An der Grenze der Imperien

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Ausgabe Nr. 2956

Drei fundierte Vorträge über Diplomatie kleiner Staaten am Forschungsinstitut

Zwei Gastgeber und ein Gast (v. l. n. r.): Nicolae-Alexandru Nicolaescu, Gábor Kármán und Iulia Derzsi. Foto: Beatrice UNGAR

Das Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie und der Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde Hermannstadt begrüßten in der vergangenen Woche eine Internationale Forschungsgruppe, die sich im Rahmen eines durch den europäischen Forschungsrat geförderten Projekts, mit der Diplomatie kleiner Staaten in der frühen Neuzeit befasst. Zsuzsanna Cziráki von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Gábor Kármán von der Eötvös-Lorand-Universität Budapest und Marian Coman von der Universität Bukarest hielten jeweils einen Vortrag auf Deutsch, Englisch bzw. Rumänisch.  

In diesem Zusammenhang wurde außerdem ein neues Programm angekündigt: Eine Vorstellung und Vermittlung bekannter, wie weniger bekannter Forschungen, die sowohl dem Institut als auch dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde Hermannstadt ein besonderes Anliegen sind. Die Vortragsreihe war der Diplomatie kleiner Staaten in Südosteuropa während der Frühen Neuzeit gewidmet und fand im Rahmen des Projekts The Diplomacy of Small States in Early Modern South-eastern Europe (SMALLST, ERC CoG, 101043451) statt. Iulia Derzsi vom Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde Hermannstadt erläuterte die Veranstaltung folgendermaßen: In einem Moment, in dem die Diplomatie ihre Rolle in der zeitgenössischen politischen Landschaft mit besonderer Schärfe neu definiert, bietet diese Vortragsreihe Anlass zu einer historischen Reflexion darüber, wie Staaten an der Peripherie großer Imperien und an der Schnittstelle unterschiedlicher politischer Kulturen ihre Autonomie durch diplomatische Mittel zu wahren verstanden. Trotz grundlegender Unterschiede in Rechtstraditionen, Herrschaftsformen und politischen Kulturen gelang es so verschiedenartigen Gebilden wie Ragusa, Siebenbürgen, der Moldau, der Walachei, dem Krimkhanat und den ukrainischen Kosaken, ein bemerkenswertes Maß an Autonomie im Spannungsfeld zwischen Imperien und Zivilisationen zu bewahren.

Das Projekt SMALLST schlägt eine vergleichende Analyse vor, die bislang von der diplomatischen Geschichtsschreibung vernachlässigte Themen wieder in den Fokus rückt: Die Strategien, mit denen diese Staaten ihre strukturelle Verwundbarkeit bewältigten, den Einfluss ihrer Lage an kulturellen Grenzen auf diplomatische Praktiken und Repräsentationen sowie die Rolle diplomatischer Akteure, die zwischen grundlegend verschiedenen politischen Welten vermittelten.

In der Bibliothek des Forschungsinstituts startete am Donnerstag, den 16. April, Zsuzsanna Cziráki, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der österreichischen Akademie der Wissenschaften, sowie Mitarbeiterin an der Universität Szeged/Ungarn, die Vortragsreihe mit einer deutschsprachigen Präsentation über die Rolle der Siebenbürger Sachsen in den außenpolitischen Beziehungen des Fürstentums Siebenbürgen.

Sie eröffnete damit, dass die fundamentale Unkenntnis in der internationalen Geschichtsschreibung über die sogenannte europäische Peripherie in der früheren Neuzeit in letzter Zeit gebrochen zu sein scheine. Cziráki beschrieb unter anderem die facettenreichen Beziehungen der Siebenbürger Sachsen zu ausländischen Mächten: Siebenbürgisch-sächsische Würdenträger vertraten die Interessen des siebenbürgischen Staates (Fürstentums) und siebenbürgisch-sächsische Politiker vor allem die ihrer eigenen Gemeinde, selbst in Situationen, in denen ihre Bestrebungen im Widerspruch zu den Zielen der jeweils regierenden Fürsten standen. Das politische Handeln der Siebenbürger Sachsen sei vor allem vom Ziel geprägt gewesen, eine Gemeinde- und Gruppenidentität zu wahren und mittelalterliche Privilegien zu verteidigen.

Zwei Gastgeber und ein Gast (v. l. n. r.): Nicolae-Alexandru Nicolaescu, Gábor Kármán und Iulia Derzsi. Foto: Beatrice UNGAR

Innerhalb der Nationsuniversität der Siebenbürger Sachsen hätten die wohlhabenderen Städte Hermannstadt und Kronstadt eine Sonderstellung eingenommen. Ihre wirtschaftlich günstige Lage führte zum Ausbau interregionaler Netzwerke und ihre Befestigungsanlagen verhalfen zu einem größeren Handlungsspielraum in zentralen Fragen. Bereits Ende des Mittelalters errichteten die Siebenbürger Sachsen angesichts zunehmender osmanischer Bedrohungen, umfangreiche Informationsnetzwerke, bestehend aus Informationen in Handlungsnetzwerken, aber auch von größeren Städten bezahlten Spionen, so Cziráki.

Insgesamt seien die Außenbeziehungen der Siebenbürger Sachsen auch im größeren diplomatiegeschichtlichen Kontext sehr bemerkenswert. Die Städte und die Nationsuniversität seien semi-autonome Akteure im Verband des siebenbürgischen Staates gewesen – eine besondere Form der nichtstaatlichen Diplomatie, die flexibel formelle und informelle Strategien verband, angepasst an die Herausforderungen der damaligen Zeit.

Iulia Derzsi teilte mit, dass im Rahmen des neu angekündigten Projektes des Hermannstädter Forschungsinstituts zwei Referenten ihre Forschungsergebnisse noch innerhalb dieses Halbjahres präsentieren werden: Ein Restaurator wird die Typologie der Wandmalereien und ein junger Aktivist die Architektur der siebenbürgisch-sächsischen Dörfer rund um Hermannstadt vorstellen.

Die beiden anderen Vorträge hielten am Montag, den 20. April, Gábor Kármán in englischer bzw. Marian Coman in rumänischer Sprache. Gábor Kármán referierte zum Thema des Projekts, The Diplomacy of Early Modern Small States at the Borderlands between Christianity and the Ottoman Empire (Die Diplomatie kleiner Staaten in der Frühen Neuzeit an der Grenze zwischen Christentum und Osmanischem Reich). Kármán ist leitender Wissenschaftler am Historischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität im Forschungszentrum für Geisteswissenschaften und koordiniert die an dem SMALLST-Projekt beteiligte Forschergruppe.

Marian Coman stellte die Perspektive der Rumänischen Fürstentümer in den Mittelpunkt seines Vortrags. Coman ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte „Nicolae Iorga der Rumänischen Akademie und lehrt an der Universität Bukarest.

Johanna MÜNZNER

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein, Gesellschaft.