Beitrag zur Erinnerungskultur

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Zum Roman ,,Rubla – Ort ohne Schatten“ von Mariana Gorczyca

Ausgabe Nr. 2967

Mariana Gorczyca: Rubla, Ort ohne Schatten, Deutsche Fassung: Beatrice Ungar, mit einem Nachwort von Viorel Marineasa, Honterus-Verlag Hermannstadt 2025, 190 Seiten. ISBN 978-606-008-179-1. Das Buch erschien mit der Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Rumänischen Regierung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg und wird kostenlos abgegeben.

Weil die Wunden noch immer nicht verheilt sind – in diesem Frühsommer fanden in zahlreichen Ortschaften Rumäniens Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Verbannung in die Bărăgan-Steppe statt – melden sich immer wieder Historiker und Journalisten zum Thema Zwangsdeportationen zu Wort, aber auch Schriftstellerinnen. So zuletzt Mariana Gorczyca, Jahrgang 1956, also eine Nachgeborene, der wir zwei Romane zu Deportationen verdanken. Beide wurden von der Journalistin Beatrice Ungar ins Deutsche übersetzt. Der erste, „Diesseits und jenseits des Tunnels“, handelt von der Deportation der Deutschen aus Rumänien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion 1945 der jüngste vom Zwangsdomizil in der Bărăgan-Steppe.

Der Roman „Rubla, Ort ohne Schatten“ beeindruckt auch Kenner der Thematik durch wirklichkeitsgetreue Schilderungen, die auf Recherche beruhen, es ist ein Tatsachenroman, in dem das Fiktionale glaubwürdig ist. Die Landschaftsbilder als wichtiger Hintergrund sind keine erfundenen, sondern von der Autorin selbst bereiste Handlungsräume, die geschickt in mehreren Ebenen den realen Rahmen bilden.

Der breite und vielschichtige – aus ethnischer und beruflicher Sicht – handelnde Personenkreis ist ebenfalls eine realfiktionale literarische Schöpfung der Autorin, die sich tief in das Innenleben ihrer Gestalten (darunter Zeitzeugen) eingelebt hat, dabei aber auch Fakten anführt, die in der Sachliteratur weniger Beachtung fanden (z. B. Ada Kaleh-Türken, Tschechen aus dem Banater Eibental).

Geschickt hat sie Ereignisbelege („Jetzt, da Stalin gestorben ist.“, Internationale Studenten- und Jugendfestspiele in Bukarest 1954 usw.) und Dokumente der Zeit eingeflochten. Die oft verbindend nötige Fiktion ist einfallsreich dosiert. Wäre die in Schäßburg lebende Mariana Gorczyca nicht so jung, könnte das Buch als ein Erlebnisroman eingestuft werden, wie der von Julia Schiff (,,Steppensalz, Pop Verlag Ludwigsburg 2012), der Banater Schriftstellerin, die ihre Kindheit in der Verbannung verbracht hat, oder dem Teil im dritten Buch der Roman-Trilogie „De Kaule-Baschtl“ von Ludwig Schwarz (Temeswar, posthum 1981).

Gorczycas Roman ist eine erstaunliche literarische Leistung und ein lesenswertes Werk, eindringlich geschrieben, berührend, keine Unterhaltungsroman-Lektüre. Es geht um Schicksale von Menschen, die nicht verstehen konnten, welche Schuld sie hatten für diese Straflage und Entheimatung, verbunden mit einer entschädigungslosen rechtswidrigen Enteignung. Sie waren keine Feinde des Landes, hatten nichts getan. Und sie ergänzt nachvollziehbar und glaubhaft, was Akten allein nicht aussagen.

Für die Deutschen in und aus Rumänien leistet die Autorin zusätzlich einen beachtenswerten Beitrag zur Erinnerungskultur, weil auch nach der politischen Wende in Rumänien das Thema Zwangsumsiedlung in den Bărăgan nicht zu größeren (touristischen) Reise- oder nachhaltigen Gedenkveranstaltungen vor Ort führte. Studienreisen in jenen Raum, wie die des Augsburger Bukowina-Instituts oder der Dorfgemeinschaft Neupetsch, sind selten.

Heinrich Freihoffer: Sklaven im Baragan. Und waren doch alle Menschen… Selbstverlag Deggendorf, 1981, 168 Seiten mit vielen Bildern, Kartenmaterial, Dokumenten, Zeugenberichten.

Somit hat Mariana Gorczyca die verschwundenen Orte und vielfach vergessenen Schicksale von rund 50.000 Betroffenen – laut amtlichen Statistiken des damaligen Innenministeriums wurde in Rumänien ab 1949 bis Mitte der 1960er Jahre „cca. 60.000“ Personen Zwangsdomizil auferlegt –   literarisch gerettet, ergänzend zu den inzwischen zahlreichen Buchveröffentlichungen mit Erlebnisberichten.

Vor Ort ist und wird künftighin kaum etwas bleiben, das die Wahrheit über eines der schlimmsten klassenkampfpolitisch motivierten Verbrechen im stalinistischen Rumänien auch nur andeutend belegen kann.

Der Roman ist eine lange Reihe erschütternder Schicksale von Menschen aus unterschiedlichen Ortschaften Westrumäniens, verschiedener Herkunft, Muttersprache, Konfession und Altersgruppen, hinzu kommen zur Massendeportation 1951 von rund 44.000 Personen in den letzten Jahren der Verbannung – sie endete für die meisten 1956 – aus Gefängnissen entlassene politische Häftlinge, die nach verbüßter Haft oder nach Amnestie als administrative Zusatzstrafe Zwangsaufenthalt in den Bărăgan-Dörfern bekamen. So kam ins Dorf Rubla – ein realer Ort, keine Romanfiktion -, das im Mittelpunkt des Romans steht, unter anderen der später bekannte prominente Siebenbürger Schriftsteller Hans Bergel, einer von den 21 in den Akten der Securitate geführten „21 elemente“, die zu den 451 im Jahr 1951 angesiedelten Familien hinzu kamen, darunter waren bei der Ortsgründung 246 Banater deutsche Familien.

Interessant ist für uns heute die Beschreibung, wie neue Dorfgemeinschaften entstanden sind, der Autorin gelingt ein Abbild nicht nur der Schicksalsgemeinschaft, sondern eines neuen Gemeinschaftskosmos. Da war eine türkische Gasse und eine, in der rumänisch gesprochen wurde, in Rückblenden verweist sie auf die „Mazedonier“, die Mazedo- und Aromunen, die betroffen waren. Schulkinder kommen zu Wort, so im Schüleraufsatz „Mein Dorf“, Briefe werden ausgewertet und Tagebuchaufzeichnungen.

Der Rubla-Roman ist bekanntlich nicht der erste Bărăgan-Roman (siehe den erwähnten autobiographisch geschriebenen von Julia Schiff), aber ein andersartiger, aus einer anderen Sicht und anderer Absicht, der einer jüngeren Außenstehenden. Nur gewisse Ähnlichkeiten können festgestellt werden zum frühesten in Deutschland erschienenen Tatsachenroman „Sklaven im Baragan“ von Heinrich Freihoffer (Selbstverlag 1981, zwei Auflagen). Darin gibt es einen interessanten Abschnitt über eine gelungene Flucht aus dem Bărăgan über Siebenbürgen, mit Sachsen als Fluchthelfern weiter bis zur Grenze nach Ungarn. Es gibt auch Bezüge zu Bukowina.

Die Vertreterin einer neuen Autorengeneration will aufzeigen, wie meist politikferne einfache Menschen, die meisten waren Bauern, Landarbeiter oder Handwerkerfamilien, den Kampf führten gegen Unrecht und deren Stärke, deren Überlebenswille. Sie versucht Wesentliches festzuhalten vom zermürbenden, hoffnungslosen Dasein in einer fremden, ungewohnten und unwirtlichen Landschaft. Der Schluss des Romans lässt die Zukunft des Personenkreises offen, es ist ein trauriger, wieder ein Zwangsabschied.

Kürzlich kam im Suhrkamp-Verlag ein neuer, wichtiger Bărăgan-Tatsachenroman heraus, der das Thema in die ungarischsprachige Literatur Rumäniens in den Umlauf brachte, der rasch ins Deutsche übersetzt wurde und beste Kritiken aufweisen konnte. Weniger gelungen lautet für den näheren Interessentenkreis der deutsche Titel: Die Aussiedlung“, ein Roman des Siebenbürgers András Visky, aus dem Ungarischen von Timea Tankó.

Luzian GEIER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.