Beeindruckendes Konzert des Gewandhauschores Leipzig in Hermannstadt
Ausgabe Nr. 2968

Vor dem Konzert in Hermannstadt stellte sich der Chor mit dem Dirigenten Gregor Meyer (obere Reihe, 1. v. l.) zum Gruppenbild auf den Stufen vor dem Nordportal der evangelischen Stadtpfarrkirche auf. Nach dem Konzert fand in dem kleinen Gärtchen ein geselliges Beisammensein mit Mitgliedern des Hermannstädter Bachchores statt. Foto: Beatrice UNGAR
Man kann nicht gerade behaupten, dass in Hermannstadt bedeutende Veranstaltungen rar sind. So konnte der Besucher der Stadt am ersten Juliwochenende gar nicht umhin, von einem der überwiegend sportlichen Ereignisse erwischt zu werden, während er nur einen Spaziergang durch die engere Innenstadt machen wollte. Etwas weniger auffallend, dafür aber für den musikinteressierten Besucher um so eindrucksvoller waren zwei Konzerte in der evangelischen Stadtpfarrkirche: Freitag Abend gab zunächst das Collegium Musicum Brukenthal eine kurzweilige Aufführung von Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert, bei dem Jürg Leutert mit einem Konzert auf der Maultrommel brillierte.
Und dann am Samstag Abend ein Konzert mit dem Gewandhaus-Chor aus Leipzig. Wer mit dem Musikleben etwas vertraut ist, der weiß, dass das „Gewandhaus“ seit beinahe 250 Jahren der zentrale Konzertort Leipzigs ist, mit Sitz des hochkarätigen Orchesters und seit über 150 Jahren des ebenso kompetenten Chores. Die Chorsänger sind geübte Laien, die nach einer Aufnahmeprüfung zweimal wöchentlich zu einer intensiven Probe zusammenkommen. Nur so lassen sich die zahlreichen Konzerte pro Jahr erfolgreich stemmen – sei es mit dem Orchester oder auch als a-capella-Chor.
30 Chorsänger (insgesamt sollen es bis zu 90 Mitglieder sein!) hatten sich nun Anfang Juli zu einer Konzertreise nach Siebenbürgen aufgemacht. Unter der Leitung ihres Dirigenten Gregor Meyer gaben die Sänger nach Konzerten in Mediasch, Klausenburg und Kronstadt ihr Abschlusskonzert in Hermannstadt.
Ein erster Überblick über das Programm zeigte bereits, wie wohlüberlegt es zusammengestellt worden war. Es enthielt vor allem geistliche Werke, mit zwei Stücken aus Siebenbürgen im Zentrum – eine Reminiszenz an das Gastgeberland.
Schon bei den ersten beiden Werken, die zum Grundrepertoire eines jeden Chores gehören, war die außergewöhnliche Qualität der Stimmen zu bewundern: Die überwiegend jungen Sängerinnen und Sänger präsentierten den 100. Psalm von Mendelssohn und das „Locus iste“ von Anton Bruckner mit einer solchen Klarheit und Durchsichtigkeit, dazu rein in der Intonation und im Zusammenklang, wie man es nur selten hört.
Es folgten Werke zweier estnischer Komponisten – Cyrillus Kreek und Galina Grigorjeva, die ursprünglich aus der Ukraine stammt. Beide nehmen in ihren Chorwerken traditionelle Muster auf: Man ist erinnert an die Musik in den orthodoxen Kirchen mit dem Klanggrund der tiefen Stimmen, über die sich der weitere Chor mit Harmonien aus der Zeit der Gregorianik ausbreitet. Zu diesen Stücken wurde der Chor weit auseinandergezogen, so dass der Kirchenraum sich vollkommen anfüllen konnte mit diesen Klängen, die so archaisch und doch so modern waren.
In der Mitte des Konzerts angekommen, präsentierte der Gewandhauschor nun die „Siebenbürgische Elegie“ des Mediascher Komponisten Ernst Irtel auf einen Text von Adolf Meschendörfer und „Bäm Honterstreoch“, das Lied, das jedem Siebenbürger Sachsen bekannt ist. Die Vertonung stammt von Hermann Kirchner, ein Thüringer, der viele Jahre als Musikdirektor in Mediasch gewirkt hatte, und das Lied 1896 auf einen Text von Carl Römer schrieb.
Einmal bei der Musik der Völker angekommen, sang der Chor nun zwei Gospels mit viel rhythmischem Schwung und einer, den Stücken angepassten Singweise, die die Wandlungsfähigkeit der Stimmen deutlich machte.
Das Programm wanderte anschließend wieder in europäische Gefilde zurück mit einem „Vaterunser“ von Rudolf Mauersberger, dem langjährigen Leiter des Dresdener Kreuzchors. Das Werk endet mit der Bitte um Frieden, und genau so endete der Chor auch sein Programm, nämlich mit „Da Pacem Domine“ des bekannten estnischen Komponisten Arvo Pärt. Auch dieser baut auf der Musik der Orthodoxie und der Gregorianik auf, benutzt Klänge aus Mittelalter und Renaissance. Wieder verteilte sich der Chor im Kirchenraum, und der Ruf nach Frieden erfüllte die letzten Ecken des Gebäudes und die Herzen der Zuhörer.
Das Konzert wurde aber noch durch zwei Orgelstücke erweitert: Die junge Leipziger Organistin Theresa Heidler spielte eine der 6 Studien für Klavier von Robert Schumann (der ja viele Jahre in Leipzig gelebt hatte), eine Fuge, in der die unterschiedlichen Stimmen schön herausgearbeitet wurden mit Hilfe der zahlreichen Variationsmöglichkeiten der Register der Sauer-Orgel. Das zweite Stück entsprach der Sauer-Orgel noch mehr: Die Fuge aus der Choralfantasie „Halleluja, Gott zu loben“ von Max Reger. Hier entwickelte sich die Musik zu einem Klangdom, der die Orgel mit all ihrem Können (und mit dem der Organistin!) fordert.
Elisabeth DECKERS