Streiflichter vom 54. Hermannstädter Internationalen Jazzfestival
Ausgabe Nr. 2975

(V. l. n. r.): Ulrich Drechsler’s Trio – Oliver Steger (Bassgitarre), Ulrich Drechsler (Saxophon) und Matthäus Schnöll (Schlagzeug) – schloss am Samstagabend die Konzertreihe im Thaliasaal ab. Sonntag gab es im Innenhof des ehemaligen Ursulinenklosters eine Jam Session. Foto: Laura MICU
Die Stille vor dem Sturm… So könnte man die Stimmung jeweils vor Beginn eines Konzertabends während des Hermannstädter Internationalen Jazzfestivals beschreiben, dessen 54. Auflage letzte Woche vom 2. bis 6. September stattgefunden hat. Zum Auftakt gab es wie auch im Vorjahr ein Konzert in der Synagoge, nach drei Abenden im Thaliasaal krönte am Sonntagabend eine Jam Session im Freien im Innenhof des ehemaligen Ursulinenklosters die Veranstaltung.
Der erste Abend im Thaliasaal stand zunächst im Zeichen dieser besonderen Stille, die im Saal herrscht, bevor die Jazzmusik die Bühne beherrscht und alle in ihren Bann zieht. Der musikalische Spannungsbogen war ja schon am Vorabend beim Konzert in der Synagoge von Alma-Nicole & Ciprian Iacob aufgebaut worden und den Stab übernahm nun die angesagte Jazzsängerin Sara Aldén aus Schweden. Das Online-Magazin Paris Move schrieb über Sara Aldén: „In nur wenigen Jahren hat die schwedische Jazzsängerin Sara Alden den Sprung geschafft von einem viel versprechenden Super-Talent zu einer Künstlerin von Weltklasse”.

Die vielseitige Bukarester Sängerin und Gesangslehrerin Alma Nicole Boiangiu und der feinfühlige Pianist Ciprian Iacob eröffneten am 2. September in der Synagoge das diesjährige Jazzfestival. Fotos: Laura MICU
Das konnte das Hermannstädter Publikum miterleben, als die stimmgewaltige Sängerin gemeinsam mit der Pianistin Alice Henrieta Hernquist und dem Bassisten Bjorn Daniel Rasmus Andersson Runevad loslegten. Das Trio schuf sanfte und ausdrucksstarke Töne, wobei die Stimme im Mittelpunkt stand. Das Programm beinhaltete sowohl Standards als auch eigene Kompositionen von Aldén und wiederspiegelte den besonderen Charakter der aktuellen schwedischen Jazzszene. Dabei lässt Aldén jeweils die Kraft der Naturelemente einfließen und improvisiert gemeinsam mit Klavier und Kontrabass zu ihren Gedanken über das Sein allgemein und Existentielles im Besonderen. Ihr neuestes Album – „Force of Nature” – konnte am Eingang erworben werden und die Künstlerin gewährte auch Autogramme.

Das Marco Mezquida Trio (v. l. n. r.) – Marco Mezquida (Klavier), Martín Meléndez (Kontrabass) und Aleix Tobias (Schlagzeug) – blieb dem Publikum einen echten Flamenco-Ohrwurm schuldig.
Die Krönung des Abends kam ebenfalls aus Schweden: Der Schlagzeuger Magnus Öström, der einen eigenen unverwechselbaren Stil entwickelt hat. Dabei kann er sehr hart sein und laut werden, wenn nötig, aber er kann auch regelrecht flüstern, aufmerksam definierte Melodien einfließen lassen und spontan neue Gefilde erforschen. Im Dialog mit dem ukrainischen Pianisten Andrii Pokaz schuf Öström einen Raum für Improvisation und Traumwelten. Dabei erwies sich der in Odessa geborene Pokaz als akkurater Interpret klassischer Jazzthemen, der sich immer wieder von Öström zu Ausflügen in andere musikalische Welten mitnehmen ließ. Ein historischer musikalischer Dialog.
Im Vorfeld hatten vor dem Thaliasaal die Schlagzeugerin Alessandra D’Allesandro und der Saxophonist Primo Salvati mit ihren mitreißenden und zum Teil lautstarken Improvisationen das Publikum eingestimmt. Wer sie am 3. September verpasst hatte, konnte das an den beiden folgenden Abenden nachholen.
Am dritten Abend versprach die Festivalsleiterin Simona Maxim fabelhafte und in die Beine gehende Musik. Sie hatte fast nicht zu viel versprochen. Das spanische Marco Mezquida Trio schrappte jeweils an dem klassischen Flamenco vorbei, den das Publikum zumindest andeutungsweise erwartet hatte. Dafür aber begeisterten die Drei mit Improvisationen voller Fingerspitzengefühl.

Das Equinox Quintett (v. l. n. r.): George Vizitiu (Klavier), Radu Falevici (Gitarre), Dimitrie Cristian (Bassgitarre), Lorin Mihalache (Schlagzeug) und Alex Mișu (Gitarre).
Bis in die Fingerspitzen mitfiebern konnte das Publikum dann beim Auftritt des vietnamesischen Ausnahmemusikers Nguyên Lê, der mit seinem Trio bewies, wie Jazz und elektronische Musik zusammengehen können.
Der letzte Abend im Thaliasaal war zugleich der krönende Abschluss des Festivals. Zuerst begeisterten die jungen Musiker des Bukarester Equinox-Quintetts mit wunderbaren Interpretationen. Sie hatten sich schon im Vorjahr als würdige Studenten des leider letztes Jahr plötzlich verstorbenen Jazzmusikers Mircea Tiberian erwiesen, als sie bei der Sibiu Jazz Competition den Großen Preis gewonnen haben. Sie brachten auf die Bühne, was Jazz ausmacht: die unruhige Energie von Musikern, die entdecken wollen, wohin Töne führen können.
Im Anschluss entführte der österreichische Saxophonist und Komponist Ulrich Drechsler gemeinsam mit dem Bassisten Oliver Steger und dem Schlagzeuger Matthäus Schnöll das Publikum in eine stimmungsvolle Klanglandschaft, in der Rhythmus und Improvisation den Takt angaben. Alle Anwesende gingen mit dem Gefühl nach Hause, für kurze Zeit eine ganz andere Klangwelt betreten zu haben.
Festivalsleiterin Simona Maxim kündigte an, dass vom 27. bis 29. November im Keller des Thaliasaals der Wettbewerb Sibiu Jazz Competition stattfinden wird.
Adriana CONSTANTIN
Beatrice UNGAR