Angela Merkel verteidigt ihr politisches Vermächtnis
Ausgabe Nr. 2976

Angela Merkel bei der Autogrammstunde in Bukarest. Foto: privat
Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste Anfang September nach Bukarest, um dort die rumänische Ausgabe ihres Memoirenbandes „Freiheit. Erinnerungen 1954–2021“ vorzustellen – eines der bedeutendsten persönlichen Zeugnisse über die europäische Politik der vergangenen Jahrzehnte. Auch in ihrer neuen Rolle als Autorin und Rednerin scheint Merkel sich selbst treu geblieben zu sein: pünktlich, klar, ausdrücklich zu ihren Überzeugungen stehend und überzeugend für eine Reihe von Werten eintretend, an die sie stets geglaubt und zu denen sie sich offen bekannt hat.
Der vielleicht wichtigste Wert – jener, der dem Buch letztlich auch seinen Titel gibt – ist die „Freiheit“.
„Was bedeutet Freiheit für mich?“, fragt sich Angela Merkel an einer Stelle. „Diese Frage hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt. Auf politischer Ebene setzt Freiheit selbstverständlich demokratische Bedingungen voraus. Ohne Demokratie gibt es weder Freiheit noch Rechtsstaatlichkeit noch die Achtung der Menschenrechte. Doch diese Frage beschäftigt mich auch aus einem anderen Blickwinkel. Freiheit bedeutet für mich, meine eigenen Grenzen zu erkennen und zu versuchen, sie zu überwinden. Freiheit bedeutet, nie aufzuhören zu lernen, nicht stehen zu bleiben, sondern weiterzugehen – über die Grenzen einer politischen Karriere hinaus.“
Der Band ist zu einem großen Teil die Geschichte eines Lebens, das zwischen zwei auf den ersten Blick keineswegs miteinander vereinbaren Welten geteilt war. Die Autorin beschreibt die 35 Jahre, die sie in der Deutschen Demokratischen Republik verbrachte, sowie die 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. Ihre Kindheit und ihr Studium in Ostdeutschland, die Erfahrung des kommunistischen Regimes, der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und ihr Eintritt in die Politik bilden den ersten Teil einer Geschichte, die sie schließlich bis ins Berliner Kanzleramt führen sollte.

Angela Merkel: Libertate. Übersetzerin Cora Radulian, Editura Litera 2024, 624 Seiten; ISBN 978-630-342-056-1, Hardcover, 99,99 Lei (z. Z. reduziert, u. a. auf https://www.litera.ro/libertate-amintiri-1954-2021-afdiv341).
Der zweite Teil ist zugleich der wichtigste für das Verständnis des heutigen Europas. Die ehemalige Bundeskanzlerin erinnert sich an ihre 16 Jahre an der Spitze Deutschlands, von 2005 bis 2021 – eine Zeit, die von der Finanz- und Eurokrise, der Flüchtlingskrise von 2015, dem Brexit, dem Aufstieg Chinas, dem schwierigen Verhältnis zu Russland und der COVID-19-Pandemie geprägt war.
Es war eine Zeit, in der – wie sie in ihrem Buch schreibt – der wichtigste Satz, der ihr immer wieder in den Ohren widerhallte, lautete „Wir schaffen das.“: „Kein anderer Satz hat derart polarisiert. Für mich war dieser Satz jedoch etwas Selbstverständliches. Er war Ausdruck einer bestimmten Haltung. Man könnte sie Glauben an Gott, Vertrauen oder ganz einfach die Entschlossenheit nennen, Probleme zu lösen, Rückschläge zu bewältigen, schwierige Zeiten zu überstehen und etwas Neues zu schaffen.“
Und während der 16 Jahre, in denen sie im Zentrum der europäischen Macht stand, hatte Angela Merkel tatsächlich alle Hände voll zu tun: Sie sah sich mit einigen der schwierigsten Krisen Europas konfrontiert und musste diese bewältigen – von Russlands Einmarsch in Georgien im Jahr 2008 und der ebenfalls in jenem Jahr ausgebrochenen Finanzkrise über die Eurokrise und die Migrationswellen bis hin zur Annexion der Krim im Jahr 2014, zum Brexit, zur Pandemie und zu den tiefgreifenden Veränderungen im Verhältnis Europas zu Russland und den Vereinigten Staaten.
In ihren Memoiren erläutert die Altbundeskanzlerin ihre Entscheidungen und versucht, den Hintergrund jener politischen Maßnahmen zu erklären, die häufig umstritten waren. Insbesondere ihre Sicht auf das Verhältnis zu Russland und auf die europäische Politik gegenüber Moskau gewinnt nach dem groß angelegten russischen Einmarsch in die Ukraine zusätzliche Bedeutung.
Heute lässt sich sagen, dass Angela Merkel nicht frei von Fehlern war und dass einige ihrer politischen Entscheidungen diskutiert oder kritisiert werden können. Der Memoirenband zeigt jedoch eine Persönlichkeit, die ihren Grundsätzen treu bleibt: dass es in der Politik vor allem Kompromisse und Dialog, Empathie sowie das Bekenntnis zu bestimmten Idealen braucht.
Marian CHIRIAC