Gespräch mit Petra Raţiu zu einem Jahr Amtszeit
Ausgabe Nr. 2976

Petra Rațiu.
Foto: Alexandru CIRNEALĂ
Seit einem Jahr steht Petra Rațiu an der Spitze der deutschen Abteilung des „Radu-Stanca“-Nationaltheaters. Die 1989 in Mediasch geborene und in Birthälm aufgewachsene Regisseurin kam nach fast 13 Jahren in Deutschland zurück nach Rumänien und übernahm in Hermannstadt die Verantwortung für ein Ensemble. Im Gespräch blickt Rațiu auf ihr erstes Jahr zurück, spricht über die Herausforderungen des Rollenwechsels von der Regisseurin zur Leiterin, über die Bedeutung der deutschen Sprache und ihre Pläne für die neue Spielzeit. Das Gespräch führte HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r.
Sie sind nun seit einem Jahr Leiterin der deutschen Abteilung des „Radu Stanca“-Nationaltheaters. Wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken, was hat Sie am meisten überrascht – positiv wie negativ? Haben Sie erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?
Es ist unglaublich, dass schon ein Jahr vergangen ist. Es war ein sehr intensives Jahr, in dem ich das Gefühl habe, auch persönlich sehr gewachsen zu sein. Diese Verantwortung bedeutet viel – Entscheidungen zu treffen, für sie einzustehen und manchmal auch über die eigenen Grenzen hinauszugehen.
Was mich vielleicht am meisten überrascht hat, war eine neue Seite an mir selbst kennenzulernen. Ich komme aus der Regie, aus einem sehr künstlerischen und intuitiven Denken. Plötzlich musste ich Verantwortung für ein Ganzes übernehmen, Entscheidungen treffen, die nicht nur eine Inszenierung, sondern ein Ensemble und die Entwicklung einer ganzen Abteilung betreffen.
Natürlich war nicht alles einfach. Ich musste lernen, dass nicht jede Idee sofort umsetzbar ist und dass Veränderung Zeit braucht.
Ich glaube auch nicht, dass man nach einem Jahr sagen kann: Jetzt habe ich erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Aber vieles von dem, was mir wichtig war, ist in Bewegung gekommen. Wir haben neue Kontakte aufgebaut und begonnen, die Abteilung stärker nach außen zu öffnen.

Spielzeiteröffnung: Mit „Alice“ in der Regie von Ștefan Lupu eröffnete die deutsche Abteilung des Radu Stanca-Nationaltheaters am Wochenende die neue Spielzeit 2026/2027. Mehr dazu in einer nächsten Ausgabe. Foto: Cynthia PINTER
Sie haben vorher als Regisseurin gearbeitet. Wie schwierig war der Übergang zur Leiterin für Sie?
Ich habe als Regisseurin gearbeitet und arbeite auch weiterhin als Regisseurin. Mit dem Inszenieren werde ich nicht aufhören – das ist ein wesentlicher Teil von mir und meiner Arbeit. Und ich glaube auch nicht, dass sich diese beiden Aufgaben gegenseitig ausschließen. Im Gegenteil, für mich können sie sehr gut nebeneinander existieren und sich auch gegenseitig bereichern.
Der große Unterschied liegt in der Verantwortung. Als Regisseurin trage ich die Verantwortung für eine Produktion, für mein Team, für den künstlerischen Prozess. Das ist ein sehr intensiver, aber auch klar begrenzter Raum.
Als Leiterin ist dieser Raum plötzlich viel größer. Ich trage Verantwortung für ein Ensemble, für unterschiedliche Produktionen und künstlerische Positionen, für Entscheidungen, die manchmal weit über den Moment hinausreichen. Und natürlich auch für Menschen. Man muss Entscheidungen treffen, die nicht immer einfach sind, und man muss sie vertreten können.
Gleichzeitig hilft mir meine Arbeit als Regisseurin sehr in dieser Position. Ich kenne die Bedürfnisse eines künstlerischen Prozesses, ich weiß, wie wichtig Vertrauen und Freiheit sind und wie unterschiedlich Künstler arbeiten können. Deshalb möchte ich auch als Leiterin nicht eine einzige Ästhetik vorgeben. Mich interessiert es vielmehr Bedingungen zu schaffen, in denen unterschiedliche künstlerische Handschriften entstehen können.
In diesem Sinne empfinde ich den Wechsel gar nicht als einen Abschied von der Regie. Es ist eher eine Erweiterung meiner Perspektive.
Bald beginnt die deutsche Minispielzeit. Was haben Sie geplant? Warum sind auch rumänische Stücke im Programm?
Bei der Minispielzeit zeigen wir Produktionen der deutschen Abteilung: „Tinerețe fără bătrânețe și viață fără de moarte“, „Alice“, „Avalanche“ und „Lola Blau“. Mir war wichtig, ein Programm zusammenzustellen, das die unterschiedlichen künstlerischen Handschriften und Ausdrucksformen unserer Abteilung sichtbar macht.
„Tinerețe fără bătrânețe și viață fără de moarte“ ist ebenfalls eine Produktion der deutschen Abteilung. Ja, es wird auf Rumänisch gesprochen, aber der Abend ist zu ungefähr 90 Prozent physisch – er erzählt vor allem über Körper, Bewegung und Tanz. Es ist ein sehr gutes Tanztheaterstück und für mich auch ein Beispiel dafür, dass Theatersprache weit über die gesprochene Sprache hinausgehen kann.
Natürlich ist die deutsche Sprache ein wesentlicher Teil der Identität unserer Abteilung, und das soll auch so bleiben. Gleichzeitig ist es mir wichtig, die Abteilung als Einheit zu denken. Für mich gehören alle Produktionen, die hier mit unserem Ensemble entstehen, zu einer gemeinsamen künstlerischen Identität.
Genau das möchten wir mit der Minispielzeit zeigen: wo die deutsche Abteilung im Moment steht, welche unterschiedlichen Formen von Theater hier entstehen und welche Vielfalt in unserem Ensemble steckt. Gleichzeitig soll die Minispielzeit ein Ort der Begegnung sein – mit unserem Publikum, aber auch mit Gästen und Theaterleuten aus dem deutschsprachigen Raum. Es geht also nicht nur darum, unsere Produktionen zu zeigen, sondern auch darum, Gespräche, Austausch und langfristig neue Verbindungen entstehen zu lassen.

Neue Premiere „Alice“: Das weiße Kaninchen (Ali Deac) führt Alice und das Publikum durch seine Welt. Foto: Cynthia PINTER
Was darf das Publikum von der neuen Theater-Spielzeit erwarten?
Wir hatten gerade Premiere mit „Alice“ in der Regie von Ștefan Lupu. Gemeinsam mit seinem künstlerischen Team hat er eine faszinierende, sehr poetische und visuell starke Inszenierung geschaffen. Besonders hervorheben möchte ich Irina Moscu, eine großartige Bühnenbildnerin, die für Bühne und Kostüme verantwortlich ist. Die ganze Inszenierung hat eine sehr eigene Handschrift, und genau das ist etwas, was ich mir für unsere Abteilung wünsche.
Als Nächstes folgt unsere Koproduktion „Das Urteil“ mit dem Staatstheater Cottbus in der Regie von Timofej Kuljabin, auf die ich mich sehr freue. Es ist ein großes Projekt, das von der „Kulturstiftung des Bundes“ gefördert wird. Für mich ist diese Zusammenarbeit auch ein wichtiger Schritt, die deutsche Abteilung stärker mit der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu vernetzen und langfristige künstlerische Partnerschaften aufzubauen. Auch in dieser Spielzeit möchte ich sehr unterschiedliche Regisseure und Ästhetiken zusammenbringen. Das Publikum darf also sehr unterschiedliche Theaterabende erwarten – und hoffentlich auch immer wieder überrascht werden.
Welche Bedeutung hat die Pflege der deutschen Sprache für Sie und welche Rolle kann ein Theater dabei spielen, die kulturelle Identität in Hermannstadt lebendig zu halten?
Die deutsche Sprache ist natürlich ein wesentlicher Teil der Identität unserer Abteilung und hat in Hermannstadt eine lange Geschichte. Für mich bedeutet Sprachpflege aber nicht nur, eine Sprache zu bewahren, sondern sie lebendig zu halten. Und Theater ist vielleicht einer der schönsten Orte dafür, weil Sprache hier nicht nur gesprochen, sondern erlebt wird.
Auf der Bühne begegnet die deutsche Sprache immer wieder neuen Texten und neuen Generationen. Sie verändert sich, sie kommt mit anderen Sprachen und anderen künstlerischen Ausdrucksformen in Berührung. Gerade dadurch bleibt sie für mich lebendig und gegenwärtig.
Das Gleiche gilt für kulturelle Identität. Ich glaube nicht, dass Identität etwas Starres ist, das man einfach bewahren kann. Sie muss sich weiterentwickeln und gleichzeitig wissen, woher sie kommt. Gerade in einer Stadt wie Hermannstadt, in der unterschiedliche Sprachen und Kulturen seit Jahrhunderten zusammenleben, kann Theater ein wichtiger Ort der Begegnung sein.
Für unsere Abteilung bedeutet das für mich beides: die deutsche Sprache und die deutschsprachige Theatertradition ernst zu nehmen und gleichzeitig offen zu bleiben für die Gegenwart, für neue Menschen und neue Formen. Denn eine kulturelle Identität bleibt für mich dann lebendig, wenn sie nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu gelebt wird.
Wie viele Schauspieler hat die Deutsche Abteilung? Erlaubt das Budget das Anstellen neuer Schauspieler?
Die Deutsche Abteilung hat derzeit 13 Schauspielerinnen und Schauspieler. Im Moment haben wir leider nicht die Möglichkeit neue Schauspieler fest ins Ensemble aufzunehmen. Natürlich hoffe ich, dass sich das in Zukunft ändern kann.
Welche Themen fehlen Ihrer Meinung nach derzeit auf den Bühnen in Hermannstadt?
Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass bestimmte Themen fehlen. Aber ich persönlich spüre ein Bedürfnis nach mehr Produktionen mit wirklich gutem, intelligentem Humor.
Sie wollten am Anfang Ihrer Amtszeit stärker mit Schulen und Menschen in ländlichen Regionen arbeiten. Ist Ihnen das gelungen?
Zum Teil, aber noch nicht in dem Maße, wie ich es mir wünsche. Gerade die Zusammenarbeit mit Schulen und der Zugang zu jungen Menschen sind für mich weiterhin sehr wichtig. Ich glaube, dass man eine Beziehung zum Theater früh aufbauen muss – und dass Theater auch auf die Menschen zugehen sollte und nicht immer darauf warten kann, dass sie zu uns kommen.
Die Arbeit im ländlichen Raum ist ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt und das ich unbedingt weiterentwickeln möchte. Solche Strukturen entstehen aber nicht von heute auf morgen.
Welches Theaterstück der Deutschen Abteilung würden Sie jemandem vorschlagen, der noch nie im Theater war? Warum?
Ich würde im Moment wahrscheinlich „Alice“ empfehlen, weil es ein sehr komplexer Theaterabend ist, der viele unterschiedliche Ausdrucksformen miteinander verbindet. Es gibt Tanz, Musik und Schauspiel, die Inszenierung ist poetisch und humorvoll und gleichzeitig visuell sehr reich. Ich glaube, gerade für jemanden, der noch nie im Theater war, kann „Alice“ sehr schön zeigen, was Theater alles sein kann.
Was wünschen Sie, dass die Menschen nach einem Theaterabend mit nach Hause nehmen – einen Gedanken, ein Gefühl oder vielleicht sogar eine Frage?
Am liebsten etwas, das bleibt. Das kann ein Gedanke sein, ein Gefühl, ein Bild oder eine Frage. Für mich muss Theater nicht unbedingt Antworten geben – ich finde es viel spannender, wenn etwas im Zuschauer weiterarbeitet.
Vielen Dank für das Gespräch!