Wo das Land im Wasser versinkt

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Dan Ivans Erinnerungen an das Donaudelta der komunistischen Jahre

Ausgabe Nr. 2965

Dan Ivan: Meile 23. Geschichten aus dem Donaudelta. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Dittrich Verlag in der Velbrück GmbH Verlage, Weilerswist-Metternich 2026, 146 Seiten, ISBN 978-3-912155-60-0. www.dittrich-verlag.de

Es gibt Bücher über die kommunistische Zeit, die vor allem Repression, Angst und die Tristesse einer vergangenen Epoche in den Mittelpunkt stellen. Und es gibt Bücher, die hinter den politischen und ideologischen Kulissen die Menschen, ihre Geschichten und jene Formen von Solidarität sichtbar machen, die das Leben trotz aller Widrigkeiten erträglich machten. Dan Ivans „Meile 23“, das Peter Groth für den Dittrich Verlag ins Deutsche übersetzt hat, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Der Band versammelt Geschichten aus dem Donaudelta, die autobiographische Erfahrungen mit literarischer Gestaltung verbinden. Die rumänische Originalausgabe erschien bereits 2019 unter dem Titel „Mila 23“ im Bukarester Nemira-Verlag.

Die erzählten Episoden führen in die letzten Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in Rumänien. Ihr Erzähler, ein junger Arzt aus Bukarest, wird nach dem Studium ins Donaudelta versetzt. In Meile 23 und anderen abgelegenen Ortschaften begegnet er einer Welt, die sich deutlich von derjenigen der Hauptstadt unterscheidet. Das Dorf Meile 23 wird überwiegend von Lipowanern bewohnt, Nachfahren russischer Altgläubiger, die seit dem 18. Jahrhundert im Donaudelta leben und ihre religiösen Traditionen bewahrt haben. Fernab der politischen Zentren bestimmt hier das Wasser den Rhythmus des Lebens.

Obwohl die einzelnen Geschichten für sich stehen, fügen sie sich zu einem Gesamtbild zusammen. Nach und nach entsteht das Porträt einer Landschaft und ihrer Bewohner. Fischer, Patienten, Kollegen und Beamte erzählen von ihren Hoffnungen, Enttäuschungen und Überlebensstrategien. Besonders eindrucksvoll gelingt Dan Ivan die Darstellung der lipowanischen Gemeinschaft, deren traditionelle Lebensweise einen faszinierenden Kontrast zur offiziellen Ideologie des kommunistischen Staates bildet. Daneben schildert er einfühlsam die Chacholen, Nachfahren ukrainischer Kosaken, die in Crișan die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Durch die Darstellung dieser unterschiedlichen ethnischen Gruppen vermittelt das Buch zugleich ein lebendiges Bild der kulturellen Vielfalt des Donaudeltas.

Zu den großen Stärken des Bandes gehört die Art und Weise, wie Dan Ivan das Donaudelta zu einer eigenen literarischen Figur werden lässt. Die Kanäle, Schilflandschaften, Boote und endlosen Wasserflächen bilden nicht nur die Kulisse der Geschichten, sondern deren poetische Substanz. Der Leser taucht in einen Kosmos ein, der vom übrigen Land beinahe abgeschnitten erscheint und in dem die Grenze zwischen Erinnerung und Legende mitunter verschwimmt.


Dan Ivan: Mila 23. Un tânăr medic descoperă magia Deltei Dunării dincolo de griul comunist. Editura Nemira Bukarest 2019, Reihe n’autor ficțiune, 152 Seiten, ISBN 978-606-43-0477-3. Näheres zu Autor und Werk unter https://danivan.ro

Dan Ivan verfällt dabei keineswegs einer romantischen Verklärung. Das Delta erscheint nicht als unberührtes Paradies. Armut, Isolation, Versorgungsengpässe und die Absurditäten des kommunistischen Systems prägen den Alltag der Menschen. Dennoch wird das Buch niemals zu einer bloßen Sozialstudie. Im Mittelpunkt stehen stets die Menschen und ihre Fähigkeit, selbst unter schwierigen Bedingungen Würde, Humor und Lebensfreude zu bewahren.

Die autobiographische Grundlage der Geschichten ist unverkennbar. Dan Ivan arbeitete selbst in den 1980er Jahren als Arzt im Donaudelta, und zahlreiche Erfahrungen aus dieser Zeit sind in die Texte eingeflossen. Doch der Autor begnügt sich nicht damit, Erinnerungen festzuhalten. Er verwandelt Erlebtes in Literatur und verleiht ihm exemplarischen Charakter.

Stilistisch überzeugt der Band durch seine Schlichtheit und Natürlichkeit. Die Kraft der Geschichten liegt in der Authentizität der Erzählstimme und in der Fähigkeit, alltägliche Erfahrungen literarisch zu verdichten. Die Sprache wirkt lebendig, die Dialoge glaubwürdig und die Beschreibungen vermeiden jeden folkloristischen Überschwang. Die deutsche Ausgabe vermittelt die ruhige Erzählweise, den feinen Humor und die atmosphärische Dichte des Originals auf überzeugende Weise.

Der insgesamt hilfreiche Anmerkungsapparat ist von einem kleinen editorischen Versehen betroffen. Offenbar fehlt in der Druckfassung eine Fußnote auf S. 73, wodurch sich die Zuordnung einiger späterer Erläuterungen verschoben hat. Der positive Gesamteindruck des Bandes wird dadurch jedoch kaum beeinträchtigt.

Für heutige Leser eröffnet „Meile 23“ einen ungewöhnlichen Blick auf die kommunistische Vergangenheit. Statt großer politischer Ereignisse stehen die Lebenswelten gewöhnlicher Menschen im Mittelpunkt. Das Buch erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus politischen Entscheidungen besteht, sondern vor allem aus den Erfahrungen einzelner Menschen.

Am Ende bleibt der Eindruck einer Reise in eine untergegangene Welt. „Meile 23“ ist weit mehr als eine Sammlung autobiographisch inspirierter Geschichten. Das Buch erzählt von Erinnerung und Fremdheit, von Begegnungen und vom Alltag am Rand der bekannten Welt. Mit seiner Authentizität, seinem feinen Humor und seiner atmosphärischen Dichte bewahrt es die Erinnerung an eine Lebenswelt, in der Wasser, Landschaft und menschliche Erfahrung untrennbar miteinander verbunden waren.

Josef SALLANZ

Anm. der Red.: Dan Ivan, 1958 in Bukarest geboren, lebt seit 2016 in einem kleinen Ort in im österreichischen Bundesland Kärnten. Nach seinem Medizinstudium hat er einige Jahre als Arzt gearbeitet und war dann lange Zeit in der Pharma-Industrie tätig. 2017 debütierte er mit dem Gedichtband Pe străzi. Harap-Alb.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.