Von Griechen und Geten, Dakern und Römern

Erzählt der Band „Dacia Felix“ von Kai Brodersen / Von Jürgen HENKEL

Ausgabe Nr. 2683

Sarmizegetusa Regia in den Brooser Bergen. Foto: Bogdan BRYLYNSKI

„In unseren Adern fließt Römerblut“ – so heißt es bis heute in der rumänischen Nationalhymne. Die Rumänen sind stolz auf ihre römischen Wurzeln, die sich in den Auseinandersetzungen zwischen ihren dakischen Vorfahren und den Römern sowie der Zeit als Provinz Dacia des Römischen Reiches ab 106 n. Chr. herausgebildet haben. Für die rumänische Geschichtsschreibung ist diese dakisch-römische Identität freilich nicht nur eine zu beweisende Theorie, sondern Axiom, Prämisse und Prinzip. Doch wie sieht es um die historische Zuverlässigkeit dieser These aus?

 

Ein aktuelles Buch von Kai Brodersen gibt dazu einen umfassenden Einblick. Der Professor für  antike Kultur an der Universität Erfurt legt unter dem Titel „Dacia felix. Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen“ eine sorgfältige Studie vor, die unter Berücksichtigung aller verfügbaren schriftlichen wie nicht-schriftlichen Quellen die Entwicklung der Völker und Besiedlung des antiken Dakiens auf dem Gebiet des heutigen Rumänien kundig, hintergründig und sogar vergnüglich darstellt, wobei sich Puristen nicht an der Bezeichnung „antikes Rumänien“ zu  stören brauchen. Es geht Brodersen gerade darum, die ethnische und historische Gemengelage Dakiens ohne ideologische Prämissen ausschließlich nach Quellen und Belegbarem darzustellen. So entsteht eine überzeugende historische und kulturgeschichtliche Studie von großer Aussagekraft.

Dabei wird rasch deutlich, welche große Rolle das antike Dakien als Provinz des römischen Reiches hatte und erlangte. Der Autor hält fest: „Von 101 n. Chr. an wurde das nördlich der Donau gelegene Dakien innerhalb kurzer Zeit für das Imperium Romanum erobert und rasch mit Straßenbau und Städtegründungen zu einer Provinz ausgebaut. Mit seinen Bodenschätzen – allen voran Gold und Salz – und mit seinen für die antike Landwirtschaft günstigen Boden-  und Klimaverhältnissen war Dakien von beachtlicher Bedeutung für das Römische Reich.“ (S. 7)

Bauliche Reste und archäologische Fundstücke, Inschriften, Münzen und literarische Zeugnisse zeugen bis heute von der römischen Vergangenheit der Region. Das Rumänische ist in Wortschatz und Grammatik bis heute als romanische Sprache eng dem Lateinischen verwandt, der Landesname selbst hat als einziger Staat bis heute einen Namensbezug zu den Römern. Vorrömische Traditionen sind vor allem in Fluss-, Berg- und Ortsnamen präsent. Brodersen arbeitet alle relevanten Quellen jener Zeit zu Dakien auf – von den (wenigen!) epigraphischen Zeugnissen wie Inschriften auf historischen Skulpturen, Denkmälern und antiken Dokumenten über Münzen bis hin zu Literatur und Bauten.

Er markiert dabei ein Problem der Forschung deutlich: „Während eine Vielzahl von Inschriften in der griechischen und vor allem in der von den Römern gesprochenen lateinischen Sprache erhalten sind, kennen wir kein einziges Schriftzeugnis in der Sprache der dort bereits vor den Römern ansässigen Menschen – wahrscheinlich, weil es keine solchen Inschriften gab.“ (S. 18 f.) Das gilt auch für die Daker, woraus sich eine „Assymetrie“ der Quellenlage ergibt. Der Band zeigt die Entwicklung des Begriffs Daker und Dakien auf. Kein Geringerer als Gaius Iulius Caesar benutzte den Begriff Daker erstmals in seinem berühmten Werk „De bello gallico“. Auch auf die oft synonym gebrauchten Termini von Geten und Dakern geht er ein. Dazu wusste schon Plinius der Ältere: „Die Geten werden von den Römern Daker genannt.“ (Zit. S. 41)

Brodersen referiert die „postulierte Kontinuität von der römischen Zeit bis zur Herausbildung des rumänischen Staats“ als ein „nach wie vor beliebtes Modell für das Verständnis der Geschichte auch der Region des Karpatenbogens“ (S. 35). Gegenüber diesem Verständnis bemüht er sich, die Regionalgeschichte des antiken Dakiens stärker als Vernetzung von Kulturen zu erfassen. Wobei die Befunde seiner Studie die rumänischen Thesen der Kulturprägung durch die Römer in der Symbiose mit den Dakern eher stützen als schwächen.

Erste ausführlichere Nachrichten über Geten und Daker beziehen sich auf Siedlungsgebiete östlich des Karpatenbogens, besonders in der Dobrudscha. Der Küstenbeschreibung des „Pseudo-Skymnos“ lassen sich entsprechende Zeugnisse entnehmen. Er und Herodot sind es auch, die griechische Siedler in Hafenstädten bereits für das 7. Jh. vor Christus belegen. Auch der persische Herrscher Dareios hat seine Spuren hinterlassen. Er unterwarf Skythen und Geten als „die tapfersten und gerechtesten Leute der Thraker“. Freilich werden die Skythen von Herodot als kulturlose Menschen skizziert, die anders als Griechen und Perser keine Landwirtschaft betreiben und keine Städte bewohnen, und auch die Geten kommen als merkwürdiges und „einfältiges“ Volk nicht viel besser weg.

Kai Brodersen: Dacia felix. Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen, Verlag wbg/Philipp von Zabern, Darmstadt, 2020, 240 Seiten, ISBN 978-3-8053-5059-4

Ausführlich behandelt Brodersen dann die Daker im Karpatenbogen vor den Römern, unter anderem auf der Basis des spätantiken Autors Jordanes und dessen „Königslisten“. Trotz einer „verzerrten Chronologie“ gebe dies durchaus Aufschluss über die Zeit vor der Begegnung der Daker mit den Römern bis hin zum großen König Byrebistas (rumänisch Burebista), der wohl über ein „Pfalzensystem“ mit wechselnden Residenzen verfügte und als gefährlicher Freund seines Feindes Pompeius schon ins Visier Caesars gelangte.

Von Kriegen über den Status von Verbündeten und „Klientelkönigen“ Roms führte die historische Entwicklung schließlich zu Dakien als befriedeter und integrierter Provinz – „Dacia felix“. Sueton schreibt die entscheidende Schlacht Kaiser Augustus zu: „Er beendete auch die Einfälle der Daker und erschlug eine große Zahl von ihnen zusammen mit ihren Anführern.“ (Zit. S. 89) So konnte der große Historiker Theodor Mommsen die Rheingrenze des Imperiums als Caesars Werk und die Donaugrenze als Werk des Augustus bezeichnen. Dass die Daker durchaus gefährliche Unruhestifter blieben, zeigen die Schutzgeldzahlungen der Römer an Decebal, bevor Kaiser Trajan endgültig für Ruhe sorgte und die Region römische Provinz wurde.

Feinteilig, detailreich und stets quellenorientiert arbeitet Brodersen all diese Entwicklungen bis zur Aufgabe der Provinz unter Kaiser Aurelian im 3. Jahrhundert heraus, wobei die römische Zeit einen Schwerpunkt bildet – auch aufgrund der Quellenlage. Ganz nebenbei erfährt der Leser viel über die Geschichte des Römischen Reiches zur Kaiserzeit. Die geschickt ausgewählten Bilder zeigen Stätten wie das Tropaeum Trajani in Adamclisi, Ruinen von Istros oder auch einen Goldstollen aus Roşia Montana. Der Anhang empfiehlt zehn antike Stätten als Reiseziele in Rumänien. Kai Brodersen bietet hier einen vergnüglichen wie spannenden Quellen-Spaziergang durch das antike Rumänien.

 

 

 

 

 

 

 

 

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