Die amtierende Leiterin des Teutsch-Hauses, Dr. Gerhild Rudolf, im HZ-Gespräch
Ausgabe Nr. 2968

Dr. Gerhild Rudolf im Innenhof des Teutschhauses.
Foto: Johanna MÜNZNER
Dr. Gerhild Rudolf verabschiedet sich nach 14 Jahren als Leiterin des Friedrich Teutsch-Begegnungs- und Kulturzentrums der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien in den Ruhestand und will sich an das Verfassen eines Romans setzen. Im Gespräch mit der HZ-Praktikantin Johanna M ü n z n e r gibt sie Auskunft über ihre bisherige Tätigkeit und ihre Zukunftspläne:
Wie war Ihr Weg zur Leiterin des Teutsch-Hauses?
Eigentlich wollte ich immer Lehrerin werden, aber in dem Jahr, als ich die Aufnahmeprüfung hätte ablegen sollen, waren für den Landkreis Kronstadt keine Plätze vorgesehen. Deshalb habe ich weiter die Honterus-Schule besucht und danach in Hermannstadt Deutsch und Englisch studiert. Ich habe aber auch früh geheiratet und war zunächst Hausfrau, bin also nicht ins Lehramt gegangen. Nach der Wende begann ich in der Kirchengemeinde Broos als Gemeindepädagogin, Religionsunterricht zu geben, weil ich zusätzlich am Theologischen Institut in Hermannstadt eine Ausbildung als Religionslehrerin im Fernstudium gemacht habe. Das war auch sehr interessant, weil ich dadurch eine theologische Ausbildung bekam. Als die Familie nach Heltau zog, sah ich mich nach einer Arbeitsstelle um. Ich hätte ins Lehramt gehen können, aber ich zog es vor, bei der Kirche zu arbeiten und wurde Redakteurin der kirchlichen Monatsschrift „Kirchliche Blätter“. Ich habe sehr gern bei dieser Kirchenzeitung gearbeitet. Ich war die einzige Mitarbeiterin, also konnte ich mir die Arbeit gut aufteilen und Schwerpunkte setzen. Das habe ich 15 Jahre lang gemacht. Dann wurde aber die Leitung des Teutsch-Hauses ausgeschrieben und obwohl es mir zuerst nicht passend schien, habe ich mich dann doch beworben. Jetzt habe ich diese Stelle schon seit vierzehneinhalb Jahren inne und kann meine Fähigkeiten einsetzen. Forschen, Begegnungen und Ausstellungen organisieren oder Museumsführungen machen, das alles hat mir großen Spaß gemacht.
Wie hat sich das Zentrum seit Ihrer Übernahme 2012 entwickelt?
Mein Vorgänger, Dr. Wolfram Theilemann, sprach immer vom „FTH“, abgekürzt für Friedrich Teutsch-Haus, aber ich habe immer „Teutsch-Haus“ gesagt. Dieses „FTH“ schien mir nicht griffig genug und so kann ich sagen, ich habe aus dem „FTH“ das Teutsch-Haus gemacht.
Was sind die Hauptanliegen des Teutsch-Hauses?
Dazu habe ich die Formel geprägt „bewahren, bilden, bewegen“. Zum Bewahren gehört vor allem das Archiv, das Gedächtnis unserer Kirche. Dort haben wir die Unterlagen aus 200 Kirchengemeinden und das ist und bleibt ein ganz wichtiger Bestand. Zum Bilden gehört das landeskirchliche Museum. Durch die Dauerausstellung bieten wir eine sehr gute Einführung in die Geschichte der Siebenbürger Sachsen und unserer evangelischen Kirche. Drittens hoffen wir, dass wir durch die Veranstaltungen, Vorträge und Ausstellungen auch etwas in Bewegung setzen.
Woran erinnern Sie sich am liebsten, wenn Sie auf Ihre Arbeit zurückschauen?
Ein Herzensanliegen war mir die Erforschung der Arbeit des Architekten Fritz Balthes, der in vielen Kirchengemeinden mit dem Umbau von evangelischen Volksschulen und auch anderen Bauten, die hier die Landschaft prägen, tätig war. Das war eine Verbindung zwischen Kulturwissenschaft und Archivarbeit.
Wie wurden Sie auf Balthes aufmerksam?
Als ich in Heltau wohnte, sind mir einige Elemente an der Kirchenburg aufgefallen, die ich besonders ansprechend und hübsch fand. Sie stammten aus der Feder Balthes, also habe ich angefangen, nachzuforschen. Es gab wenig Literatur, aber es stellte sich heraus, dass wir hier im Archiv originale Briefe, Zeichnungen und Pläne von Balthes haben, verstreut in den verschiedenen Beständen aus den Kirchengemeinden, wo er gearbeitet hat. In den Unterlagen der Kirchengemeinde Kleinschenk haben wir beispielsweise Briefe, Zeichnungen und Pläne über den Umbau der Schule gefunden und aus dem Bestand Martinsberg über den Bau des evangelischen Gemeindehauses. So konnte ich Bastelstein für Bastelstein zusammenfügen und habe schon 2014, 100 Jahre nach seinem Tod, eine Ausstellung organisiert. Wir wollten noch ein Buch herausgeben und ich konnte zehn Mitarbeiter gewinnen, die alle mit ihrem speziellen Wissen zu Balthes etwas beitragen konnten. So ist es 2021 erschienen und das hat mich sehr gefreut. Es beschreibt seinen Werdegang, seine Zeit als Architekt und alle Gebäude, die er entworfen hat. Obwohl er nur fünf Jahre tätig war, weil er schon früh im ersten Weltkrieg gestorben ist, hat er enorm viel geleistet und auch jetzt sind seine Spuren noch sichtbar.
Welche Herausforderungen haben Sie allgemein gemeistert in Ihrer Arbeit hier?
Die Finanzierung liegt mir weniger, aber das Teutsch-Haus ist nicht selbstständig. Wir sind eine Abteilung des Landeskonsistoriums und die ganze Buchhaltung geht darüber. Sponsoren für die einzelnen Projekte zu gewinnen, hat größtenteils funktioniert. Das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt hat uns fast jedes Jahr unterstützt und vom Landesamt Kärnten bekommen wir immer Unterstützung. Aber da überall und auch im Kultursektor gespart wird, wird es zurzeit immer schwieriger und auch die Anträge werden komplizierter. Es gibt natürlich Finanzierungen über das Bürgermeisteramt, den Kreisrat oder Stiftungen. Aber jede Institution hat ihre eigenen Vorgaben und es braucht auch einen eigenen Beitrag. Wir waren im Laufe der Zeit in mehreren Erasmus-Plus-Projekten tätig und haben Geld von der Europäischen Union bekommen und konnten schöne Projekte durchführen.
Man könnte sagen, Sie sind Expertin der Kultur Hermannstadts. Was würden Sie denjenigen empfehlen, die zum ersten Mal hierherkommen?
Das ist ein bisschen schwierig, denn ich sehe im Kulturleben Hermannstadts verschiedene Nischen. Die einen sind sehr fixiert auf Theater, die anderen sehen nur das Brukenthalmuseum. Das Astra Freilichtmuseum ist auch sehr aktiv und unser Kirchenmuseum ist da tatsächlich eine Nische.
Wir empfehlen allen einen Besuch, denn das ist ein guter Einstieg in die Geschichte Siebenbürgens. Ich sehe Hermannstadt sehr vielfältig und seit dem letzten Jahr der Pandemie ändert sich auch die Kulturlandschaft. Mit dieser ganzen Pop-Up-Kultur, Pop-Up-Ausstellung, Pop-Up-Tanzfestival, ist alles nur momentgebunden. Die Linie in unserem Haus setzt – beispielsweise mit Vortragsreihen – eher auf Kontinuität. Das Publikum, das zu Vorträgen kommt, wird immer weniger, vor allem das deutschsprachige. Aber in diesem Jahr bieten wir Vorträge auf Rumänisch an, denn es ist uns sehr wichtig, dass wir Kulturvermittlung in die breite Bevölkerung bringen und nicht nur in unserer kleinen deutschsprachigen Nische bleiben.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Teutsch-Hauses?
Da bin ich sehr optimistisch. Ich sehe einen Wechsel immer sehr willkommen, denn jede Person hat eigene Schwerpunkte und Ideen. Im Alter nimmt die Erfahrung zu, aber der Schwung ein bisschen ab und da ist es sicher gut, wenn neuer Schwung ins Haus kommt.
Inwiefern bleiben Sie Hermannstadt noch erhalten?
Da ich hier in einer Dienstwohnung gewohnt habe, werde ich diese mit Beendigung meines Dienstes abgeben und nach Kronstadt ziehen, denn ich bin Kronstädterin und fühle mich auch immer so, obwohl ich Hermannstadt sehr liebe und schätze. Ich werde oft und gerne zu Veranstaltungen hierherkommen, aber eher besuchsweise.
Welche Zukunftspläne haben Sie persönlich?
Ich plane, einen Roman zu schreiben. Ich will viele Ideen, die ich im Kopf habe, in eine nette Form bringen, um Leuten damit eine Freude zu machen.
Das klingt aber spannend.
Vielen Dank und alles Gute.