Freiheit liegt im Handeln

Teile diesen Artikel

Gespräch mit Regisseurin Alice Kornitzer über die Theaterpremiere mit „Avalanche“

Ausgabe Nr. 2958

Alice Kornitzer.
Foto: Stephen AMBROSE

Die neueste Premiere an der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Nationaltheaters in Hermannstadt wird am Donnerstag, dem 21. Mai, um 19 Uhr auf der Bühne des Theaters gezeigt. Es handelt sich um das Stück „Avalanche“ von Tuncer Cücenoğlu unter der Regie von Alice Kornitzer. Über die Premiere und die Zusammenarbeit mit der deutschen Abteilung führte HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r mit der Regisseurin Alice Kornitzer folgendes Gespräch:

 

Stellen Sie sich bitte kurz vor.

Ich bin in London geboren und in Berlin aufgewachsen, habe in Großbritannien Theater studiert, hab aber davor schon am Berliner Ensemble als Schauspielerin agiert und Musik gemacht. Seit 2012 lebe ich in London, wo ich zuerst als Regieassistentin und danach als Regisseurin gearbeitet habe. Während der Pandemie habe ich an Filmprojekten gearbeitet und in den letzten Jahren an Schauspielschulen in Berlin inszeniert.

Es ist also nicht das erste Mal, dass Sie in deutscher Sprache inszenieren?

Nein, aber es ist meine erste große deutsche Produktion, weil ich sonst Stücke in englischer Sprache in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten inszeniert habe.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Nationaltheaters?

Das war eine schnelle und kuriose Sache. Ich bekam einen Anruf von Petra Rațiu (Anm. der Red.: der Leiterin der deutschen Abteilung des RST) eines Abends, ob ich nicht Lust hätte, hierher zu kommen. Wir kannten uns gar nicht, sondern wir hatten gemeinsame Freunde durch unsere Arbeit in Berlin, wo sie auch länger war. Jemand hatte mich vorgeschlagen, dann haben wir öfter telefoniert, über mögliche Stücke gesprochen…

Wer hatte dann das Stück „Avalanche“ von Tuncer Cücenoğlu vorgeschlagen?

Die Idee kam von ihr. Wir hatten mehrere Stücke durchgelesen. Ich wollte ein zeitgenössisches Stück inszenieren und Petra war auch dafür. „Avalanche“ wurde 2016 geschrieben.

Worum geht es in „Avalanche“?

Der Autor inspirierte sich für dieses Stück aus einer wahren Begebenheit. Es gab wohl ein Dorf in der Türkei, das sehr lange unter ziemlich drakonischen Regeln gelebt hat, um den Absturz einer Lawine zu vermeiden. Frauen durften z. B. nur an gewissen Tagen im Jahr gebären. In dem Stück ist es so, dass nur an drei Monaten im Verlauf eines Jahres frei gelebt werden kann. Die ganze Handlung passiert an einem Tag, ein paar Tage bevor es mit diesen drei Monaten losgehen kann. Gleich am Anfang des Stücks geht es um eine junge hochschwangere Frau, der eine Komplikation widerfährt, so dass die Angst entsteht, sie könnte vor dem Termin gebären. Tuncer Cücenoğlu hat den Aspekt der Lawine allerdings in eine Metapher umgewandelt und zwar hinterfragt er dabei, wie Regierungen oder Autoritäten Regeln benutzen, um gesellschaftliche Kontrolle auszuüben und sich somit auch Freiheiten nehmen, die eigentlich unglaublich brutal sind. In dem Stück haben wir immer wieder von der Parabel „Frosch im heißen Wasser“ gesprochen, in der beschrieben wird, wie ein Frosch in kaltem Wasser sitzen bleibt, während dieses langsam erhitzt wird. Der Frosch stirbt, weil er die schleichende Gefahr nicht bemerkt. Das spiegelt sich meiner Meinung nach in unserer Zeit wider. Wenn es um Migrationspolitik geht, sind die Dinge heute sehr ähnlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg damals. Politik und Aussagen verschärfen sich immer mehr, es finden Schuldabschiebungen auf Minoritäten statt, die in der Allgemeingesellschaft sehr weit hingenommen werden, bis man irgendwann merkt, man ist zu weit gegangen. Wir haben global einen Schlüsselpunkt erreicht, wo alles jeden Moment kippen könnte. Darum fand ich das Stück so spannend, es spricht theatralisch gesehen meine Sprache.

In welche Kategorie könnte man das Stück eingliedern?

Von der Prämisse her ist es eher eine dystopische Geschichte mit viel Humor. Ich ziehe da auch eine satirische und zynische Note mit hinein, gerade auch um die Autoritäten in eine Darstellung zu bringen, bei der man sich fragen muss, ob man sie ernst nehmen kann. Der Zynismus und die Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben grenzen eigentlich schon an eine Komödie, wenn es nicht so tief tragisch wäre.

Haben Sie eine Lieblingsszene?

Es gibt viele Momente, die ich sehr gerne mag. Es gibt eine Frühstücksszene in der Familie, in der der Tag sehr normal startet, und die mich sehr an ein Weihnachtsessen erinnert, das permanent schief gehen könnte, weil irgendein Familienmitglied zu weit geht. Es ist da noch eine Szene, in der sich viele unterschiedliche Geschichten parallel abspielen. Das gefällt mir sehr gut auf der Theaterbühne, denn das ist etwas, was man im Film mit der Kamera nicht so gut darstellen kann.

Ist es eher eine moderne Inszenierung?

Ja, das beginnt schon am Bühnenbild, das ich mit Miruna Croitoru zusammengestellt habe. Wir haben viel über die japanische Shogun-Zeit gesprochen, in der Japan über 2000 Jahre absolut abgeschottet war, keinen Handel mit der Außenwelt betrieben hat und Materiale immer wieder nachbenutzt wurden. Das hat sich in die Ästhetik der Familie auf der Bühne eingeschlichen, die fast rückständig aussieht. Im Gegenzug dazu stehen die Autoritäten, die eine hochmoderne Ästhetik haben. Wir gehen viel in die Tiefe der Bühne, so dass sich Dinge auch immer wieder hinter dem Bühnenbild abspielen. Farblich erinnert das Bühnenbild an eine Eiswelt. Es stehen auch Musiker auf der Bühne, die Geräusche herstellen, die dazu beitragen, dass die Zuschauer eine immersive Erfahrung mit unterschiedlichen Tonqualitäten erleben.

Wann haben die Proben begonnen? Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern?

Die Proben haben Ende März begonnen. Es ist ein spannendes Ensemble aus unterschiedlichen Ecken der Welt mit sehr verschiedenen spielerischen Qualitäten und Stilen. Interessant ist auch der Mix aus jungen und erfahrenen Schauspielern von der deutschen Abteilung und es ist auch ein Schauspieler von der rumänischen Abteilung dabei. Insgesamt stehen elf Darsteller auf der Bühne. Die Arbeit mit ihnen macht viel Spaß.

Welches Gefühl wird der Zuschauer nach dem Stück mit nach Hause nehmen?

Das ist eine gute Frage. Es ist ein Stück, dass sehr viel darüber erzählt, wie unfrei Menschen sind. Es gibt einen großen Twist am Ende, den ich nicht verraten möchte. Ich wünsche mir für das Publikum, dass es nicht auf die extremste Situation ankommen muss, bevor wir in die Handlung treten. Ich war sehr inspiriert von Hannah Arendts Zitat: „Solange man handelt, ist man frei, nicht vorher und nicht nachher, weil Handeln und Freisein ein und dasselbe sind“, was zusammenfassend soviel bedeutet wie: Freiheit liegt im Handeln. In einer Zeit, in der wir mit so vielen Problemen konfrontiert werden, in der sich die Politik nicht wirklich stark macht für Lösungen, sind wir an einen Wendepunkt gelangt. Was ich mir wünsche für das Publikum ist, dass wir in eine Phantasiewelt treten und uns überlegen, wie wir eigentlich leben wollen auf einer total solidarischen Ebene.

Verraten Sie uns Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte in Zukunft meine eigene Arbeit kreieren. Ich führe auch eine eigene Theatergruppe an, Pick Up Productions, in der ich viel mit Künstlerinnen und Künstlern arbeite, die aus unterschiedlichen Lebenshintergründen kommen, teilweise mit Ex-Sträflingen oder Menschen, die Probleme mit der Justiz hatten. Es ist einerseits improvisiertes Theater, andererseits an Shakespeare angelehnt, wir gehen nicht auf Bühnen, sondern spielen auf einem Pickup-Truck an öffentlichen Orten, um Theater zu allen Menschen zu bringen. Für mich ist das Theater an sich ein Raum, in dem man das Elitäre wegschmeißen und zusammenkommen sollte, um Kunst zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.