Herausragender Literaturguru

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Peter Motzan wurde zu seinem 80. Geburtstag gefeiert

Ausgabe Nr. 2970

„Gestatten Sie mir zu sagen, dass ich verstört und verwirrt bin, dass wir hier heute zusammengekommen sind – eine Begegnung, die wir Hellmut Seiler verdanken, der nicht dabei sein kann“: Selbst dem sonst so sprachgewandten Geehrten Peter Motzan (Bildmitte) fehlten die Worte, als er sich am Schluss für die zu seinem 80. Geburtstag ausgerichtete Feier bedankte. Links der Verleger Traian Pop, rechts Prof. Dr. Waldemar Fromm von der LMU München.                                                             Foto: Konrad Klein

 

Dem aus Hermannstadt stammenden und vor seiner Ausreise in die Bundesrepublik an der Germanistik-Abteilung der Babeș-Bolyai-Universität als Dozent tätigen Honorarprofessor Dr. Peter Motzan, wurde im Münchner „Haus des Deutschen Ostens“ am 25. Juli eine Festveranstaltung gewidmet. Ideengeber und Initiator dieser Veranstaltung war der kürzlich verstorbene Hellmut Seiler. Als langjähriger Weggefährte und Freund war es ihm ein Herzensanliegen, Peter Motzan zu seinem runden Geburtstag am 7. Juli d. J. mit einer Veranstaltung zu ehren. Es sprachen Literaten und Kulturschaffende aus der rumäniendeutschen Literatur: Georg Aescht, Waldemar Fromm, Anneli Ute Gabany, Ion Pop, Traian Pop, Horst Samson, Hans-Werner Schuster, Éva Seiler-Iszlai, Thomas Seiler, Stefan Sienerth, Anton Sterbling und Kurt Thomas Ziegler. Kurt Thomas Ziegler stellte der HZ seinen Beitrag in gekürzter Fassung zur Verfügung:

Für die Veranstaltung trommelte uns unser Freund, der Dichter, Satiriker und Übersetzer Hellmut Seiler alle zusammen, um laudatorisch einen der wichtigsten Auguren rumäniendeutscher Literaturkritik und -wissenschaft hochleben zu lassen, einen herausragenden Literaturguru. Was Seiler schon bei der Einführung eines „Rolf Bossert- Lyrikpreises“ vollauf gelang, erzielte er auch jetzt, indem er eine Festschrift zusammenbrachte, in welcher sich Weggefährten, schreibende Kollegen und Jugendfreunde über und zu Motzan, zu seinem geistigen Profil, seinen literaturkritischen Arbeiten und zu seinen mannigfaltigen Lebensstationen in anerkennender bis hymnischer Weise äußerten. Nicht nur deshalb bewahren wir Hellmut Seiler, der uns so vollkommen unerwartet jüngst verließ, ein ehrendes Andenken.

Ich kenne Peter Motzan, wie übrigens auch den anderen Hermannstädter Literaten von Rang, Franz Hodjak, seit meinen Jugendjahren. Mit dem damals schon redegewandten Diskussionspartner Peter, der ein gewaltiges Lesepensum vorweisen konnte, traf man sich während des Sommers im Hermannstädter „Sachsenbad“, der am Rande des Jungen Waldes gelegenen Schreyer Mühle, um sich den Bade- und Mädchenfreuden hinzugeben. Bei den Schlucken aus den, aus dem Goldtal-Wirtshaus herangekarrten Bierflaschen (die er einmal auch anlässlich seiner eben erfolgten Ernennung zum Hochschul-Assistenten spendierte) hielt er tüchtig mit, beim Fußball-Spiel auf dem grünen Wiesenareal vor dem Bad erwies er sich danach als ein begnadeter Dribbelkünstler.

Dem drei Jahre älteren Peter folgte ich in die, eine zutiefst akademische Atmosphäre ausstrahlende nordsiebenbürgische Metropole Klausenburg, in der ich während meines sechs Jahre langen Medizinstudiums nicht nur Theater-, Musik- und Kunstereignisse genießen konnte, sondern von Peter und Freund Franz Hodjak auch in den Germanisten-Literaturkreis eingeführt wurde, wo ich u. a. auch Stefan Sienerth und Werner Söllner kennenlernen durfte.

Nach einer von Michael Markel einstudierten Studentenaufführung von Büchners „Leonce und Lena“ fragte mich Peter spontan, ob ich darüber nicht vielleicht eine Rezension für die kurz zuvor von ihm und Gleichgesinnten gegründete dreisprachige Studentenzeitschrift „Echinox“ (die sich bald zu einer Kulturzeitschrift beträchtlichen Niveaus mausern sollte), schreiben wolle. Mit der Qualität meines Beitrages anscheinend zufrieden, ermunterte er mich zu weiterer Mitarbeit, aber auch zu Zusendungen an die deutschsprachigen Printmedien des Landes wie die „Karpatenrundschau“, die „Neue Literatur“ etc., was ich mit wachsender Freude und ihm gegenüber für die Ermunterung dankbar auch tat.

Nach meinem Abgang aus Klausenburg 1974 und meiner endgültigen Ausreise nach Österreich 1977, konnte ich Motzans literaturkritische und didaktische Tätigkeit nur mehr aus der Ferne verfolgen. Doch ich schaffte mir nach und nach seine Lyrik- und Prosa-Anthologien meist junger rumäniendeutscher Autoren an, womit Motzan eine Annäherung dieser Generation an den Kanon der westlichen Moderne verfolgte. Vor allem aber verschaffte mir sein epochales Standardwerk „Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944“ dank der Wissensvermittlung und der virtuos gehandhabten Sprache nicht nur ein reines Lesevergnügen sondern war für mich auch ein wahres Lehrbuch germanistischer Spurensuche in Zeiten der kommunistischen Unkultur.

Ein weiterer, im Jahr 1980 im Bukarester Kriterion-Verlag herausgegebener Band Motzans war jener Rainer Maria Rilke gewidmete. Sowohl durch sein 35 Seiten umfassendes Vorwort, wie auch durch seine behutsame Werkauswahl beabsichtigte Motzan als Kenner des großen Prager Sprachkünstlers, dem Lesepublikum den Zugang zu Rilkes Persönlichkeit und Schaffen zu erleichtern.

Noch ein wichtiges, zusammen mit seinem langjährigen Klausenburger Freund und IKGS-Partner in München, Stefan Sienerth, verfasstes Buch sei erwähnt: „Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht“, das 1993 erschien. Auch hier wieder die typischen Attribute der Motzanschen Schreibweise: Glasklare, auf den Fakten der tausenden, mit Sienerth durchgesehenen Securitate- und Gerichtsakten basierende schnörkellose Aussagen, konzentrierte Situationsprotokolle, keine besserwisserische Häme oder destruktive Parteinahme.

Ein derart gewaltiges, über viele Jahrzehnte hinweg sich erstreckendes Arbeitspensum des Brillenträgers mit dem blonden Schopf und den markanten Gesichtszügen konnte nicht unbedankt bleiben. Dem Ehrendoktortitel der Klausenburger Universität folgte 2011 der siebenbürgisch-sächsische Kulturpreis.

Den nach der Verrentung fast gänzlich erfolgten Rückzug Motzans aus der wissenschaftlich-publizistischen Tätigkeit bedauern viele: alte Freunde, germanistische Weggefährten wie auch Studenten des Honorarprofessors. Sicher hat dieses allmähliche Verstummen auch psychische und organische Ursachen, doch Grund dazu, sich deshalb selbst pejorativ einen „Schmalspur-Germanisten, der bloß in der Regionalliga mitspielte“ zu bezeichnen, gibt es dezidiert keinen.

Mit einem studentisch aufmunternden „Gaudeamus igitur“ wollen wir Peter Motzan noch ein paar, von seiner großartigen Frau umsorgte Jährchen und eine gelegentliche Rückkehr an seinen jahrzehntelangen Arbeitsplatz, seinen Schreibtisch nämlich, wünschen. Mein Dank für seine Mentorenschaft, für seine wohlwollende Begleitung meiner schriftlichen Elaborate der letzten Jahre ist ihm lebenslang sicher. Für mich war und ist er der, wofür man den großen Thomas-a-Becket einst hielt: „A man for all seasons!“

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.