Ergebnisse der 38. Storchzählung im Kreis Hermannstadt / Von Friedrich PHILIPPI
Ausgabe Nr. 2967

Marpod: Vater Storch oder Mutter Storch wacht auf dem Dach des Hauses rechts über die 4 Jungstörche in dem Nest. Foto: Max KÖBER
So wie in den vergangenen Jahren erreichen mich auch heuer immer wieder Fragen nach dem Befinden der Störche. Die vielen Storchenfreunde sollen darauf auch eine Antwort erhalten: Es ist nach dem Störungsjahr 2025 heuer wieder ein gutes Storchenjahr! Das können wir jetzt nach der im Zeitraum 22. – 28. Juni durchgeführten Storchzählung und deren Aufarbeitung melden.
Wir, das sind meine treuen Storchenfreunde aus Brandenburg Anselm und Matthias Ewert, die nun seit mehr als 20 Jahren für eine ganze Woche zur Storchzählung nach Hermannstadt kommen, dazu ihr Freund Sven Jonas. Mit ihrem Kleinbus konnten wir dann unsere schon zur Tradition gewordenen Sternfahrten in unseren Kreis durchführen und die Störche in 120 Ortschaften zählen. Dazu kam auch wieder der Achtklässler Andreas Zeck aus Reutlingen, der den dritten Fehltag aus seinem Gymnasium vom Direktor bewilligt bekam. Mit großem Interesse hat uns aber an dem längsten Zählungstag auch Frau Konsul Wiebke Oeser in alle Dörfer des Oberen Harbachtales begleitet. Auf der Rundfahrt in das Hochland von Törnen und die umliegenden Dörfer begleitete uns Gerti Henle, die darüber auch berichtet (siehe unten).
Da besonders gegen Ende dieser Woche die erste Hitzewelle des Jahres schon zu spüren war, hat uns die Klimaanlage im Kleinbus sehr gut geholfen. Wir hatten dabei aber auch den Vorteil, dass die Jungstörche bei Hitze meist stehen und wir sie dadurch leichter zählen konnten. Dort wo noch ein Altstorch seine Brut im Nest behütete, sahen wir oft, wie dieser seinen Jungen mit ausgebreiteten Flügeln Schatten hielt. Wir dagegen wurden nach den anstrengenden Fahrten liebevoll mit Speis und Trank von Frau Ilse und Tochter Anne erwartet, was wesentlich zur guten Stimmung die ganze Woche über sorgte.

Marpod: Eine Vierer-Brut aus der Drohnen-Perspektive. Foto: Max KÖBER
Etwas später hatte ich auch noch die große Hilfe von Bernd Wiserner, mit dem zusammen wir in Großau noch alle Nester aufsuchten, die von Miruna Pripoianu (Gritu), der bekannten Storchenbetreuerin, bei ihrer Beringungsaktion nicht gezählt worden waren. Wir zählten in Großau 50 Nester mit 113 Jungstörchen.
Dass es ein gutes Storchenjahr werden würde, war schon daher anzunehmen, dass es in diesem Jahr nach dem sehr frühen Eintreffen der Störche aus Afrika nicht mehr geschneit hatte. Und noch nie hatten wir in allen drei zu Beginn aufgesuchten Nestern (in Holzmengen und Cornățel) je fünf Jungen gezählt.
In der Woche der Storchzählung sahen wir dann noch weitere 20 Fünfer-Bruten und 80 Vierer-Bruten. So ergibt sich für den Kreis Hermannstadt (ohne Großau, von wo wir noch nicht alle Daten erhalten haben) ein durchschnittlicher Bruterfolg der erfolgreich brütenden Paare von 3,25 Jungstörchen. Das ist eines der sehr guten Ergebnisse. Im Vorjahr waren es im Durchschnitt nur 2,25 Jung-
störche. In den von uns erfassten 288 besetzten Horsten zählten wir 803 Jungstörche. Die meisten Horste (außer Großau) befinden sich in Orlat (28), Leschkirch (22), Mergeln (19) und Henndorf (12). Die meisten Jungstörche wuchsen heran in Orlat (76), Leschkirch (57), Mergeln (55), Porumbacu de Jos (31) und Henndorf (30). Wir fanden aber auch in mehreren Dörfern neu errichtete Nester (z. B. in Mergeln, Leschkirch, Henndorf, Burgberg) oder solche, die wir noch nicht kannten (z. B. in Talmesch). Als neue Ortschaft kam Scharosch bei Mediasch hinzu. Alle neuen Horste sind auf Masten gebaut. Dadurch entsteht für die Störche die Gefahr, dass diese Masten durch die Verlegung der Stromleitungen in den Boden ganz verschwinden und durch Beleuchtungsmasten ersetzt werden, auf welche die Störche nicht mehr bauen können. So geschehen in Reussmarkt, wo die Nester laut dortigen Berichten auf andere Masten am Rand der Ortschaft verlegt wurden. Ob der neue Standort von den Störchen aber auch angenommen wird, ist sehr fraglich. Störche stehen unter Naturschutz und ihre Nester dürfen nicht einfach willkürlich verlegt werden. Bei der Bewilligung und Durchführung solcher Projekte sollte das berücksichtigt werden.

Fünf Storchenzähler vor der Kirchenburg in Mergeln (v. l. n. r.): Sven Jonas, Andreas Zeck, Konsulin Wiebke Oeser, Friedrich Philippi und Anselm Ewert. Foto: Matthias EWERT
In Hermannstadt hatten in diesem Jahr drei der vier brütenden Paare zusammen acht Jungen, das Paar auf dem Schlot der Manutanța blieb ohne Nachwuchs. Leider hat dann eine Windböe bei einem starken Gewitter am 2.Juli das Nest mit zwei Jungstörchen in der Färbergasse zusammen mit einem Teil des Schlotes umgeworfen, wobei die beiden Jungen umkamen. Die Eltern haben aber in den nächsten Tagen in bewundernswertem Einsatz auf der Ruine des Schlotes ihr Nest wieder gebaut. Eventuelle Baumaßnahmen sollten diese Nistmöglichkeit erhalten. Auf dem daneben befindlichen höheren Schlot, auf dem sich das Nest jahrelang befand, sind die Störche von den Möwen verdrängt worden.
Immer wieder habe ich mich auf unseren Fahrten an die ersten Jahre meiner Storchzählung erinnert, als ich noch alle Horste suchen musste und zu Fuß durch die Dörfer marschierte. Damals waren die meisten Nester noch auf Scheunen, die man von der Straße aus gar nicht sehen konnte. Ich musste in die Höfe hineingehen oder von den Nachbarhöfen aus auf die Scheunen sehen. Die Nachfrage nach der Anzahl der Jungen blieb oft erfolglos, denn die „Besitzer” des Nestes wussten nicht Bescheid. Geändert hat daran nur, dass heute rund 85% der Horste sich auf Masten befinden, die Nachbarn wissen meist immer noch nicht, wie viele Jungstörche in ihrer Nähe groß werden! Selbst einige wenige Meldungen, die mich erreichen, sind nicht immer zuverlässig.

In Hermannstadt hat leider eine Windböe bei einem starken Gewitter am 2. Juli das Nest mit zwei Jungstörchen in der Färbergasse zusammen mit einem Teil des Schlotes umgeworfen, wobei die beiden Jungen umkamen. Die Eltern haben aber in den nächsten Tagen in bewundernswertem Einsatz auf der Ruine des Schlotes ihr Nest wieder gebaut. Die fünf Aufnahmen zeigen von links nach rechts das Nest mit den beiden Störchen und den beiden Jungstörchen am 8. Juni, dann den zerstörten Schlot am 2. Juli, das traurige Storchenpaar am 3. Juli, das Ergebnis des ersten Versuchs, ein neues Nest zu bauen am 6. Juli und das Storchenpaar auf dem neuen Nest am 7. Juli. Fotos: Cătălin ARSENIE
Trotzdem einen herzlichen Dank an alle, die mir mit ihren Beobachtungen und Meldungen geholfen haben, die Storchzählung auch in diesem Jahr erfolgreich durchzuführen! Insbesondere an Max Köber und seine Mutter Doris Köber, die mit der Drohnenzählung in Marpod unsere Arbeit sehr gut ergänzt haben. Hier zählten sie 8 Nester, davon waren 3 leer, eines kaputt und 4 besetzt mit insgesamt 13 Jungstörchen.
Hoffentlich werden nicht auch in weiteren Ortschaften (wie in Reussmarkt) die Stromleitungen ganz in den Boden verlegt, wodurch die Masten verschwinden, und dadurch auch die Nistmöglichkeiten der Störche eingeschränkt würden.
Friedrich PHILIPPI
Vom Theaterfestival zur Storchzählung
Immer, wenn ich zu Besuch in meine Geburtsstadt Hermannstadt komme, bin ich fasziniert von der Vielfalt an Erfahrungen, die mich hier erwartet. So auch dieses Mal. Zehn Tage Theaterfestival warten auf mich mit über 800 Veranstaltungen! Von morgens bis spät in die Nacht locken Theaterstücke auf Deutsch oder Rumänisch mit entsprechenden Untertiteln, Ballettaufführungen und Konzerte, Vorträge, Straßentheater und Akrobatik, Clownerie, Jonglage und Feuershows, Ausstellungen, Installationen, Kirchenführungen und einiges mehr. Welch eine Auswahl! Wie viele verschiedene Eindrücke und Begegnungen! Ich bin selten so gesättigt gewesen an Kultur, an Gedanken zum Weiterdenken, an positiver Energie, die noch lange nachwirkt.
Und mittendrin kommt die Einladung von Friedrich Philippi, einen Tag lang an der Storchzählung durch den Kreis Hermannstadt mitzuwirken. Schon oft hatte er mir und meiner Familie davon erzählt. Seine Begeisterung hatte so ansteckend gewirkt, dass meine damals neunjährige Tochter einen Vortrag in ihrer Stuttgarter Schule über die Störche in Siebenbürgen hielt. Und jetzt kann ich das Ganze live erleben!
Ausgestattet mit Fernglas, Kamera und genügend Trinkwasser steige ich in den Neunsitzer-Mercedes zu Friedrich und seinen Storchzählfreunden Anselm, Matthias und Sven aus Brandenburg. Unsere Route geht über Reussdörfchen, Kleinscheuern, Salzburg, Topârcea, Ludoș, Gieshübel, Törnen, zurück über Broșteni, Armeni, Alămor, Stolzenburg, Hahnbach und Großscheuern. In jedem der Orte halten wir an. Fünf Ferngläser richten sich gen Himmel und suchen das Storchennest in einiger Entfernung ab: Ist es bewohnt? Wie viele Schnäbelchen strecken sich in die Höhe? Sind auch Storchmutter oder -vater im Nest? Meistens sind wir uns einig. Nur ab und zu ist das große Fernrohr nötig, um sicherzugehen, dass wir uns nicht verzählt haben.
Friedrich notiert alles genau; später wird er daraus einen Bericht verfassen und die Daten mit denen der Vorjahre vergleichen. Seit 38 Jahren widmet er sich dieser Tätigkeit mit unglaublicher Ausdauer und Leidenschaft. Er kennt die siebenbürgischen Ortschaften wie seine Westentasche, weiß jede Abzweigung und auf welchen Masten die Nester stehen. Er und die Ornithologen aus Brandenburg kommen mir vor wie ein wandelndes Lexikon; ich lerne viel über Störche, deren Flugrouten und Lebensweise. Und so ganz nebenbei sehe ich die siebenbürgische Landschaft an mir vorbeiziehen. Wir durchqueren das Hochland zwischen Salzburg und Törnen, überholen Pferdewagen und bleiben kurz beim Ziehbrunnen in Broșteni stehen.
In Gieshübel halten wir beim Haus des Kurators Georg Gottschling an und werden von ihm und seiner Frau herzlich begrüßt. „Du kannst gerne Sächsisch mit ihnen sprechen“, raunt Friedrich mir zu. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Die Offenheit und Gastfreundschaft beeindrucken mich.
„Ist es der Kultur oder der Natur wegen, dass Du gerne nach Siebenbürgen fährst?“, werde ich nach meiner Rückkehr in Stuttgart gefragt. „Es ist vor allem der Menschen wegen“, antworte ich.
Gerti HENLE