Der 60. Töpfermarkt fand am Wochenende statt
Ausgabe Nr. 2975

Die 60. Ausgabe des Hermannstädter Töpfermarktes hat am vergangenen Wochenende Tausende von Gästen aus dem In- und Ausland auf den Großen Ring gelockt.
Foto: Cynthia PINTER
Zum 60. Mal wurde der Große Ring in Hermannstadt am 5. und 6. September zum Treffpunkt der Töpfer. Zwischen alten Formen, bunten Glasuren und frisch geformten Gefäßen zeigte sich, wie lebendig eine Handwerkskunst sein kann, die seit Generationen weitergegeben wird. Mehr als 100 Töpfer und Töpferfamilien aus Rumänien, der Republik Moldau und Ungarn nach Hermannstadt gekommen. Der Große Ring verwandelte sich für zwei Tage in eine große Freiluftwerkstatt, ein Museum zum Anfassen und zugleich in einen Ort, an dem altes Handwerk ganz selbstverständlich zum Alltag gehört.
Schon beim Betreten des Großen Rings fällt wieder auf, wie anders diese Veranstaltung ist. Zwischen den Ständen bleibt man nicht einfach stehen, weil irgendwo etwas blinkt oder laut Musik gespielt wird. Man bleibt stehen, weil die Dinge selbst neugierig machen. Eine Reihe kleiner Krüge, eine ungewöhnlich geformte Schale, ein Teller mit einem Muster, das man vielleicht schon aus der Küche der Großeltern kennt.
Und dann sind da die Menschen. Sie gehen langsam von Stand zu Stand, nehmen Tassen in die Hand, drehen Schüsseln um, betrachten Glasuren im Sonnenlicht. Manche wissen genau, was sie suchen. Andere kommen eigentlich nur zum Schauen und gehen am Ende doch mit einem kleinen Stück Keramik nach Hause.
Neben den traditionellen Töpfen für Sarmale, den Krügen, Tassen, Schüsseln und Kacheln findet sich hier auch viel Dekoratives. Manche Stücke erinnern an alte bäuerliche Keramik, andere könnten genauso gut in einem modernen Designgeschäft stehen. Gerade dieses Nebeneinander macht den Markt spannend.
Besonders lebendig wird es dort, wo die Kinder sitzen. Die Kleinen bemalen Tonfiguren, dabei landen die Farben nicht immer genau dort, wo sie eigentlich hin sollten, und aus einer zunächst unscheinbaren Figur wird langsam ein ganz persönliches Kunstwerk.

Ion Rătezeanu. Foto: die Verfasserin
Besonders lange könnte man auch bei Ion Rătezeanu stehenbleiben, der an seiner alten Töpferscheibe vorzeigt, wie ein Krug entsteht. Der Ton sieht zunächst nach nichts Besonderem aus: ein grauer, feuchter Klumpen. Dann beginnt sich die Scheibe zu drehen. Die Hände des Töpfers bleiben ruhig, während der Ton langsam nach oben wächst. Ein Gefäß entsteht – erst zaghaft, dann immer deutlicher. Man schaut wie hypnotisiert zu und fragt sich unwillkürlich, wie oft er diese Bewegung wohl schon wiederholt hat. Wenn man den 71-Jährigen fragt, erzählt er, dass er schon seit seiner Kindheit töpfert. Er stammt aus dem Dorf Găleșoaia, in dem alle Bewohner früher vom Töpfern lebten, so wie sein Vater auch, der ihm dieses Handwerk beibrachte. Inzwischen gibt es das Dorf nicht mehr, es wurde durch den Bergbau in der Gegend abgetragen, doch zwei traditionelle Häuser aus dem Dorf kann man heute im ASTRA-Freilichtmuseum besuchen. Seine Werkstatt hat Ion Rătezeanu nun in Târgu Jiu und er ist schon, wie er selber sagte „seit Jahrzehnten beim Töpfermarkt in Hermannstadt“ dabei. Er beschwert sich, dass von Jahr zu Jahr immer weniger Kunden seine Ware kaufen. „Sie filmen und fotografieren mit ihren Handys, aber sie kaufen selten etwas. Das liegt auch daran, dass z.B. Gefäße aus Plastik viel einfacher zu benutzen sind und natürlich sind sie viel billiger als unsere. Dann überlegt sich der Kunde zwei Mal, bis er einen Topf kauft.“ Seine Kritik wird kurzerhand von der lauten Trillerpfeife eines glücklichen Kindes unterbrochen. Die mit Wasser gefüllten Tonvögel sind überall auf dem Großen Ring zu hören.
Beliebt ist der Töpfermarkt in Hermannstadt allemal, auch wenn nicht alle Besucher etwas kaufen, er ist ein Erlebnis, das nicht verpasst werden will. Er lädt zum langsamen Schauen ein, zum Anfassen, Fragen und Staunen.
Cynthia PINTER

Zeitgleich mit dem Töpfermarkt fand auf dem Kleinen Ring der Romamarkt statt. Angeboten wurden vom Kupferkessel über Glaswaren und Kleidung bis hin zu Geschirr, Besteck und Schmuck eine breite Palette. Sogar eine Modenschau gab es am Samstagabend auf der Bühne. Foto: Cynthia PINTER