„Stark im Sterben wie im Leben“

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Porträt einer ungewöhnlichen Frau: Mechtild Immenkötter (1936-2025)

Ausgabe Nr. 2970

Bei einem Gartenfest im Sommer 2025 (v. l. n. r.): Elly Tull-Zander, Dr. Monika Langkau-Herrmann, Brigitte Neuss, Mechthild Immenkötter.     Foto: Ljuba GÜNTHER

Als sie sich eingestehen musste, dass sie den Kampf ums Überleben verlieren würde, wollte sie den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen. Mit letzter Kraft bestand sie darauf, dass alle Geräte, die sie künstlich am Leben hielten, entfernt wurden. Ihrem Willen mussten auch die Ärzte nachgeben. Sechs Wochen der Qual lagen hinter ihr – künstliche Beatmung, Antibiotika, Schmerzmittel, künstliche Ernährung. Tapfer stand sie den letzten Kampf durch. In diesem Jahr wäre die Rechtswissenschaftlerin Mechtild Immenkötter 90 Jahre alt geworden. Sie war maßgeblich an der Gründung des „Verbands aktiv-unabhängiger Frauen“ (vaf) beteiligt. Die vaf-Geschäftsführerin Dr. Monika Langkau-Herrmann, , Autorin und ehemalige Referatsleiterin Frauenpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zeichnet im Folgenden ein Porträt dieser ungewöhnlichen Frau:

 

Mechthild Immenkötter (1936–2025) war zeit ihres Lebens mutig, engagiert und zielstrebig, und ihr Lebensweg war ungewöhnlich. Ihre Mutter erkannte ihre Begabungen früh und förderte sie. Gegenüber ihrem Bruder fühlte sie sich in Ausbildung und Berufswahl nie benachteiligt – in ihrer Jugend im Ruhrgebiet keineswegs selbstverständlich. Schule und Studium durchlief sie mit überdurchschnittlichen Noten.

Die Wahl des Jurastudiums (ab 1955) war für eine junge Frau jener Zeit eine seltene Ausnahme und angesichts der verbreiteten Vorurteile über die logischen Fähigkeiten von Frauen ein mutiger Schritt. Ohne Vorbilder in der Familie und ohne juristische Vorkenntnisse war ihr das Risiko bewusst. Auf Vorurteile reagierte sie zunächst mit Wut, ließ sie dann aber mit der ihr eigenen Sturheit abprallen – oder ignorierte sie schlicht. Der mehrfache Studienortwechsel (Münster, Freiburg, München, Paris) verlangte ihr Unabhängigkeit und Beweglichkeit ab, verschaffte ihr aber Überblick und Gelassenheit gegenüber dem familienfremden Fach – und ein für die Zeit ungewöhnliches Maß an Selbstständigkeit.

Nach dem zweiten Staatsexamen setzte sie ihre Studien 1963/64 mit einem Stipendium an der University of Chicago Law School fort. Nicht zuletzt darauf gestützt, bewarb sie sich erfolgreich als Professorin an einer Universität in Äthiopien, wo sie zwei Jahre Rechtswissenschaften lehrte. Ihre Karriere setzte sie anschließend in hohen Positionen in Ministerien auf Landes- und Bundesebene fort.

Von 1976 bis 1986 leitete sie u. a. die Leitstelle Frauenpolitik NRW, eine der ersten Institutionen dieser Art auf Landesebene. Ihre Vorgesetzten schätzten ihre Arbeit; zugleich war Frauenpolitik Neuland und stieß in Politik und Gesellschaft auf Ablehnung und Widerstand. Jeder ihrer Schritte wurde kritisch beobachtet.

Ihre tatsächlichen Möglichkeiten – Budget, Weisungsbefugnisse, Personal, Handlungsspielräume – waren, wie bei Frauen in höheren Verwaltungspositionen häufig, eng begrenzt und wurden von außen weit überschätzt. Vorhaben kamen in den schwerfälligen Strukturen nur langsam voran oder scheiterten am internen Widerstand, was gemessen an den hohen Erwartungen an das neue Amt immer wieder Unmut auslöste. Auch Erfolge polarisierten: Das Plakat „Eine Frau ohne Beruf macht ein Leben lang Männchen“ fand großen Zuspruch, rief bei anderen aber Entrüstung hervor – sie sahen darin eine Diskriminierung von Hausfrauen und Müttern, obwohl es um längst kaum bestrittene Ziele ging: Berufstätigkeit und Eigenständigkeit auch verheirateter Frauen.

Von 1998 bis 2022 war Mechthild Immenkötter Präsidentin des „Verbandes alleinstehender Frauen“ (vaf), den sie von Anfang an mit auf den Weg gebracht hatte. Gegründet wurde er 1982 von politisch und gewerkschaftlich aktiven Frauen, vor allem um die Gewerkschafterinnen der IG Bergbau und Energie Marlies Kupsch und Dr. Heide Ott – ein kühner Schritt: Frauen galten damals weniger als eigenständige Personen denn als Ehefrauen, deren gesellschaftliche Stellung sich vom Einkommen des „Ernährers“ ableitete. „Die Frau an seiner Seite“ war die Norm; alleinstehende und alleinerziehende Frauen traf das sozial wie materiell, oft verbunden mit dem Stigma der Einsamen, Verlassenen, der Egoistin. Die Weitsicht der Gründerinnen zeigte sich darin, dass sie den Kampf gegen diese Diskriminierungen von Beginn an mit dem Ziel der Eigenständigkeit aller Frauen verbanden.

Diese Ziele entsprachen Mechthilds Überzeugungen vollständig. Jahrzehntelang setzte sie sich für eigenständige Existenz- und Alterssicherung und für Lohngleichheit ein. Besonders unermüdlich kämpfte sie gegen das Ehegattensplitting, ohne sich durch ausbleibende Erfolge beirren zu lassen. Der Verband lehnt es aus zwei Gründen ab: Es begünstigt hohe Einkommen unverhältnismäßig, wenn die Ehefrau wenig oder nichts verdient, und es rückt das traditionelle Familienbild in den Vordergrund und erschwert damit die Erwerbstätigkeit von Frauen – der Aufwand steht, zumal bei zu betreuenden Kindern, in keinem Verhältnis zum wirtschaftlichen Ertrag. Der vaf gehörte zu den Verbänden, die das Thema immer wieder auf die politische Agenda setzten und die Fehlleitung hoher Mittel anprangerten; zu einer grundlegenden Gesetzesänderung kam es zu Mechthilds Lebzeiten nicht mehr.

Im Jahr 2000 wurde der Verband unter ihrem maßgeblichen Einfluss in „Verband aktiv-unabhängiger Frauen“ umbenannt. Damit rückte der Gedanke in den Fokus, dass eigenständige Existenzsicherung für alle Frauen unabhängig vom Familienstand von großer Bedeutung ist. Chancengleichheit in existenzieller Abhängigkeit kann es nicht geben.

Als vaf danken wir Mechthild Immenkötter für ihren jahrzehntelangen, unbeirrten Einsatz für die Rechte von Frauen und für den vaf.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.