,,Das Leben ist ein Wollknäuel“

Die Inszenierung des Theaterstücks ,,Quartett“ von Heiner Müller feierte Premiere

Ausgabe Nr. 2665

Mit ,,Quartett“ von Heiner Müller in der Inszenierung von Hunor Horváth brachte die deutsche Abteilung des Radu Stanca-Nationaltheaters am 12. März die letzte Premiere vor Eintreten des Notstands in Hermannstadt heraus.  Unser Bild: Szenenfoto mit Emöke Boldizsár, Daniel Plier, Olga Török und Valentin Späth (v. l. n. r.). Foto: Niels STERN

Das Coronavirus hat auch Auswirkung auf die Theaterwelt. Die deutsche Abteilung des Radu Stanca-Nationaltheater brachte am 12. März im Studiosaal des Ion Besoiu-Kulturzentrums vor handverlesenem Publikum – gerade mal 15 Personen –  die vorerst letzte Premiere heraus.  „Das Leben ist ein Wollknäuel, es beginnt im Nichts und endet im Nichts“. Mit diesem Satz wurde das Publikum wieder in die kalte Nacht verabschiedet. Alles andere als kalt war unterdessen das, was sich anderthalb Stunden dramatisch auf der Bühne abgespielt hatte.

 

Regisseur Hunor Horváth inszeniert Heiner Müllers Zweipersonenstück ,,Quartett“ aus dem Jahre 1980 nach der Vorlage des Briefromans ,,Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos von 1782 mit zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern. Der Zeitraum „Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem Dritten Weltkrieg“ zeigt, es findet alles im apokalyptischen Kontext statt.

Es gehe um Liebe, da man ohne sie nichts ist, wird am Anfang von Paula Breuer verkündet. Liebe ist für die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont, beide sowohl von Olga Török und Emöke Boldizsár sowie Valentin Späth und Daniel Plier in ständig wechselnden Rollenspielen dargestellt, die Reduktion auf Sex und reine Körperlichkeit, beziehungsweise vielmehr das Reden darüber.

Szenenbild mit Daniel Plier und Emöke Boldizsár.      Foto: der Verfasser

Sexualität ist für die beiden zu einem Machtgebaren geworden, bei dem die Lust an der Zerstörung dominiert. Sie finden ein selbstgefälliges Vergnügen dabei, die Welt und die Menschen anhand derer selbst konstruierten Moralvorstellungen zum Einsturz zu bringen. Es wird ein unerbittlicher Machtkampf ausgeführt, bei dem Rhetorik und Perversion auf die Spitze getrieben werden, bis hin zur brutalen Selbstzerstörung.

Was bleibt ist ein Stück, in dem Konventionen und Normen gebrochen und Geschlechteridentität, Körperlichkeit, Kontrolle und Hingabe neu ausgelotet werden.

Ausnahmslos alle Darsteller legten eine gewagte und sehr engagierte Leistung dar, mit sehr viel Hingabe und Spiel.

Die intime Atmosphäre und ein tolles Bühnenbild, in dessen Mittelpunkt ein Becken voller Asche ist, welches wie ein großer Sandkasten Schauplatz vieler, obszöner Ereignisse ist, rundeten einen gelungenen und interessanten Theaterabend ab.

Gebührend gewürdigt wurde das Stück seitens der Zuschauer mit starkem, auch in Anbetracht der reduzierten Zuschauerzahl, lange anhaltendem Applaus, in dem jedoch ein wenig Verwirrung durchklang. Nach einem solchen Abend muss man erst einmal tief durchatmen und verdauen.

Niels STERN

 

 

 

 

 

 

 

Posted in Aktuelle Ausgabe, Theater.