Eine Geschichte mit gelebten Traditionen

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Beim Marpoder Treffen waren mehr als 250 Teilnehmende dabei

Ausgabe Nr. 2972

Bis spät in die Nacht hinein wurde zu den Klängen der Trachtenkapelle Göppingen gehörig das Tanzbein geschwungen.                             Fotos: Privat

Zu einem Marpoder Treffen – ein Treffen aller Einwohner und Besucher sowie Gäste in und aus Marpod – luden Doris und Wolfgang Köber am vergangenen Freitag auf den Pfarrhof ein. Familie Köber hat vor einiger Zeit das ehemalige evangelische Pfarrhaus erworben und schon einige Reparaturen daran vorgenommen. Zunächst aber hat Wolfgang Köber eine alte Scheune aus Reußmarkt hierher bringen lassen und auf dem Pfarrhof wieder aufgebaut. Zu dem Treffen hatte er spontan auch das Ehepaar Veronika und Lothar Schelenz aus Nidda eingeladen. Wie er das Treffen erlebt hat, berichtet Lothar Schelenz im Folgenden:

Geschichten entdecken und Traditionen erleben war unser Ziel, als wir während der Festtage in Siebenbürgen aufgebrochen sind, voller Neugier, Geschichten und Traditionen zu erleben. Also sind wir aus Hermannstadt losgefahren über die Kreisstraße DJ 106, die durch die wunderbare Landschaft des Harbachtals führt. Entlang der Historischen Schmalspurbahn, der Wusch, die früher von Hermannstadt nach Agnetheln führte und heute zu besonderen Anlässen noch von Cornățel nach Holzmengen fährt.

Regina Gunesch (2. v. r.) hatte beim Brotbacken das Heft in der Hand, hier beim Teig kneten.

Wir lassen Holzmengen rechts an uns vorbeiziehen und biegen paar Kilometer weiter nach Marpod ab. Nach wenigen Minuten Wegstrecke sind wir in Marpod. Als Orientierung dient der Kirchturm der alten evangelischen Kirche. Der Turm ist schon etwas aus dem Lot und somit gut erkennbar. Wir parkten den Wagen und wir gingen los, um einmal zu sehen, was uns erwartet. Zuerst sah alles leer und verlassen aus, wir fragten uns, ob wir hier wohl einen Kaffee bekommen können? Weit und breit nichts, dann ist uns ein junger Herr mit Kinderwagen entgegengekommen: „Wohin des Weges“? fragte ich, Antwort: „zum Brotbacken in den Pfarrgarten“. Interessant, da gehen wir mit. Auf dem Weg in den Pfarrgarten ist uns eine illustre fröhliche Gruppe mit geschulterten Besen entgegengekommen: „Oh, wohin gehen Sie“? – „Na, zum Kirche Reinigen, gehen Sie doch mit“. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, gingen mit und eine Geschichte mit gelebten Traditionen begann. Die mit viel Engagement zu renovierende Kirche, die arg baufällig wirkt und insofern eine Renovierung auch nötig hat, wurde in den Wolken des vom kehren aufgewirbelten Staubes zum Ort, wo wir gefesselt wurden von den emotional vorgetragenen Lebensgeschichten der „Fröhlichen Gruppe“. Hochzeiten, Taufen und die Auswanderung – alles was die neuere Siebenbürgische Geschichte ausmacht wurde erzählt! Nach einer Zeit wurden wir sehr liebenswert aufgefordert mitzukommen zum „Brotbacken“. Erfreut nahmen wir das Angebot an und gingen einfach mit. Uns empfing ein atemberaubender Pfarrgarten mit einer gut renovierten Scheune, einem Pfarrhaus, gefüllt mit alten Möbeln, einem Teich, in dem das von den Dächern aufgefangene Regenwasser gespeichert werden kann, eine gemütliche Aussichtsplattform und mit Sonnenblumen gedeckte Tischreihen und Bänke. Überall konnte man sehen und fühlen: Man ist hier willkommen. In der Mitte des Platzes der Backofen, geschützt unter einem Dach und herum drei Feuerstellen mit riesigen Töpfen. Für unseren Gulasch zum frischen Brot“ sagte mir Wolfgang Köber, der mit seiner Frau Doris, seiner Tochter und seinem Sohn hier sehr traditionsbewusst dem Erleben von Traditionen in und mit der Gemeinschaft einen Platz geben.

Das ofenfrische Brot musste nur noch abgeklopft werden.

Nun ging es ans Brotbacken. Der Ofen wurde schon einen Tag vorher angeheizt, damit er eine Grundwärme hat, der Teig war gegangen und das Kneten mit den Händen und das Portionieren der Brotlaibe begann.

Hier hatte Frau Regina Gunesch das Sagen und ihre Erfahrung und ihre Lust an der Arbeit riss alle mit. Natürlich achtete sie sehr auf Reinlichkeit und machte liebevoll ihre Mitstreiterinnen auf eventuelle Mängel aufmerksam. Wir schauten und hörten fasziniert zu, Regina erklärte alles sehr professionell. Der Backofen hatte mittlerweile die richtige Temperatur und die vorbereiteten 15 Brotlaibe wurden alle mit dem Schieber fein säuberlich im Backraum angeordnet!

Der Gulasch brodelte vor sich hin und Wolfgang Köber hatte plötzlich eine große Platte voller Speck, Zwiebeln, Paprika, Käse und Brot für alle zur Hand. Getränke waren ebenfalls nicht weit und so saßen alle zusammen, erzählten weiter ihre Geschichten, tauchten das vorhandene Brot in die brodelnden Gulaschtöpfe und warteten, bis das neue Brot gebacken war.

Das ging gefühlt sehr schnell, in der Wartezeit wurden Pizzen von Doris Köber mit ihrer Tochter Hanna vorbereitet, der Köber-Sohn Max hütete den Ofen und wir schauten gespannt und voller Erwartung zu.

Nun war es soweit, das Brot musste heraus aus dem Ofen, das ging geschwind und das „Klopfen“ konnte beginnen. Kleine Aststöcke dienten dazu und wieder zeigte uns Regina, wie man das richtig macht, denn zu hartes Schlagen führt zu Rissen in der Kruste, was nicht gut für die Brotqualität ist. Nach dem Klopfen wurde die Kruste mit einer Reibe nachgearbeitet, so dass es am Ende sehr ansprechend aussah. Alle waren zufrieden und nun kamen die vorbereitete Pizzen in den Ofen, der mit seiner Restwärme in Minutenschnelle diese gebacken hat, die dann ofenfrisch in mundgerechte Schnitten an alle verteilt wurde. Während dieser Zeit wurde das abgekühlte Brot portioniert und gemeinsam mit Vinete, Zwiebeln, Speck, Gulasch und gekochten Maiskolben auf dem vorbereiteten Tisch zur Selbstbedienung präsentiert! Mittlerweile kamen immer mehr Gäste, auch die Göppinger Blaskapelle traf ein und alle Bänke und Tische waren belegt und der sich neigende Schein der Sonne tauchte den Pfarrgarten in eine Atmosphäre, die zu Erinnerungen und Emotionen motivierte.

Familie Köber hat im Pfarrgarten von Marpod einen Platz geschaffen, der geradezu prädestiniert ist, Geschichten zu entdecken und Traditionen zu erleben! Wir bedanken uns für dieses tolle Erlebnis!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.