Spuren einer verlorenen Welt

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Dagmar Dusils lyrische Räume der Erinnerung / Von Katharina KILZER

Ausgabe Nr. 2967

Dagmar Dusil: Kalte Tage. Gedichte und lyrische Prosa. Pop Verlag Ludwigsburg 2026, Reihe Lyrik Band 199, 96 Seiten, ISBN 978-3-86356-436-0, 99 Lei.

Der Gedichtband „Kalte Tage. Gedichte und lyrische Prosa“ der siebenbürgischen Autorin Dagmar Dusil erschien 2026 im Ludwigsburger Pop-Verlag. Auf rund hundert Seiten versammelt er Gedichte, Prosatexte, Haikus und ein Nachwort von Britta Lübbers, der Rolf-Bossert-Gedächtnis-Preisträgerin von 2021. Das Cover gestaltete Barbara Niedermaier. Einige Texte wurden bereits in Literaturzeitschriften veröffentlicht, darunter in den „Spiegelungen“.

 

Zusammengehalten wird der Band durch zentrale Themen wie Flucht, Erinnerung, Vergangenheit, Krieg und Einsamkeit. Besonders eindrucksvoll ist der Zyklus „Lost Places“, in dem Dusil Orte aufruft, die von Krieg, Verlassenheit und Verfall gezeichnet sind, etwa „Czernowitz 2019“, „Tekendorfs verlassene Kirche“ oder „In einer Stadt“. Das Czernowitz-Gedicht erinnert mit der Anspielung auf die „schwarze Milch“ unweigerlich an Paul Celan. Andere Texte beschwören verlassene Räume: „Gehäutet geschunden/Ohne Herz“ (S. 42), „Reste von Mauern“, „Himmelslöcher“, einen „Turm, in dem ein anderer Turm haust“, und Leben, das sich „zwischen Gitter drängt“. Metaphern und Farbsymbole verdichten hier das Gefühl von Vergangenheit, Transzendenz und unwiederbringlichem Verlust. Zugleich wird sichtbar, wie stark Dusils Poesie von Symbolismus und expressionistischer Lyrik geprägt ist. Gottfried Benn, Georg Trakl und Rainer Maria Rilke stehen erkennbar Pate: Die „Pfützen des Herbstes“ (S. 32) erinnern an Trakls Bildwelt, „Brot und Wein“ verweist auf Rilke, und die „Schlote der Stadt“ rufen das expressionistische Gedicht Georg Heyms „Gott der Stadt“ in Erinnerung, aber auch Gottfried Benns Symbole finden wir bei Dagmar Dusil.

Die Erinnerung setzt sich im Zyklus „Siebenbürgische Landschaften“ fort. In eindrucksvollen Bildern ruft Dusil Zeichen siebenbürgischer Herkunft auf: Dorfbilder, Kukuruz-
felder, Brennnesseln, Störche auf Stoppelfeldern, rote Ziegeldächer, Nussbäume und weitere Naturmotive. Diese Erinnerungsbilder bleiben jedoch nicht idyllisch. Immer wieder treten kritische Akzente hervor: Die Brennnessel, einst Nahrung der Armen, wird heute „bei Gourmets auf dem Tisch“ serviert. Auch die Stille im Gedicht „Abgeholzt“ und die Glockenblume, die „festgezurrt im Wimperngras das Jetzt nur schauen – blaues Blass“, verweisen auf eine Gegenwart, die nicht nur versöhnt. Dusil erinnert also nicht bloß, sondern meditiert über diese Bilder und überführt sie in eine Gegenwart, die auch verstört. In „Ankunft“ ist neben Erinnerung gleichzeitig der Stillstand und mit ihm die Vergänglichkeit thematisiert. In Dusils Gedicht „Ankunft“, einem der eindrucksvollsten Texte des Bandes, erscheint Auswanderung als Erfahrung von Verspätung, Stillstand und beschädigter Erinnerung: „Angekommen am Bahnhof des Ostens im Westen/mit fünfundzwanzig Jahren Verspätung/die Bahn streikt/der Ostwind heißt crivăţ gefriert das Gehirn/der Mensch liegt auf einem toten Gleis/wir trinken Glühwein in der Dürre des Sommers … Bilder in schwarz-weiß im kleinsten Format/überlagern die bunte Welt/die Löschtaste klemmt/die Bilderrahmen bröckeln zerbrechen/sind leer.“ (S. 25)

Bilder wie der „Bahnhof des Ostens im Westen“, der streikende Zug, der „Ostwind crivăţ“ und das „tote Gleis“ verdichten das Gefühl existenziellen Gestrandetseins. Die „klemmende Löschtaste“ verweist auf Erinnerungen, die sich nicht auslöschen lassen. Schwarz-Weiß-Bilder überlagern die Gegenwart und zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.

Die Farbsymbolik verbindet Dusils Lyrik mit Georg Trakl. Bei Trakl gehört Blau zu den zentralen Motiven und erscheint als Farbe des Geistigen, der Transzendenz und einer möglichen Erlösung aus einer verfallenden Welt. Auch bei Dusil kehrt Blau wiederholt wieder: in „Novemberblau“ (S. 32), „Blau des Himmels“ (S. 33), „Nelkenblau“, „Himmelsblau“ (S. 21) und besonders in „Etüde in Blau“ (S. 54). Dort entfaltet sich die Farbe in kulturellen, literarischen und alltäglichen Bezügen – vom blauen Nil über den Blaumann und die Blaumeise bis zur blauen Stunde, zur Blue Note und zum Blauschimmelkäse. Damit knüpft Dusil sowohl an die „blaue Blume“ der Romantik als auch an die Farbästhetik des Expressionismus an, die auch bei Malern wie Franz Marc und Wassily Kandinsky zu finden ist.

Der Band schließt mit der Reihe „Biblische Haikus“, die von A bis Z angelegt ist und am klassischen Aufbau des Haikus festhält: fünf, sieben und fünf Silben. Darin unterscheidet sich Dusil etwa von dem siebenbürgischen Dichter Hellmut Seiler (1953–2026), der die Form des Haikus modernisierte. Beispiele wie „Engelsposaunen/klingen in Siebenbürgen./Oh Halleluja.“ oder „Rosinentrauben/Schwer die Weinstöcke im Licht. /in der Nacht gereift.“ zeigen, dass Dusil auch in dieser knappen Form ihren zentralen Motiven treu bleibt: Natur, Herkunft und Erinnerung. Die sechs Prosastücke unter dem Titel „Szenen der Einsamkeit“ entwerfen nahezu eine Bewegung von der Geburt bis zum Tod. Existenz, Einsamkeit und Vergänglichkeit werden darin eindringlich verhandelt. Bereits der erste Text des Bandes, „Es kommen kalte Tage“, der dem Buch seinen Titel gibt, schlägt diesen Ton an. Britta Lübbers bescheinigt der Autorin im Nachwort eine „bildreiche und präzise“ Sprache sowie „sanfte Bilder“. Insgesamt zeigt Dagmar Dusils Band „Kalte Tage“ eine Lyrik, die Erinnerung nicht nostalgisch verklärt, sondern als vielschichtigen, oft schmerzhaften Prozess gestaltet. Herkunft, Auswanderung, Krieg, Verlassenheit und Einsamkeit werden in verdichteten Bildern aufgerufen und zugleich in größere literarische Traditionslinien eingebunden. Das wiederkehrende Blau verbindet persönliche Erinnerung mit symbolistischer und expressionistischer Bildsprache. Es entsteht ein poetischer Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart, siebenbürgische Landschaften und europäische Literaturgeschichte ineinandergreifen. Dusils Gedichte und Prosaminiaturen bewahren die Spuren einer verlorenen Welt, ohne sie zu idealisieren; gerade darin liegt ihre stille, eindringliche Kraft. Ein kleines sehr lesenswertes Büchlein zum Entdecken, Nachdenken und Wiederlesen.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.