Pressemitteilung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien
Ausgabe Nr. 2978

Der DFDR-Landesvorsitzende Dr. Paul-Jürgen Porr (links) und der Laudator, DFDR-Geschäftsführer Benjamin Józsa (rechts) gratulierten als erste Beatrice Ungar zur Verleihung der Goldenen Ehrennadel. Die Laudatio ist weiter unten zu lesen. Foto: Cynthia PINTER
Die Vertreterversammlung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) trat am Freitagnachmittag, dem 25. September, zu einer ordentlichen Sitzung im Spiegelsaal des Forumshauses in Hermannstadt zusammen. Die Sitzung wurde vom DFDR-Vorsitzenden Dr. Paul-Jürgen Porr geleitet, an ihr nahmen Vertreter aller fünf Regionalforen, Geschäftsführer der DFDR-Stiftungen und ADJ-Vorsitzende Corina Stănese, der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganț sowie Unterstaatssekretär im Departement für interethnische Beziehungen (DRI) Thomas Șindilariu teil. Ebenda hatte zuvor der Vorstand des DFDR getagt.
Die Vertreterversammlung wurde mit einer Minute stillen Gedenkens an Adam Csonti, den kürzlich verstorbenen Vorsitzenden des Ortsforums Billed, begonnen. Im Anschluss an die Sitzungen wurde Beatrice Ungar, Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, die Goldene Ehrennadel des DFDR verliehen.
Der wichtigste Tagesordnungspunkt der Vertreterversammlung war die Haushaltsumschichtung. Dr. Porr erläuterte, dass auch heuer zu Jahresbeginn 10 Prozent der für 2026 im rumänischen Staatshaushalt für die Minderheitenorganisationen festgeschriebenen Mittel zurückbehalten wurden, die bislang in der zweiten Jahreshälfte auf Grund einer Haushaltsumschichtung jedoch letztlich zugesprochen worden sind. Das kann heuer der Fall noch nicht sein, da die kommissarische Regierung keine Befugnis hat, eine Umschichtung per Dringlichkeitserlass durchzuführen. In Gesprächen zwischen Geschäftsführer Benjamin Józsa und den Regionalforen ist festgelegt worden, welche Streichungen vorgenommen werden können, die Umschichtungsanträge lagen in der Tischmappe vor. Der neue Haushalt wurde einstimmig angenommen, desgleichen drei Änderungen an Investitionssummen. Nahegelegt hat die Forumsleitung den Vertretern erneut, umsichtig zu planen.

DFDR-Buchhalterin Laura Micu, DFDR-Geschäftsführer Benjamin Józsa, Dr. Paul-Jürgen Porr, Ovidiu Ganț und Thomas Șindilariu (v. l. n. r.).
Berichtet wurde im Rahmen der Vertreterversammlung aus dem politischen Geschehen von Bedeutung für das DFDR. Dr. Porr informierte über Treffen und Gespräche im In- und Ausland, zuletzt bei einem Frühstück mit Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel in Bukarest und dem FUEN-Kongress in Helsinki. MP Ganț sprach über die äußerst bedrohliche politische Lage in Bukarest, deren Ende nicht in Sicht ist. Das wird sich auch auf 2027 auswirken, da ungewiss ist, wann dem Parlament ein Haushaltsentwurf vorgelegt werden kann. Noch größere Sorgen bereitet ihm der USR-Gesetzesentwurf, das Parlament auf 300 Mitglieder zu reduzieren, wodurch die Minderheitenorganisationen ihre Vertretung verlieren würden. Das wiederum hat Folgen für ihre Förderung – laut Gesetz werden nur die im Parlament vertretenen Organisationen mit Haushaltsmitteln bedacht – sowie die Möglichkeit, bei Problemen einzugreifen. Unterstaatssekretär Thomas Șindilariu teilte mit, dass das DRI Projekte ausgeschrieben hat, für die auch Minderheitenorganisationen Anträge stellen können, bat jedoch erneut, sowohl bei der Antragstellung als auch Abrechnung die Vorgaben genauestens zu beachten.

Musikalisch untermalt wurde die Verleihung der Ehrennadel von Brita Falch Leutert und Jürg Leutert. Fotos: Cynthia PINTER
Eingehend diskutiert wurde in beiden Gremien der Antrag des Regionalforums Altreich zum Zusammenschluss mit dem Regionalforum Bukowina – den das Regionalforum Altreich bereits durchgeführt hat. Die Geschäftsführung des Regionalforums Bukowina sichert seit 2021 Carmen Cobliș, die Geschäftsführerin des Regionalforums Altreich, die gemeinsame Verwaltung ist jedoch keine Voraussetzung für den politischen Zusammenschluss und Verlust der Eigenständigkeit, wurde sowohl von Dr. Porr als auch MP Ganț betont. Auch hätte darüber nur die Vertreterversammlung beschließen können. Klargestellt haben sodann Forumsleitung und Repräsentanten der anderen Regionen, dass die DFDR-Satzung den Beitritt von Lokalforen zu anderen Regionalforen, als jenem, dem sie angehören, nicht vorsieht, die Buchenlanddeutschen ihre eigene Vergangenheit und Traditionen haben, die es gilt fortzuführen und es als politischer Rückschritt interpretiert wird, wenn die Zahl der Regionalforen von 5 auf 4 reduziert wird. Zur Abstimmung gelangte im Vorstand und der Vertreterversammlung außer dem Antrag des Altreichforums der von Dr. Porr formulierte Antrag, im Buchenland innerhalb von 30 Tagen Wahlen für einen Regionalforumsvorsitzenden und Stellvertreter zu organisieren und die Mitglieder der Ortsforen, die sich wegen Unstimmigkeiten mit der vormaligen Regionalforumsvorsitzenden aus diesem Verband zurückgezogen hatten, in die Organisation zurückzuholen. Beide Gremien stimmten mehrheitlich für den Antrag von Dr. Porr.
Dem Vorstand hat der DFDR-Vorsitzende den Vorschlag unterbreitet, Dr. Johann Fernbach, dem vormaligen Vorsitzenden des Regionalforums Banat, die goldene, und Roswitha Csonti, die zusammen mit ihrem Gatten Adam Csonti das Ortsforum Billed aufgebaut hat, die silberne Ehrennadel des DFDR zu verleihen.
DFDR
Von familiären und anderen Wurzeln
Laudatio auf Beatrice Ungar / Von Benjamin JÓZSA
Wir sind heute zusammengekommen, um einen Menschen zu ehren, den es nach den Gesetzen der Physik überhaupt nicht geben dürfte, verbieten doch die Grundlagen der Mechanik, dass ein Körper an mehr als einem Ort gleichzeitig sein kann. Nun, Beatrice kann an zwei Orten gleichzeitig sein und falls es nötig sein sollte an dreien. Doch das muss ich erklären:
Ich lernte Beatrice näher kennen, als ich – wie so manchmal – einmal zu viel „ja“ gesagt habe. Ich war frischgebackener Chefredakteur bei der Jugendzeitschrift „Der Punkt“ und stellte fest, dass zu den Aufgaben eines Chefredakteurs auch die Erarbeitung des Layouts gehören sollte. Helmut Mathes, Leiter der Honterus-Druckerei, gab mir den Tipp, der besser nicht hätte sein können, „frag doch mal Beatrice“. Und Beatrice übernahm, wohlwissend, dass ihr das niemand würde jemals entgelten können, das Layout der ersten Ausgaben, bis ich so weit war, mit dem Programm selber umgehen zu können. Ich bin ihr heute noch dankbar dafür!
Nach und nach stellte ich fest, dass Beatrice überall sein konnte – und überall war. Bei der „Hermannstädter Zeitung“ war sie die meiste Zeit, zunächst seit 1988 Redakteurin, seit 2005 Chefredakteurin. Nebenbei, seit 1990, noch Mitarbeiterin der deutschen Sendung des rumänischen Rundfunks. Und das ist erst der eine Ast ihres Lebensbaums.
Der nächste Ast, ein starker, belaubter, ist die Politik. Beatrice ist Gründungsmitglied des Forums, war zwischen 1993 und 1996 Stadträtin von Hermannstadt seitens des DFDR, seit 2004 ist sie ununterbrochen Kreisrätin des Kreises Hermannstadt. Last but not least zwischen 1993 und 2007 nahm sie die Aufgabe als Kulturreferentin des Siebenbürgenforums wahr.
Neben all diesen Aufgaben, nahm sie Funktionen in zahlreichen Vereinen ein: Seit 1991 ist sie Mitglied des Vereins Evangelische Akademie Siebenbürgen, seit 1991 Mitglied des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien. Von 2004 bis 2012 Mitglied im Verwaltungsrat der Kulturzeitschrift „Transilvania“. Seit 1998 Mitglied in der Gemeindevertretung der evangelischen Kirchengemeinde A. B. in Hermannstadt. Seit 2010 Mitglied im Vorstand der Stiftung für verlassene Kinder in Rumänien PECA. Seit 2014 Mitglied in der Landeskirchenversammlung der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien. Spätestens hier wird sich jeder fragen, wie viel passt eigentlich in ein Leben? Dem möchte ich an dieser Stelle antworten, Wir sind noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen.
Denn zu allen diesen Ehrenämtern kommt noch ein zeitintensives Hobby, das sich Beatrice zur Berufung gemacht hat, die literarischen Übersetzungen. Wohlbekannt sind in Hermannstadt ihre einfühlsamen Übersetzungen ins Deutsche der Gedichte der Roma-Poetin Luminița Cioabă. Doch auch historische Werke übersetzt sie mit der gleichen Gründlichkeit, von denen ich aus Zeitgründen nur Petre Beșlius und Iulia Meseas Werke nennen möchte. Und weil das nicht genug ist, folgen eine ganze Reihe Übersetzungen ins Rumänische, wie beispielsweise die Sigerus-Chronik von Hermannstadt und die poetischen Werke ihrer Schwester, Christel Ungar.
Wie Sie sehen, muss derjenige, der auf Beatrice Ungars Lebensbaum herumsteigen will, einiges an Kondition mitbringen. Denn es geht noch weiter. Mit Erna Hennicot-Schoepges, der luxemburgischen Kulturministerin (mittlerweile a. D.) veröffentlichte sie drei Bände zu der besonderen Beziehung Hermannstadts zu Luxemburg, und Beatrice wäre nicht Beatrice, wenn in dem Buch nicht auch die großen Fragen Europas, wie Wertegrundlagen und Richtungsfragen ihren Platz fänden. Als Verbeugung vor ihren familiären Wurzeln veröffentlichte sie den Lebensroman ihres Großvaters Alfred Ernst Ungar, „Lehren, Lieben, Leben. Ein Lehrerroman“.
Dieses wäre eine knappe Skizze ihres Lebensbaumes, der sie an Statur weit überragt. Doch interessanter als diese imposante Krone, sind die Wurzeln, die diesen Baum fest verankern. Da war zunächst ihre Familie. Man sagt, dass die Töchter immer ihrem Vater am ähnlichsten sind. Ich habe Reimar-Alfred Ungar nicht genau gekannt, zu groß war der Altersunterschied. Doch zwei meiner Bücherschränke sind gefüllt mit seiner Nachkommenschaft, Werke, die ohne ihn das Licht der Welt nicht erblickt oder es in der kommunistischen Zeit nicht bis nach Rumänien geschafft hätten. Daher also ihre Umtriebigkeit. Und ihre Vision. Von ihrer ungarischen Mutter erbte sie das Temperament, ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Durchsetzung der Visionen.
Die andere Wurzel ist stiller, fällt aber in der heutigen Zeit umso mehr auf. Beatrice ist ein guter Mensch im ursprünglichsten Sinne des Wortes, „A MENTSCH“, wie die jüdische Gemeinschaft (zu der sie natürlich auch die besten Beziehungen pflegt), sagen würde. Auch jetzt noch habe ich sie vor mir, wie sie, nachdem sie einen schweren Eingriff überstanden hat, mich, der ich doppelt so groß und schwer war, auf der Straße fragte: „Du siehst müde aus. Wie geht es dir? Pass auf dich auf!“ Diese Sätze bekommt auch heute jeder zu hören, der aus dem einen oder anderen Grund angeschlagen ist, denn dafür hat Beatrice einen untrüglichen Sensor.
Der Vorstand des DFDR hat gut gewählt, als er beschlossen hat, Beatrice Ungar seine Goldene Ehrennadel für ihr bisheriges Lebenswerk zu verleihen. Ich selber möchte sie als Laudator als Erster dazu beglückwünschen und weil später Dank immer noch Dank ist sagen: Danke für Layout und Geburtshilfe beim „Punkt“, aber vor allem, danke für deine Freundschaft.
Benjamin JÓZSA