Das Jubiläums-TIFF in Hermannstadt präsentierte internationale Filmkunst
Ausgabe Nr. 2970

Gut besucht waren an den vier Abenden die Filmvorführungen auf dem Großen Ring. Foto: TIFF
Vier Tage lang bot die 20. Ausgabe des „Transilvania International Filmfestival“, kurz TIFF, in Hermannstadt vom 30. Juli bis 2. August Vorpremieren, aktuelle internationale Produktionen, Kultfilme und Begegnungen mit Filmemachern. Jeden Abend füllte sich der Große Ring mit Zuschauern, die in den kühlen Sommerabendstunden zu den Open-Air-Vorführungen gekommen waren.
Das Programm im Stadtzentrum umfasste Filme wie „Therapie für Wikinger“ (The Last Viking, Regie: Anders Thomas Jensen), „Manche mögen’s heiß“ (Some Like It Hot, Regie: Billy Wilder), die Jubiläumsvorführung des Films „Jenseits von Bukarest“ (Regie: Corneliu Porumboiu) sowie den Abschlussfilm „Gorky Resort“ (Regie: Łukasz Palkowski). Vollbesetzte Plätze, Zuschauer, die sich um die große Leinwand versammelt hatten, und der Applaus am Ende prägten die Atmosphäre des Festivals.
Die meisten Filme liefen allerdings im Kino „CineGold“ (Promenada Mall) von der Rolle. Das vollgepackte Programm der Hermannstädter Ausgabe des TIFF – in Klausenburg fand TIFF schon Mitte Juli statt – begann schon am Donnerstag und lief in zwei Räumen parallel, so dass man oft die Qual der Wahl hatte. Und keiner der Filme wiederholte sich. Eine Pechsträhne ließ den ersten Film am Freitagnachmittag wegen einem großen Stromausfall in der Umgebung ausfallen. Man konnte ihn sich aber Samstag anschauen: „Pillion“ (deutsch „Sozius“) ist ein britisch-irischer Spielfilm des Regisseurs Harry Lighton aus dem Jahr 2025. Das Liebesdrama erzählt die Geschichte eines schüchternen jungen Mannes, der eine unterwürfige BDSM-Beziehung mit einem deutlich älteren Motorradfahrer eingeht. Die Hauptrollen spielen Harry Melling und Alexander Skarsgård. Im Mittelpunkt des Filmes steht die Suche nach Identität, Nähe und Selbstbestimmung. Regisseur Harry Lighton erzählt die Geschichte ruhig und einfühlsam, ohne die Beziehung seiner Figuren zu verurteilen oder zu romantisieren. Harry Melling verkörpert den schüchternen Colin mit großer Verletzlichkeit, während Alexander Skarsgård als charismatischer Motorradfahrer Ray Präsenz und Ambivalenz ausstrahlt. Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern trägt den Film und macht die emotionalen Spannungen glaubwürdig. Es ist ein mutiges, sensibles Drama, das vor allem durch seine schauspielerischen Leistungen überzeugt.

Szenenfoto aus dem ungarischen psychologischen Thriller „Itt érzem magam otthon“, in der Regie von Gábor Holtai, der den TIFF-Publikumspreis gewonnen hat. Foto: Cynthia PINTER
Ebenfalls am Samstag wurde der Film gezeigt, der den TIFF-Publikumspreis gewann: Der ungarische psychologische Thriller „Feels like Home“ (Originaltitel: „Itt érzem magam otthon“) in der Regie von Gábor Holtai handelt von Rita (Rozi Lovas), die nach einem Jobverlust entführt und in ein seltsames, kontrolliertes Familiengefüge gezwungen wird, wo sie die verschollene Tochter spielen soll. Schritt für Schritt wird sie in eine Familie gezwungen, in der jede Abweichung Konsequenzen hat. Während sie versucht, sich anzupassen und gleichzeitig einen Ausweg zu finden, entsteht eine beklemmende Situation zwischen Nähe und Zwang. Die Grenzen zwischen gespielter Rolle und Realität beginnen zu verschwimmen, je länger sie Teil dieses Systems bleibt. Der ungarische Thriller überzeugt mit einer dichten Inszenierung, starken schauspielerischen Leistungen und einer beklemmenden Spannung, die bis zum Ende anhält. Besonders die Frage, wie leicht sich Menschen manipulieren und kontrollieren lassen, verleiht dem Film zusätzliche Tiefe.
Unter den besten Filmen, die für die Hermannstädter Auflage gewählt wurden, war „Los domingos“ („Die Sonntage“, Spanien, Frankreich, 2025). Eine tiefe emotionale Kluft tut sich in einer Familie aus dem Baskenland auf, als die 17-jährige Ainara mitteilt, dass sie in ein Kloster der strengen Klausur eintreten möchte. Die Familie ist gespalten, fast wie in einem Dokumentarfilm verfolgt die Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa die einzelnen Geschichten und Interessen der Mitglieder der Familie, wobei der rote Faden die Sonntage sind, wo sich alle am Tisch versammeln. Ainara, gespielt von Blanca Soroa, dem die Kritiker nach dieser Debütrolle in einem Spielfilm eine erfolgreiche Karriere voraussehen, ist zusammen mit ihren viel jüngeren Schwestern mutterlos aufgewachsen und findet in ihrer religiösen Schule und im Kloster Zuneigung. Der Vater, gespielt von Miguel Garcés, der nicht nur eine neue Beziehung hat, sondern auch ein erfolgloses Restaurant führt und über 300.000 Euro Schulden hat, scheint wenig an das Leben seiner Tochter interessiert zu sein und ist erleichtert, dass sie nicht weiter studieren will – was zu weiteren Schulden geführt hätte – und dass die Aufnahme im Kloster kostenlos ist. Seine Schwester Maite, unvergesslich gespielt von Patricia López Arnaiz, kämpft alleine und verzweifelt, damit ihre Lieblingsnichte erst studiert und ihre Jugend auslebt, bevor sie so einen definitiven Schritt macht. Sie ist überzeugt, dass ihre Nichte manipuliert wurde, doch ihre Sorgen und auch ihre Liebe werden ignoriert, weil sie die einzige Atheistin in diesem Umfeld ist und ihr somit „Nichtverständnis“ vorgeworfen wird. Sie tritt sogar im offenen Kampf gegen die Schwester Isabel (gespielt von Nagore Aranburu), die Äbtissin des Klosters, die ihre Nonnen mit strenger Hand führt. Die Regisseurin hat durch diesen Film nicht nur intensive Diskussionen in Spanien ausgelöst, sondern auch den Preis für den besten Film beim San-Sebastián-Festival im vergangenen Jahr erhalten.

Szenenfoto mit Olivia Vinall, der Hauptdarstellerin aus „Leonora“, ein Biopic über das Leben der britisch-mexikanischen Malerin Leonora Carrington.
Durch „Leonora in the Morning Light“ (Leonora im Morgenlicht, 2025), die deutsche Filmbiografie von Thor Klein und Lena Vurma über die surrealistische Künstlerin Leonora Carrington, brachten die Organisatoren eine Produktion mit rumänischer Beteiligung: Die Kameraarbeit stammt vom rumänischen Kameramann Tudor Vladimir Panduru, der Schauspieler István Téglás verkörpert den ungarischen Fotografen Chiki Weisz, Leonoras Ehemann und Stütze in ihrem mexikanischen Exil und ein Teil der Dreharbeiten haben in Rumänien stattgefunden. In den 1930er-Jahren wendet sich Leonora Carrington, gespielt von Olivia Vinall, gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Epoche und schließt sich der surrealistischen Bewegung an. In Paris begegnet sie bedeutenden Künstlern wie Salvador Dalí und André Breton. Besonders prägend wird jedoch ihre leidenschaftliche Beziehung zu dem Maler Max Ernst, mit dem sie in ein kleines französisches Dorf zieht und arbeitet. Nachdem Ernst im Zweiten Weltkrieg interniert wird, flieht Carrington nach Spanien, und später nach Mexiko. Der Film konzentriert sich eher auf das turbulente Leben der Künstlerin und weniger auf ihre Werke, die zurzeit neben der von Frida Kahlo und Georgia O’Keeffe zu den weltweit begehrtesten zählen.
Bei der großen TIFF-Auflage in Klausenburg wurde „The Carpenters Son“ (Der Sohn des Tischlers) in der Regie von Lotfy Nathan und mit Nicholas Cage in der Hauptrolle nicht gezeigt, doch viel hatten die Klausenburger dadurch nicht verpasst. Die Intrige ist einfach: Im von den Römern beherrschten Ägypten leben Josef (Nicolas Cage), Maria (FKA Twigs) und ihr jugendlicher Sohn Jesus (Noah Jupe) seit Jahren im Verborgenen und folgen ihrem Glauben. In einem abgelegenen Dorf versucht ein geheimnisvolles Kind, den jungen Jesus auf den Weg der Versuchung zu bringen. Während der Einfluss des neuen Freundes immer stärker wird, geschehen um Jesus herum seltsame und gewalttätige Dinge, bis er den Namen des Kindes erfährt – Satan. Nicht nur ein Teil des Hermannstädter Publikums fand den Film eher schwach, auch international erfreut er sich über wenig Erfolg.
Rumänische und internationale Filme wurden am Großen Ring und in den CineGold Sälen gezeigt.
Einen besonderen, fast intimen Rahmen bot auch das Deutsche Kulturzentrum Hermannstadt, das im geschichtsträchtigen Hochmeistersaal in der Wintergasse ein handverlesenes Programm präsentierte. Im Rahmen der diesjährigen deutschen Filmreihe des TIFF wurden hier insgesamt vier herausragende Produktionen gezeigt.

Szenenfoto aus „Elaha“, einem deutschen Drama aus dem Jahr 2023 unter der Regie der preisgekrönten
Milena Aboyan, die damit ihr Spielfilmdebüt gab. Fotos: imdb.com
Darunter Milena Abayans bewegendes Drama „Elaha“, das sich in diesem exklusiven kleinen Rahmen als tiefgreifender und nachhallender Beitrag erwies.
„Elaha“ ist ein deutsches Drama aus dem Jahr 2023 unter der Regie der preisgekrönten Milena Aboyan, die damit ihr Spielfilmdebüt gibt. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen kurdischstämmigen Frau aus Deutschland namens Elaha, die kurz vor ihrer Hochzeit versucht, die kulturellen Erwartungen ihrer Familie mit ihrer eigenen individuellen und sexuellen Freiheit in Einklang zu bringen. Der Film konfrontiert religiöse Dogmen mit der reichen, traditionsverbundenen Kultur der Kurden. In eindringlichen Szenen schildert er diesen tiefen Riss: Mal entfaltet sich die Lebensfreude einer kurdischen Feier mit traditioneller Musik und Tanz, mal bricht die brutale Realität in Form einer erzwungenen Jungfräulichkeitsuntersuchung über die 22-jährige Elaha herein. Die patriarchalische Maschinerie personifiziert sich schließlich in ihrem (zukünftigen) Mann, dessen zynisches Credo lautet: „Elaha, du kannst frei sein, solange du auf mich hörst.“ Es ist ein innerer Kampf, den sie führen muss, schließlich hat sie auch das innere Bedürfnis frei in ihren Entscheidungen zu sein. Die Erkenntnis wer diesen Kampf gewinnt, ist dem Zuschauer überlassen.
Mit „Morgen irgendwo am Meer“ stand im Rahmen der deutschen Filmreihe auch ein atmosphärisch starkes Coming-of-Age-Werk auf dem Programm. Der Film ist ein weiteres Spielfilmdebüt von Regisseur Patrick Büchting, das als ambitioniertes Abschlussprojekt seines Film-Masterstudiums entstand – basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Adriana Popescu.
Im Zentrum der Handlung steht eine folgenschwere Aufbruchsstimmung direkt nach dem Abitur: Vier Jugendliche machen sich in einem Oldtimer auf einen sommerlichen Roadmovie-Trip quer durch Europa auf, mit dem finalen Ziel vor Augen – Lissabon.
Was als unbeschwerter Sommerurlaub voller Fernweh beginnt, entpuppt sich rasch als emotionale Konfrontation mit ungelösten Konflikten und Geistern der Vergangenheit. Das Werk behandelt Probleme und Ängste, mit welchen sich die Mitglieder der jetzt erwachsen werdenden Generation Z konfrontiert sehen.
Mit Unterstützung seitens des Goethe Instituts wurde am letzten Festivalstag hier einer der weltweit einflussreichsten Werke der deutschen Filmgeschichte gezeigt. Es handelt sich um den restaurierten Stummfilm „Metropolis“ von Fritz Lang, der 1926 erstmals gezeigt wurde. Er gilt in Fachkreisen als grundlegendes Werk des deutschen Expressionismus sowie der filmischen Science-Fiction und übt bis heute großen Einfluss auf die zeitgenössische Bildkultur aus, vom Film und der Architektur über Musik, Design und Literatur. Vertikale Städte voller Wolkenkratzer, lärmender Automobile und feiernden Menschen, monumentaler Maschinen und tief gespaltener Gesellschaften werden anschaulich und eindrücklich dargestellt, die Schauspieler beeindrucken durch ausdrucksstarke Mimik und Gestik, Lang dirigiert die Statisten meisterhaft um die Spannungsverhältnisse zwischen Technologie, Macht und Menschlichkeit zu schildern.
Der Film gehört zum Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit Sitz in Wiesbaden. Die Restaurierung wurde von der Stiftung selbst gemeinsam mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Zusammenarbeit mit dem Museo del Cine Pablo C. Ducrós Hicken durchgeführt.
So schlagen die vier gezeigten Filme im historischen Herzen Hermannstadts eine eindrucksvolle Brücke zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten, Epochen in Deutschland und europäischen Jugendkulturen. Das Deutsche Kulturzentrum hat mit dieser kompakten Auswahl einmal mehr bewiesen, wie bereichernd das TIFF abseits der großen Leinwände in Klausenburg wirkt – und macht schon jetzt gespannt auf die kommenden filmischen Entdeckungen im nächsten Jahr.
Ruxandra STĂNESCU
Cynthia PINTER
Max GALTER