Nachruf auf Hellmut Seiler (1953-2026)
Ausgabe Nr. 2966

Hellmut Seiler (1953-2026) auf Burg Löwenstein. Foto: Privat
Hellmut Seilers Verszeile „…nur die Schwerelosigkeit empfinden im hohen Bogen…” fängt einen flüchtigen, perfekten Zustand der Freiheit oder gar des Schaffens ein – jenen Moment, in dem man beim Abstoßen von der Erde, vom Alltag, den höchsten Punkt seiner Bahn erreicht und an der Spitze des Bogens verweilt: Aufwärtsstrebende Kraft und abwärtsziehende Gravitation gelangen ins Gleichgewicht. Dieser Moment ist der Zustand reiner Schwerelosigkeit. Man hat dann das Gefühl, ewig zu schweben, doch dieser Schwebezustand ist nur ein flüchtiger Augenblick, ein Moment der Gnade zwischen dem Sich-Entfernen von der Erde und der Rückkehr zu ihr.
Der Schwebezustand, die Aufhebung der Schwerkraft und die Tiefe der Stille sind wiederkehrende Motive in Hellmut Seilers jüngsten Gedichtbänden, wie schon die Buchtitel andeuten („Wolfsberg oder Die Tiefe der Stille”, 2024; „Aufhebung der Schwerkraft” 2023; „Schwebezustand Melencolia”, 2021). Gleich zu Beginn des Bandes „Aufhebung der Schwerkraft” steht die Aussage: „Die Poesie spottet der Schwerkraft”. In einem Interview mit Klaus Hübner äußert sich der Dichter wie folgt: „Ich erkläre mich ab sofort und für immer – Copyright inklusive – als schwebezuständig“ (Bawülon, 2/2023). Die Dichtung, so glaubt er, sei der schönste und menschlichste Anlass zum Schweben, zum Erheben über den Alltag, um „gewandelt” in unser Leben zurückzukehren. Und ein nur scheinbares Paradoxon: Man spürt Halt und Orientierung genau dann, wenn man sich leicht fühlt und schwebt. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, lautet seine Antwort: „Schreiben. Zerfließendes Leben festzuhalten versuchen, mich vortasten in die Vergangenheit, die ein Vorgeschmack auf die Zukunft ist.” Indem er die lineare Zeitauffassung überwindet, erkennt er in der Vergangenheit das Muster der Zukunft. Diesmal ist es die Zeitreise, die jenen gewissen inneren Halt gibt.
„Sprache ist ein Instrument, man spielt darauf. Wer nicht nur mit, sondern auch in ihr arbeitet, sie nicht nur ausweitet, sondern regelrecht ausweidet, schöpft letzlich ihr Potential aus. »Der Mensch«, heißt es bei Schiller, »ist nur da ganz Mensch, wo er spielt« Dem schließe ich mich an”, erklärt er. Der Dichter nutzt die Sprache nicht bloß als Werkzeug, sondern er lebt und schafft in ihr. Die Sprache ist für ihn kein bloßes äußeres Objekt, sondern ein innerer Raum, in dem er sich bewegt, schwebt. Er ist der Ansicht, es genüge nicht, die Sprache zu bereichern; man müsse sie zerpflücken, in ihr bis zu ihrem innersten, oft instinktiven und emotionalen Kern vorzugraben. Die radikale, prägnante sprachliche Gestaltung – die sich auch in der Wortschöpfung schwebezuständig zeigt – ist das Markenzeichen wahrer Kunst. Im Spiel ist der Mensch frei und das Spiel mit der Sprache geschieht aus reiner Freude an der Form, am Klang und an der Erkenntnis. Darin besteht die wahre Vollendung des Menschen.
Autobiografische Gedichte, Naturlyrik, Prosagedichte, aphoristische, epigrammatisch zugespitzte Gnomen sind in seiner Lyrik gegenwärtig. Äußere wie innere Erlebnisse verwandeln sich gleichermaßen in Gedichte. Jede Momentaufnahme ist auf ihre Weise eine Dokumentation des Zeitgeistes: Kompromisslos und kritisch stellt er die Ereignisse seiner Epoche dar und regt zum Nachdenken an. Zu seinen oft eingesetzten poetischen Mitteln gehören doppelbödige Sprachspiele, Paraphrasierungen gängiger Sprach- und Sinnmuster, vielschichtige Wortfügungen, ironische, sarkastische Sprachpointen, hintersinnige Anspielungen, Wortschöpfungen. Seine Lyrik liefert einen haargenauen Befund der politischen Zwänge und der alltäglichen Realität und lädt zum gemeinsamen Nachdenken ein. Viele Dichtungen sind durch Intertextualität geprägt. Die Sprache der Gedichte ist präzise, manchmal karg, zurückhaltend und dicht; sie ist von Gelassenheit und heiterer Ruhe erfüllt.
Die ersten 35 Jahre seines Lebens – die Kindheit, die Jugendzeit, die Jahre der ersten literarischen Versuche – verbrachte der Dichter in Siebenbürgen. Reps, Kronstadt, Hermannstadt und Neumarkt am Mieresch waren die Hauptstationen seines Lebens. Auch in den Jahren der kommunistischen Diktatur, während der ständigen Überwachung durch die Securitate, der Wohnungsdurchsuchungen und des totalen Publikationsverbots verlor er seinen inneren Kompass nicht. Sein Leben und sein Werk sind untrennbar mit den Schicksalswenden Siebenbürgens im 20. Jahrhundert verbunden. Heimat sei für ihn eher eine „Sprachheimat”, erklärt Hellmut Seiler. Er nuanciert jedoch das idealistisch anmutende Konzept der „Sprachheimat”, indem er die Realität der Ausreise nach Deutschland, der „Zweiheimischkeit“ aufzeigt: „Die Wirklichkeit lässt sich nur durch die und in der Sprache erfassen. Bei mir sind es mittlerweile zwei [Siebenbürgisch-Sächsisch, Deutsch], eigentlich mehrere [darunter Rumänisch, Ungarisch].” Es bleibt die Dichtung, „die rettende Kraft der Poesie”, als einziges Heilmittel für das fortwährende Dazwischensein, das Pendeln zwischen den Grenzen. Ihre magische Kraft ist fähig, die Schwerkraft aufzuheben und eine innere, spirituelle Heimat und Freiheit zu schenken, in der der Dichter – und sei es nur für die Dauer des Schreibens – über den Dingen stehen kann, unverletzlich und rein. Genau wie im endgültigen Schweben.
Eszter BENŐ