Höchst lebendiger Austausch

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Ansprache von Konsulin Wiebke Oeser zum Tag der Deutschen Einheit

Ausgabe Nr. 2979

Tag der Deutschen Einheit: Zum 36. Mal wurde am Donnerstag der Vorwoche der Tag der Deutschen Einheit in Hermannstadt gefeiert. Im Hilton-Hotel kamen zahlreiche Gäste aus den 11 Landkreisen des Einzugsgebiets des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt zu diesem Anlass im Ball-Saal zusammen. Es handelte sich um Vertreter aus der lokalen und nationalen Politik, aus Schule und Wirtschaft u. a.. Unser Bild: Konsulin Wiebke Oeser (Bildmitte) bei ihrer Rede – diese ist im Wortlaut auf Seite I zu lesen -, deren rumänische Übersetzung Pressereferentin Ioana Deac vortrug.                                                  
Foto: Sebastian MARCOVICI

65 Jahre alt wäre die Mauer in diesem Jahr geworden. Aber das ist sie nicht – zum Glück! Dank der friedlichen Revolution und dem großen Mut meiner Landsleute in der ehemaligen DDR wurde die Mauer niedergerissen, und damit diese Trennlinie mitten durch Europa. Auch in diesem Jahr erfasst mich über den Fall der Mauer eine besondere Freude, die gleiche wie schon in den Novembertagen im Jahr 1989.

Denn ich habe noch den Stacheldraht gesehen, die Wachtürme, den breiten Grenzstreifen, all das, was die Überwindung unmöglich machen sollte.

Und ich freue mich nicht nur an diesem Tag heute, sondern eigentlich an jedem Tag: wie vor Kurzem in Berlin, wenn ich dort den früheren durch Pflastersteine markierten Verlauf der Mauer, auf meinem Weg durch die Stadt einfach so kreuzen kann.

Oder wenn man auf der Autobahn von Berlin in Richtung Südosten ohne Grenzkontrolle, ohne Unterbrechung nach Hermannstadt fahren kann.

Und wenn ich sehe, wie wunderbar sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Rumänien in dieser Zeit, von damals bis heute entwickelt haben.

Vor allem, welch große gegenseitige Wertschätzung unser beiderseitiges Verhältnis prägt, und welch vertrauensvolle Kooperation und erfolgreiche Zusammenarbeit im bilateralen als auch multilateralen Zusammenhang stattfindet, auch im vergangenen Jahr: für Freiheit, Sicherheit und Wohlstand in unseren beiden Ländern und in Europa.

Vier der siebzehn Bläserinnen und Bläser von der Jugendblaskapelle Kronstadt, die unter der Leitung von Matthias Roos für die musikalische Untermalung des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit in Hermannstadt sorgten.                                                              
Foto: Sebastian MARCOVICI

Bundesaußenminister Johann Wadephul besuchte Rumänien Ende letzten Jahres, und unser Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Gunther Krichbaum, war in dieser neuen Funktion schon zweimal zu Besuch, zuletzt im August, hier in Siebenbürgen.

Eine ganz kleine Auswahl an Beispielen soll die besonderen und weitreichenden Beziehungen unserer beiden Länder in diesem Jahr unterstreichen:

Zum Beispiel bei der Integration in Europa: Vor 20 Jahren -im Jahr 2006 – stimmte der deutsche Bundestag für die Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union. Im Jahr darauf erfolgte Rumäniens Beitritt, der Ausgangspunkt für einen erfolgreichen Weg in die Gemeinschaft der EU-Staaten.

Zum Beispiel bei gemeinsamen Missionen zur Sicherheit und Verteidigung: Deutsche Soldatinnen und Soldaten und ihre Eurofighter bildeten für rund acht Monate das Rückgrat der NATO-Mission „enhanced Air Policing South“ am Schwarzen Meer.

Und hier in Hermannstadt unterstützt ein permanentes hochrangiges Team der Bundeswehr das NATO-HQ South East.

Zum Beispiel im Bereich Wirtschaft und Innovationen: Das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Deutschland ist für Rumänien Wirtschaftspartner Nummer eins! Neue Produktlinien und neue Investitionen in Siebenbürgen, u. a. in Klausenburg, in Mühlbach, in Kronstadt und Hermannstadt haben dieses Jahr geprägt. Bei mehreren Eröffnungen durfte ich dabei sein.

Neuer Vizekonsul: Beim Empfang, zu dem Konsulin Wiebke Oeser als Leiterin des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt in den Ballsaal des Hilton-Hotels am 1. Oktober eingeladen hatte, begrüßte auch der neue Vizekonsul die Gäste. Unser Bild: Vizekonsul Stefan Flatterich (links), der Nachfolger von Sven Kunert in diesem Amt, begrüßt Thomas Șindilariu (rechts), Unterstaatssekretär im Departement für interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Rumänischen Regierung, im Beisein von Pressesprecherin Ioana Deac (Bildmitte).                         Foto: Sebastian MARCOVICI

Zum Beispiel bei Bildung und Spracherwerb: Über 3.000 Schülerinnen und Schüler haben an Schulen mit Deutsch als Muttersprache und Deutsch als Fremdsprache in Rumänien im letzten Jahr erfolgreich die Prüfung zum anspruchsvollen Deutschen Sprachdiplom abgelegt, ein großer Teil davon in Siebenbürgen. Das ist auch im internationalen Vergleich eine ganz beeindruckende Zahl! In Rumänien lernen rund 200.000 Kinder und Jugendliche aktuell Deutsch, und hiesige Universitäten bieten über 60 deutschsprachige Studiengänge an.

Und nicht zuletzt Deutschlands großes Interesse an Siebenbürgen: Im zurückliegenden Jahr hat unser Konsulat mehrere Delegationen aus Deutschland in Siebenbürgen betreut und mit wichtigen Partnern hier in Siebenbürgen vernetzt: aus der Wirtschaft, aus der Politik und auch aus der Zivilgesellschaft.

Und dieses Jahr feierten wir hier auch 50 Jahre Städtepartnerschaft Köln-Klausenburg!

Doch der Besucheraustausch hier in Siebenbürgen geht ja viel, viel weiter: Bei der deutschen Minderheit, der Politik, den Kirchen, den Universitäten, Kultur, Forschung, Denkmalpflege und bei der Wahrung des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes – Partner in diesen und in vielen weiteren Bereichen pflegen eigenständig einen höchst lebendigen Austausch im deutsch-rumänischen Kontext.

Sie, verehrte Anwesende, spielen als Partner und Partnerinnen darin eine ganz wesentliche Rolle, in diesen so intensiven und vertrauensvollen Beziehungen, die Deutschland mit dieser wunderbar traditionsreichen und gleichzeitig enorm dynamischen Region Siebenbürgen unterhält. Dafür danke ich Ihnen!

Das Motto des Tages der Deutschen Einheit lautet in diesem Jahr übrigens: „Viele Stärken – ein Land“.

Bei diesem Motto dachte ich spontan an Siebenbürgen – weil es hier so viele Stärken gibt, und auch weil Vielfalt hier, von Ihnen, verehrte Anwesende, als Stärke gelebt wird. Und ich bin dankbar, nun schon seit etwas mehr als einem Jahr diese Vielfalt hier erleben zu dürfen.

Und auch Siebenbürger und Siebenbürgerinnen habe ich erlebt, die nach Jahren und vielen Erfahrungen in Deutschland, hierher zurückgekommen sind, um etwas zurückzugeben oder etwas Neues auszuprobieren – aber in jedem Fall, um ihre Stärken dieser Region zur Verfügung zu stellen und diese dadurch reicher zu machen.

Das Motto „Viele Stärken – ein Land“ denke ich, können wir daher auch als einen Leitgedanken für uns alle verstehen, uns auf unsere Stärken zu besinnen und diese für gemeinsames Schaffen und für ein geeintes und resilientes Europa einzusetzen.

Vor allem, weil wir weltweit sehen, wie schnell Demokratie und Vielfalt unter Druck geraten können, müssen wir uns gerade jetzt engagieren, an unserem Arbeitsplatz, in der Schule, in der Öffentlichkeit und unserem privaten Umfeld.

In diesem Sinne möchte ich heute Abend das Glas erheben: auf die deutsche Einheit.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Politik.