Zum neuen Band der Lyrikerin Luminița Mihai Cioabă
Ausgabe Nr. 2970

Luminița Mihai Cioabă: Dincolo de cer/Înteal o Čerii/Jenseits des Himmels. Gedichte. Deutsche Fassung und Illustrationen: Beatrice Ungar. Neo Drom Verlag Hermannstadt 2026, 347 Seiten, 99 Lei. Das Buch liegt in Hermannstadt in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé auf.
Bestellungen auch unter E-Mail: office@icfundation.ro; Nähere Auskünfte unter www.icfoundation.ro
2026 erschien im Neo Drom-Verlag der dreisprachige Gedichtband der Lyrikerin Luminița Mihai Cioabă. Ihre auf Rumänisch und Romani verfassten Texte wurden von Beatrice Ungar, der Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, ins Deutsche übertragen. Am 28. April dieses Jahres fand die Vorstellung des Buches im festlichen Rahmen im Spiegelsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt statt. Dabei wurde betont, dass sich das Werk von Cioabă „in das Gesamtbild der zeitgenössischen rumänischen Dichter einordnen” lasse und dass ihre Texte von hoher Sensibilität und besonders aussagekräftiger Sprache geprägt seien.
Die Gedichte kreisen überwiegend um die allmächtige Zeit und ihre Auswirkungen auf den Menschen, die Natur und die Vergänglichkeit. Sie, die Zeit, herrscht über Leben und Tod, Werden und Vergehen sowie Anfang und Ende. Als „Licht und Liebe Gottes” ist der Mensch der Zeit ausgeliefert, da das irdische Dasein begrenzt ist; deshalb wird das Individuum vor große Herausforderungen gestellt: leben und doch genießen können, sterben und zeitlebens doch zufrieden bleiben. Der Band enthält insgesamt 64 Gedichte, in denen der Mensch unterschiedliche Gestalten annimmt: als Brücke über die Zeit, als „verirrter Engel”, als „Blume der Erde”, als „Teil des Lichts”, als „Saat der Erde”, als „Erde und Staub”. Er erlebt seine Umwelt aus all diesen Perspektiven, ist Täter und Leidender zugleich. Der Mensch sehnt sich nach dem Himmel mit seinem Mond, nach dem Wald mit seinen Bäumen, nach den Blumen mit ihren Schmetterlingen – nach der Natur und ihrem ewigen Kreislauf, denn alles gehört zusammen: „Die Sterne/werden einen/Blumenwald weben/Aus/ der Wurzel der Erde.” (S. 265)
Ein weiterer Aspekt, der mit der Natur in Zusammenhang steht, ist die Farbsymbolik. Das Gedicht „Ode an das Grün“ (S. 219) thematisiert die Wiedergeburt von Mensch und Natur sowie die Hoffnung auf eine Zukunft und die Empfänglichkeit der menschlichen Seele für die Liebe: „Grünes Gras des Feldes/was wäre die Erde auf der Welt/ohne deine Farbe/ohne deine Strahlen/öde wäre sie trocken und kalt/wo die Gedanken vorbeistreifen/wäre sie verbrannt und Staub/wir hätten nichts mehr anzuschauen/die Sehnsucht/wäre nicht da/grünes Gras ohne dich/ohne Grün und Blumen/wären wir arm und nackt/würden unendlich weinen/bis du wieder kommst.“
Eine weitere Farbe, die in verschiedenen Kontexten eine Rolle spielt, ist das Weiß – die weißen Schmetterlinge, die weißen Lilien, die weißen Pferde und die weißen Seerosen stehen für Reinheit und Heiligkeit. Die Lyrikerin sieht diese Farbe als Ausdruck des Lichts Gottes auf der Erde. Gott schenkt den Menschenkindern durch das ewige Licht und den lebensstiftenden Funken sich selbst. Wir sind frei zu entscheiden, was damit geschieht und wie wir bewusst damit umgehen, denn alles ist „ein Augenblick heiliger Ewigkeit”.
Luminița Mihai Cioabă spricht in ihren Gedichten auch über die Zigeunerseele und damit über ihr eigenes Erbe. Das „verstreute Volk” ihrer Vorfahren ist freiheitsliebend, steht jedoch dem oben beschriebenen Universum sehr nah. Es wird mit wild galoppierenden Pferden verglichen, die ohne Zwang leben, sich an der Welt erfreuen und ihre irdische Reise mit vielfältigen Lebenserfahrungen erfüllen.
Zu diesen Erfahrungen gehören auch die engen Beziehungen zu den Ältesten. Die Autorin beschreibt die Verbindung zu ihrem Vater, dem König, und beklagt die Tatsache, dass er zu früh gegangen sei, ohne dass sie sich von ihm verabschieden konnte.
Diese Situation lässt die Lesenden aufhorchen, denn man denkt nie daran, dass ein Treffen mit einem geliebten Menschen irgendwann mal das letzte sein könnte. Die Erinnerung ist präsent und verursacht Leid, doch ihre Trauer verwandelt sich in die Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem eigenen Tod. Der Tod wird nicht mehr als schmerzhaft empfunden, sondern als Erleichterung und Glück, denn dieser kommt ganz natürlich für alle „Reisende[n] unter/ dem Ewigen Baum”.
Gerade diese Verbindung persönlicher Erfahrungen mit universellen Fragen nach Zeit, Vergänglichkeit und Sinn macht den Gedichtband besonders zugänglich. Die Autorin schreibt nicht nur über ihre eigene Lebenswelt, sondern eröffnet einen Reflexionsraum, in dem sich die Lesenden mit ihren eigenen Erinnerungen, Hoffnungen und Verlusten wiederfinden können.
Das Ende des Daseins erscheint in den Texten von Cioabă als Leitmotiv, ist jedoch nicht mit einer negativen Atmosphäre verbunden, sondern mit der Hoffnung, dass alles Teil eines Ganzen ist, das über alle Zeiten hinweg fortbesteht.
Andreea DUMITRU-IACOB