Von „Sieranevada“ bis „Fuocoammare“

Zwei Oscar-nominierte Filme beim 16. Astrafilm-Festival in Hermannstadt
Ausgabe Nr. 2503
 

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Nur ein Festival schafft es Jahr für Jahr, im kalten und verregneten Monat Oktober die kulturliebenden Hermannstädter aus ihren Häusern zu locken: Es ist die perfekte Zeit für das Astrafilm-Festival. Heuer feiern die Organisatoren rings um Dumitru Budrala die 16. Auflage und diese ist wie jedes Jahr noch besser als im Vorjahr. Die besten 100 Dokumentarfilme, die in den letzten zwei Jahren weltweit erschienen sind, können bis Sonntag beim Festival gesehen werden. Neu ist der Dome auf dem Großen Ring, in dem ein 360-Grad-Kino eingerichtet wurde.

Offiziell eröffnet wurde das Dokumentarfilmfestival am Montagabend im Thaliasaal. Eine Begrüßungsrede hielt wie jedes Jahr Festivaldirektor Dumitru Budrala. Es folgten Ciprian Ștefan, der Leiter des Astra-Museums und die Kreisratsvorsitzende Daniela Cîmpean. Letztere erinnerte das Publikum daran, dass das Astrafilm-Festival das einzige Dokumentarfilmfestival in Rumänien ist. „Wir sollten nicht vergessen, dass dieses Festival dazu beigetragen hat, dass Hermannstadt 2007 Kulturhauptstadt war. Ich beglückwünsche Herrn Budrala und sein Team für die Entschlossenheit und Leidenschaft, mit denen das Festival organisiert wird,“ sagte Daniela Cîmpean. Der Höhepunkt des Abends war die Ausstrahlung des Oscar-nominierten rumänischen Spielfilms „Sieranevada“.

Der Film, der auch das Festival in Cannes eröffnet hat, wurde von den Hermannstädtern gut aufgenommen. Und der Regisseur Cristi Puiu und drei der mitwirkenden Schauspieler waren auch anwesend, um die vielen Fragen der Hermannstädter zu beantworten. Der größte Teil des Films ist in einer einzigen engen Wohnung in Bukarest angesiedelt: Verwandte und Freunde eines verstorbenen Familienpatriarchen sind für ein Tränenbrot zusammengekommen. Der Zuschauer betrachtet die Zusammenkunft aus den Ecken der verschiedenen Räume oder noch öfter vom Flur, von wo aus er durch halbgeöffnete Türen in die einzelnen Zimmer lugt. Die Gedenkfeier findet zufällig nur drei Tage nach dem Angriff auf die Pariser Satireredaktion Charlie Hebdo im Jahr 2015 statt – und ausgehend von diesem Ereignis kommen die Protagonisten auch immer wieder auf die Verschwörungstheorien rund um die Anschläge vom 11. September 2001 zu sprechen. Alles geht drunter und drüber in der Großfamilie. Ein Wortgefecht zwischen der alten kommunistischen Tante und einer jungen Mutter endet in bitteren Tränen. Eine andere Tante weint, weil ihr Mann sie mit der Nachbarin betrogen hat. Währenddessen diskutieren der Schwager und der Neffe 9/11-Verschwörungstheorien. Und der Priester, auf den alle warten, lässt sich Zeit. Drei Stunden dauert der Film, der nach der Ausstrahlung heftig applaudiert wurde.

Am Dienstag ging das Festival weiter, mit drei hintereinander gezeigten Dokumentarfilmen über das Leben der Aromunen.

Der mehrfach preisgekrönte Film „Among the Believers“ von Hemal Trivedi und Mohammed Ali Naqvi gewährte Einblick in die politischen und religiösen Unruhen in Pakistan und schilderte u. a. das Leben der Schüler der „Roten Moschee“ und den Kampf der Pakistaner gegen religiösen Extremismus und Terror. Ein sehr bedrückender Film, der an zwei Tagen gezeigt wurde.

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Zur Entspannung konnte man sich verschiedene Filme im „Fulldome“ auf dem Großen Ring anschauen. Die Filme wurden drinnen auf die Kuppel projiziert. Dabei wird das gesamte Gesichtsfeld ausgefüllt, so dass der Betrachter wirklich das Gefühl bekommt, in die dargestellte Szenerie einzutauchen. Im „Fulldome“ konnten die Besucher entweder auf speziellen Stühlen sitzen, oder für ein maximales Erlebnis auf weichen Matratzen liegen. Täglich kann man hier von 9 bis 22 Uhr bis zu 17 kurze Filme sehen u. a. über das Polarlicht oder den Zweiten Weltkrieg.

Heiß erwartet wird der Film „Fuocoammare“, von Gianfranco Rosi, Italiens Vorschlag für die Oscars, der heute, um 21.30 Uhr im Auditorium der Lucian Blaga-Universitätsbibliothek ausgestrahlt wird. Frederick Wiseman, der heuer den Oscar für sein Lebenswerk bekommen wird, ist ebenfalls heute, nach der Projektion seines Films „Crazy Horse“, um 16 Uhr, im Auditorium zu Gast und stellt sich den Fragen der Hermannstädter.

Am Samstag findet um 19 Uhr die Preisverleihung statt und am Sonntag werden ab 12 Uhr die Gewinnerfilme wiederholt. Der Oktober bleibt Dank Astrafilm-Festival einer der spannendsten Monate im Hermannstädter Jahreslauf.

Cynthia PINTER

 

Foto 1: Das Astrafilm-Festival wurde mit der Ausstrahlung des Oscar-nominierten Spielfilms „Sieranevada“ am Montag Abend im Thaliasaal eröffnet. Mehr dazu auf Seite 4. Unser Bild: Auf der Bühne begrüßte Festivalleiter Dumitru Budrala (2. v. r.) Regisseur Cristi Puiu (1. v. l.) und die Schauspieler Rolando Matsangos (2.v. l.), Ioana Crăciunescu (3. v. l), und Mirela Apostu (1. v. r.).                                        

Foto 2: Auf dem Großen Ring steht bis einschließlich Sonntag der Fulldome“ (ein 360 Grad-Kino), kein UFO.                                          

Fotos: Cynthia PINTER

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