,,Um Gottes Willen, das sind Menschen wie wir“

Ausgabe Nr. 2769

,,Hermannstädter Gespräche“ und Filmabend mit Peter Miroschnikoff im Spiegelsaal

Beim Filmabend am Mittwoch der Vorwoche im Spiegelsaal des DFDH: Peter Miroschnikoff (links) und Aurelia Brecht (stehend). Foto: Dragoș DUMITRU

„Ich hatte ein bisschen Orientierungsprobleme“, meinte der Journalist Peter Miroschnikoff zu seinem Besuch in der Stadt. „Hermannstadt von heute ist nicht mehr, wie ich es kannte. Es hat sich viel getan hier“, so der ehemalige Mittel- und Südosteuropakorrespondent der ARD in seiner Einleitung zur ersten diesjährigen Auflage der „Hermannstädter Gespräche“ des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt (DFDH) am Dienstag der Vorwoche.

  

Gemeinsam mit der Historikerin und früheren ADZ-Redakteurin Hannelore Baier sowie Dr. Paul-Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), und später mit dem Publikum diskutierte Peter Miroschnikoff im Spiegelsaal das Thema „Ein anderes Rumänienbild in deutschen Medien“. Die Moderation übernahm Aurelia Brecht, ifa-Kulturmanagerin am DFDH. Dem Gesprächsgast, der nach der Flucht aus Danzig im Alter von zwei Jahren in Deutschland aufwuchs, wurde im Anschluss die silberne Ehrennadel des DFDR verliehen.

„Wir haben es mit einem grundsätzlich negativen Rumänienbild zu tun“, stellte Miroschnikoff zu Beginn fest. „Für mich ist das ein schwerer Schlag, weil das nicht zu meinen Eindrücken passt.“ Einen Beitrag über das Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner in das Programm zu hieven, sei für Journalisten ein schwieriges Unterfangen. Auch deshalb hätten Deutsche keine konturierte Vorstellung von Rumänien und von der deutschen Minderheit.

Miroschnikoff, der Soziologie studierte, weiß: „Rumänien taucht bei uns in manchen Geografie-Büchern auf, sonst gar nicht.“

Baier und Porr bestätigten diesen Eindruck. „Über Rumänien wird wenig berichtet und wenn, dann meist negativ“, so der DFDR-Vorsitzende. In den meisten Beiträgen wird zudem, wie Baier beschrieb, auf die gleichen Bilder zurückgegriffen. Sie führte aus: „Ich verstehe, dass irgendwo angeknüpft werden muss, um Assoziationen hervorzurufen. Kann man da nicht was anderes als Ceaușescu oder Dracula holen?“ In der Diskussions- und Fragerunde im Anschluss zum Podium berichteten viele Stimmen aus dem Publikum von den unterschiedlichen Rumänienbildern aus ihrem Umfeld.

Miroschnikoff prognostizierte, dass es noch dauern werde, bis in Deutschland Interesse für Rumänien und die dortige deutsche Minderheit entsteht. „Ich habe den Optimismus, dass vielleicht die nächste Generation endlich diese Kehrtwende schafft.“ Von 1978 bis zu seiner Pensionierung 2007 war er ARD-Korrespondent in Wien. Heute ist er in der Ausbildung junger Journalistinnen und Journalisten tätig, die in Krisengebieten arbeiten möchten. Miroschnikoff selbst berichtete als Kriegsreporter unter anderem aus Vietnam und Angola.

Am vergangenen Mittwoch konnten Interessierte drei Dokumentarfilme von Peter Miroschnikoff im Spiegelsaal schauen und dem Journalisten Fragen stellen. Gezeigt wurden „Bilder aus Hermannstadt“, „Die Leute von Michelsberg“ sowie „Ich erschoss die Ceaușescus“.

Der Film „Bilder aus Hermannstadt“ wurde, wie Miroschnikoff zum Anfang erzählte, im Januar 1990 in der Stadt gedreht. Zu dieser Zeit sei die Unsicherheit groß gewesen. „Das Land war voller blödsinniger Gerüchte.“ Im Film wurde die Aufbruchsstimmung der deutschsprachigen Bevölkerung durch verschiedenste Interviews auf der Straße, im Klassenzimmer oder im Chor eingefangen. Auch jene, die sich zum Bleiben entschieden hatten, kamen zu Wort. Darunter war auch Mundartautorin Maria Gierlich-Gräf aus Großscheuern, die Miroschnikoff als Kämpferin bezeichnete. „Zwei Jahre später ist auch sie ausgewandert“, fügte er hinzu.

„Dieser Film zeigt, wie es mal war“, kündigte der Journalist den zweiten Programmpunkt „Die Leute von Michelsberg“ an. In der 1984 während viereinhalb Wochen entstandenen – außergewöhnlich lange Dreharbeiten, wie Miroschnikoff betonte – Dokumentation wird bewusst nichts kommentiert, sondern von den Anwohnerinnen und Anwohnern vor Ort erklärt. „Sie sollten ihre Traditionen noch einmal zusammenführen. Das war damals zum letzten Mal so.“

Es sei der fundamentale Versuch gewesen, die siebenbürgisch-sächsische Kultur und die Region an ein breites deutsches Publikum auf romantische und unterhaltsame Weise zu vermitteln. „Um Gottes Willen, das sind Menschen wie wir“, sei die von Miroschnikoff erhoffte Reaktion gewesen. Der Film wird am Jahrestreffen der Siebenbürger Sachsen gezeigt. Auch in Österreich sei er oft wiederholt worden. „In Michelsberg selbst hat er Kultcharakter erreicht. Da gibt es so viele Raubkopien, dass die Farbe schon weg ist“, erklärte Miroschnikoff lachend.

Vor der Präsentation des dritten und letzten Films gab es für die zahlreichen Gäste eine Verschnaufpause sowie Verpflegung. Mit „Ich erschoss die Ceaușescus“ wollte Miroschnikoff zehn Jahre nach der Hinrichtung klären, was wirklich abgelaufen war. Dafür begleitete er Oberst Ionel Boeru, einer der drei Schützen im Schiesskommando, unter anderem beim Besuch des Grabes von Nicolae Ceaușescu sowie dem Ort des Prozesses und der Urteilsvollstreckung in Târgoviște. „Es war mir wichtig, an diesen Platz zurückzugehen und auch die Hauptakteure zu zeigen.“ Für den Beitrag sprach Miroschnikoff unter anderem mit dem ehemaligen Präsidenten Ion Iliescu und dem ehemaligen stellvertretende Regierungschef Gelu Voican Voiculescu.

In der Diskussionsrunde beantwortete Miroschnikoff Fragen aus dem Publikum und ergänzte mit seinen Erzählungen einen Einblick in die Produktionsarbeiten. Er erklärte beispielsweise, wie er und sein Team beim Drehen von „Ich erschoss die Ceaușescus“ „für ihre Sicherheit“ begleitet wurden oder, dass die erhoffte Partnerin für den Film die British Broadcasting Corporation (BBC) sich zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits nicht mehr für die Thematik interessierte. Nachdem alle die Chance hatten, ihre Fragen, Bemerkungen und Komplimente anzubringen, schloss der Anlass mit großem Applaus für Peter Miroschnikoff. In persönlichen Gesprächen beim Apéro konnten Diskussionswillige sich weiter austauschen.

Die ersten „Hermannstädter Gespräche“ von 2022 sind auf Youtube unter dem folgenden Link verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=7VmLBrn8ycQ.

Carla HONOLD

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein, Bildung, Geschichte.