und dem Wunsch, eines Tages zurückzukehren.
Gerade für Leserinnen und Leser aus der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen dürfte das Buch eine besondere Bedeutung haben. Es zeigt, wie viel sich noch entdecken lässt, in Archiven ebenso wie in der eigenen Familiengeschichte. Zugleich erinnert es daran, dass hinter historischen Zahlen immer individuelle Schicksale stehen.
Das Buch erschien mit der Unterstützung des Departments für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der rumänischen Regierung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt.
Tobias JARITZ