Vom blinden Fleck zum Reiseziel

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Bonner Medienclub reist nach Siebenbürgen / Von Richard BONGARTZ

Ausgabe Nr. 2977

Richard Bongartz auf dem Zibinsmarkt in Hermannstadt.         Foto: privat

Wohin mag das führen? Eine Reise des Bonner Medienclubs nach Hermannstadt und ins südliche Siebenbürgen – mit Kirchenburgen, Denkmalambulanz, Zeitung, Wein und der Erkenntnis, dass man sich über ein Land schnell eine klare und gute Meinung bilden kann.

Zugegeben, Rumänien war für mich ein blinder Fleck auf der Landkarte. Kein Vorurteil, keine schlechte Erfahrung, nicht einmal eine besonders feste Vorstellung – einfach noch nie da gewesen. Hermannstadt kannte ich vom Namen, Siebenbürgen auch. Aber zwischen Bonn und Sibiu lag gedanklich ziemlich viel weiße Fläche – von den 1400 Kilometern Luftlinie Entfernung mal ganz abgesehen.

Entsprechend neutral waren die Erwartungen, als sich der Bonner Medienclub Anfang September nach längerer Pause wieder gemeinsam auf den Weg machte. Vier Tage später war von Neutralität nicht mehr allzu viel übrig. Dafür gab es volle Speicherkarten, viele Geschichten und eine ziemlich ausgeprägte Begeisterung für eine Stadt, die sich erstaunlich schnell und charmant in den Vordergrund drängte.

Der BMC hatte die Reise bewusst als journalistische Begegnungsreise angelegt: Kirche, Medien, Politik, deutsche Minderheit, historische Bauten und natürlich die Kulturhauptstadt von 2007 selbst. Statt einfach alles zu besichtigen und abzuhaken ging es vielmehr darum: Wer lebt hier eigentlich? Was ist aus dieser Geschichte geworden? Und warum fühlt sich das alles so lebendig an?

Schon der erste Rundgang lieferte darauf eine ziemlich überzeugende Antwort. Hermannstadt ist zunächst einmal ein Ort, bei dem die Kamera ein Eigenleben entwickelt. Sie will ständig aus der Tasche raus. Die Plätze, die Patrizierhäuser, die Türme, die kleinen Gassen. Und dann diese Treppe hinunter in die Unterstadt. Ein Blick, bei dem selbst Menschen, die eigentlich nur kurz schauen wollten, fotografieren müssen.

Unten angekommen, folgt die Gegenperspektive: hinauf zur evangelischen Stadtpfarrkirche. Zwei Blicke, die sich festsetzen. Dazu eine Stadt, die nicht wie ein Freilichtmuseum wirkt. Junge Leute sitzen in Cafés, Kunst und Kultur gehören zum Alltag, Restaurants und Plätze sind voller Leben. Die Geschichte steht überall herum, alle machen mit. Und die Bonner auch.

Geschichte, aber bitte voller Leben

Hans Königes, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Rumänien, und seine Frau Annette Königes, Kirchen- und Kulturexpertin, waren dafür ideale Begleiter. Bei ihr wurde aus einer Kirchenführung schnell eine lebendige Zeitreise. Ein Taufbecken von 1438, möglicherweise aus einer erbeuteten türkischen Kanone gegossen. Ein Fresko von 1445, das die späteren Veränderungen der Kirche überstanden hat. Grabplatten, Epitaphien und jede Menge Geschichten hinter Dingen, an denen man sonst wohl vorbeigelaufen wäre.

Bischof Reinhart Guib sprach über die Evangelische Kirche, die heute zahlenmäßig klein ist, aber mit Kirchenmusik, Diakonie, Schulen und der Pflege des Kirchenburgen-Erbes weit über ihre Mitgliederzahl hinaus wirkt. Er lieferte den Begriff, der bei den Rheinländern hängen blieb: den „Virus Transilvanikus“. Wer einmal davon befallen sei, bekomme ihn nicht so leicht wieder los. Nach vier Tagen im transsilvanischen Versuchslabor hätte sich eine medizinische Untersuchung durchaus gelohnt.

Es lohnte sich auch ein Blick in die eigene Branche, wo es bei der Hermannstädter Zeitung um den deutschsprachigen Lokaljournalismus, seine Geschichte und seinen heutigen Alltag ging. Was über die Jahre im Land auch Turbulentes passiert ist: „Wir sind weiter geblieben, unabhängig – sozusagen als Kanton Uri“, sagte Chefredakteurin Beatrice Ungar. Der Nebeneffekt: Kaum besucht, schreibt man auch schon für dieses Blatt. Vor allem gern. Journalistische Integration kann ziemlich schnell gehen.

Wo der Denkmalschutz

Mittagessen kocht

Doch nun mal raus in die Stadt, ins Harbachtal und nach Alzen/Alțâna. Dort wartete Ștefan Vaida, Restaurator, Museumsgründer und Denkmalretter. Sein Interethnisches Museum ist eine Sammlung des Zusammenlebens: Gegenstände von Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Roma und Ungarn erzählen von einer Region, in der Kulturen nicht sauber in getrennten Schubladen lagen und liegen, sondern nebeneinander bestehen konnten.

Vaida und seine Mitstreiter von der Ambulanța pentru Monumente kümmern sich um Gebäude, denen die Zeit bereits ziemlich zugesetzt hat. Dächer werden gesichert, Mauern stabilisiert, traditionelle Materialien verwendet. Dabei verfolgt Vaida eine bemerkenswert zurückhaltende Philosophie. „Wir müssen nicht alles entdecken, nicht alles restaurieren.“ In den nächsten Generationen kämen neue Leute, deren Hände auch noch etwas zu tun haben wollten. Das Spannende daran: Ein Denkmal darf so noch ein paar Geheimnisse für sich behalten. Wer weiß, welche Inschrift sich noch unter der Farbschicht oben links am Dach befindet?

Im Museumshof kochte Ștefans Freundin für die Gruppe. Ihre siebenjährige Tochter half mit. Alte Scheune, lange Tische, Sonne über dem Hof – es sah ein bisschen aus wie eine Folge von „Land & lecker“ – eine deutsche Fernsehsendung, in der authentische Landküche den Ton auf der Zunge angibt. Nur die Fernsehkameras fehlten.

Es gab Estragonsuppe mit Gemüse und Kartoffeln, danach Fleischbällchen auf Tomatengemüse mit Kartoffelpüree, anschließend Kirschkuchen und Kaffee. Lachen, Erzählen, Zuhören. Denkmalpflege kann nicht nur Gebäude retten, sondern auch Menschen an den Tisch bekommen.

Die Stärkung reichte für die steile Etappe auf den Michelsberg mit seiner romanischen Basilika und Heltau mit seiner mächtigen Kirchenburg. Als Gegenstück gab es den Markt in Hermannstadt mit Käse zum Probieren, Gemüse und Paprika in intensivsten Farben und Knoblauch für die Gesundheit. Dazu kamen bei einem abendlichen Besuch bei „Wine not?“ beachtliche rumänische Weine, die sich alles andere als schüchtern im Glas verhielten. Wer den Medienclub kennt, weiß, dass Essen und Trinken eine wichtige Rolle spielen. Auch da hat Hermannstadt bis tief in die Nacht ganze Arbeit geleistet.

Junge Menschen, Kultur, Gastronomie und Veranstaltungen sorgen dafür, dass keiner rein von der Vergangenheit lebt, sondern mit ihr. Aber wem schreibe ich das hier?

Der blinde Fleck ist nun ein dicker Favorit im eigenen Google Maps. Die Herausforderung ist nun: Jetzt wissen wir, wo wir unbedingt wieder hinwollen.

Zum Autor

Richard Bongartz arbeitet als Redakteur beim General-Anzeiger Bonn und berichtet vor allem über lokale und regionale Themen. Der Journalist interessiert sich besonders für Menschen, Geschichten und die Frage, was hinter den Bildern eines Ortes steckt. Auf Reisen verbindet er seine journalistische Neugier mit einem Faible für gutes Essen, Wein und ungewöhnliche Begegnungen. Die Reise nach Hermannstadt war für ihn und die Medienclub-Gruppe nicht nur ein Blick auf eine unbekannte Region, sondern auch die Entdeckung eines neuen persönlichen Lieblingsortes.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Tourismus.