Die ,,Denkmalambulanz“ rettet das ehemalige Ursulinenkloster
Ausgabe Nr. 2958

Ștefan Vaida im Dachstuhl mit einem besonderen Fundstück: Das Zunftschild des Schneidermeisters Philipp Neuwirth aus dem Jahr 1801.
Foto: Alisa SCHWARZ
Zwischen Staub, Dachbalken und jahrhundertealten Fundstücken wird im ehemaligen Ursulinenkloster in Hermannstadt derzeit nicht nur gebaut, sondern Geschichte freigelegt. Freiwillige aus dem In- und Ausland arbeiten hier gemeinsam mit Ștefan Vaidas „Denkmalambulanz” daran, das stark beschädigte Dach zu sichern und damit den gesamten Gebäudekomplex vor dem Verfall zu bewahren und für eine zukünftige Nutzung bereitzumachen. Ein Besuch auf der Baustelle zeigt, wie viel Engagement und Überzeugung hinter diesem Projekt steht.
Als wir an einem Montagnachmittag die Baustelle des ehemaligen Ursulinenklosters in der Hermannstädter Oberstadt erreichen, kehrt gerade für einen Moment Ruhe ein. Nach Stunden auf dem Dach legen die Freiwilligen eine kurze Pause ein. Nur einer ist noch oben: Ștefan Vaida, der Initiator der „Denkmalambulanz” (Ambulanța pentru Monumente). Dieses Zeitfenster wollen wir nutzen, um uns die Arbeiten aus nächster Nähe zeigen zu lassen.

Arbeitsbeginn auf dem Dachstuhl.
Foto: Alisa SCHWARZ
Während wir warten, kommen wir mit Heinz ins Gespräch. Der gebürtige Schäßburger lebt seit über zehn Jahren in Brüssel und arbeitet dort als Übersetzer für die Europäische Union. Mehrere Wochen im Jahr verbringt er dennoch freiwillig auf Baustellen wie dieser. Das liegt vor allem an schlechtem Gewissen, wie er uns verrät: „Bei mir ist im Leben immer alles perfekt gelaufen. Es könnte nicht besser sein. Deshalb will ich hier als Freiwilliger mit meiner Arbeit der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Gerade erst ist er in Hermannstadt angekommen: Es ist sein erster Tag auf dieser Baustelle. Jede Woche arbeitet eine neue Gruppe von Freiwilligen am Dach des Klosters.
Kurz darauf steigt Vaida vom Dach herab und führt uns ins Gebäude. Drei Stockwerke geht es hinauf ins Dachgeschoss. Wir laufen direkt auf den Gewölben der darunterliegenden Räume. Während wir uns nach oben bewegen, erzählt er, wie die „Denkmalambulanz” entstanden ist, die er gemeinsam mit seinem Bruder Eugen ins Leben gerufen hat. „Nach meinem Architekturstudium habe ich mich in meinen Heimatort Alzen zurückgezogen und lange überlegt, was ich tun kann“, sagt er. Der Entschluss: das bauliche Erbe Rumäniens aktiv zu retten. Dort, wo Gebäude akut gefährdet sind.
Im Dachstuhl angekommen, wird schnell klar, wie viel Arbeit bereits hinter dem Projekt steckt. Rund zehn Tonnen Schutt mussten hier entfernt werden. „Wochenlang haben Freiwillige von morgens bis abends nur Schutt runtergetragen“, erzählt Vaida. „Wenn wir dabei nichts gefunden hätten, wäre das die langweiligste Arbeit der Welt gewesen.“ Doch genau das Gegenteil trat ein: Immer wieder kamen historische Fundstücke zum Vorschein.

Fünf Mitglieder des Vereins Brukenthal von Studio hatten am 5. März auf einer Pressekonferenz Auskunft gegeben über ihre Pläne für die Sanierung und Nutzung als „Art Hub” des ehemaligen Ursulinenklosters: Andrei Popa, Ioan Muntean, Robert Strebeli, Ilie Mitrea und Ioan Brai (v. l. n. r.).
Foto: Beatrice UNGAR
Darunter befinden sich Bauelemente aus der Renaissancezeit. Sie stützen die These, dass der heutige barocke Gebäudekomplex nicht vollständig neu errichtet wurde, sondern ältere Strukturen integriert. „Wir arbeiten bei unseren Projekten immer mit Historikern zusammen“, erklärt Vaida. „Oft finden wir so viele Dinge, dass wir die Geschichte eines Gebäudes neu schreiben müssen.“ Darin sieht er auch den Unterschied zu klassischen Bauarbeiten: „Während andere den Schutt einfach entsorgen, wollen wir die Geschichte bewahren.“
Neben baulichen Fragmenten fanden sich auch zahlreiche schriftliche Zeugnisse: Briefe aus dem späten 18. Jahrhundert in Deutsch, Latein und Französisch, teils noch mit gut erhaltenen Wachssiegeln. Auch Zeichnungen von Schülerinnen und Schülern aus den 1930er- bis 1950er-Jahren kamen zum Vorschein. Ein besonderes Stück ist das Schild des Schneidermeisters Philipp Neuwirth aus dem Jahr 1801. „Die Hintergrundfarbe ist fast verschwunden, aber die Schrift in Gold hat sich wunderbar erhalten“, sagt Vaida fasziniert.
Besonders faszinieren ihn sogenannte „Feierabendziegel“, die immer wieder an den alten Dächern auftauchen. Das war oft der letzte Ziegel, den ein Arbeiter am Tag hergestellt hat und auf welchem er sich und seine Gedanken im Ton verewigt hat. Vaida zeigt uns ein Exemplar, dessen alten Text er erst am Vortag entschlüsseln konnte: „Dies will der J. Schuler dichten und schreiben, aber ich soll zuerst in den Kirchenweingarten, dann will ich noch ein wenig dichten, wie es mir die Zeit verlangt. Keine Zeit mehr.“
Ein Teil dieser Funde soll künftig im Gebäude selbst ausgestellt werden. Denn die Arbeiten am Dach, die voll nach Zeitplan laufen, sind nur der erste Schritt. Ziel ist es, das ehemalige Ursulinenkloster wieder nutzbar zu machen und langfristig in den Kulturkreislauf der Stadt zu integrieren. Geplant sind unter anderem Ausstellungen, etwa im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals (FITS). Dabei handelt es sich um eine Sonderausstellung unter dem Titel „Transilvania/Extravaganza” mit 80 Werken des Künstlers Ștefan Câlția, dessen Werk auch das Plakat des FITS ziert (Mehr dazu im Kasten links).
Das Ensemble, das dem römisch-katholischen Erzbistum in Karlsburg/Alba Iulia gehört, ist zurzeit an den Verein Brukenthal von Studio verpachtet. Die Einnahmen aus diesen Ausstellungen sollen wiederum dazu beitragen, den gesamten Gebäudekomplex Schritt für Schritt weiter zu sanieren.
Das aktuelle Projekt läuft über mehrere Wochen und konzentriert sich auf die Sicherung der Dachkonstruktion: beschädigte Bereiche werden stabilisiert, die Dacheindeckung mit traditionellen Materialien erneuert und die Entwässerungssysteme instandgesetzt. Unterstützt wird die Maßnahme unter anderem vom Baukonzern STRABAG Romania, der 50.000 Euro zur Verfügung stellt.
Während wir uns im Dachstuhl umsehen, kehren die Freiwilligen nach und nach aus ihrer Pause zurück. Immer wieder kommen sie zu Vaida, stellen Fragen, holen sich Anweisungen. Die Arbeit geht weiter, Schritt für Schritt.
Für Vaida und sein Team ist klar: Ohne die Menschen vor Ort wären Projekte wie dieses nicht möglich. „So ein gemeinsames Projekt verbindet und sorgt dafür, dass sich die Gemeinschaften ihrem historischen Erbe und der damit verbundenen Verantwortung bewusstwerden“, sagt er. Genau darin liegt der zentrale Ansatz der ‚Denkmalambulanz‘: nicht nur Gebäude zu sichern, sondern langfristig lokale Strukturen zu stärken und tragfähig zu machen.
Wie nachhaltig diese Wirkung sein kann, zeigt eine Erfahrung aus einem früheren Projekt: „Da kam ein kleiner Junge aus dem Dorf, der mitgeholfen hat, zu mir und sagte: ‚Hier will ich mal heiraten!‘ Da habe ich gewusst, dass wir uns um diesen Bau keine Sorgen mehr machen müssen“, schließt Vaida ab.
Tobias JARITZ
Transilvania | Extravaganza, die bisher größte dem Künstler Ștefan Câlția gewidmete Ausstellung, wird am 19. Juni im Rahmen des Hermannstädter Internationalen Theaterfestivals (FITS) im ehemaligen Ursulinenkloster in Hermannstadt eröffnet und kann daselbst bis zum 16. August besichtigt werden. In der Ausstellung zu sehen sind auf einer Gesamtfläche von ca. 1.000 Quadratmetern 80 repräsentative Werke aus dem Archiv der Ștefan Câlția Stiftung und aus Privatsammlungen sowie aktuelle Gemälde. Die von der Kunstkritikerin und -historikerin Liviana Dan kuratierte Schau bietet eine kohärente Lesart für das Werk dieses emblematischen zeitgenössischen Künstlers.

Ștefan Câlția sagte dazu: „Ich wünsche mir, dass jeder Mensch, der die Ausstellung besucht, seine Gedanken neu ordnen kann und heimgeht mit dem Empfinden, dass ihn etwas angesprochen hat und ihn sich lebendiger fühlen ließ. Du kommst her, betrachtest alles und fühlst, dass deine Gedanken, deine Freude, deine Verspannungen und Dramen lebendig sind und dich irgendwie dazu drängen sie neu zu ordnen. Und schließlich, weil es sich um eine recht große Ausstellung handelt, wünsche ich mir, dass sie dir auch Arbeitslust für dein Leben, für deinen Beruf mitgeben kann. Dass du die Ausstellung mit dem Gefühl verlässt, dass du etwas tun musst.”
Zeitgleich präsentiert die „Denkmalambulanz” zu ihrem 10. Gründungsjubiläum im Dachboden des Hauptgebäudes eine Ausstellung als Plädoyer für die Öffnung von Dachböden denkmalgeschützer Gebäude für die Öffentlichkeit.
Unser Bild: Ștefan Câlția: Cale în Transilvania (2014).