Märchenklassiker begeistert als modernes Tanztheater
Ausgabe Nr. 2969

Von rechts: Radu Costea, Horia Fedorca, Ada Bicfalvi und David Cristian (im Hintergrund) sind in der neuesten TNRS-Premiere zu sehen.
Foto: die Verfasserin
Mit „Tinerețe fără bătrânețe și viață fără de moarte“ hat die rumänische Abteilung des Hermannstädter „Radu Stanca“-Nationaltheaters ein rumänisches Volksmärchen in ein modernes, bildgewaltiges Theatererlebnis verwandelt. Regisseur Ștefan Lupu gelingt eine poetische Inszenierung, die traditionelle Motive mit zeitgenössischer Bühnensprache verbindet und dabei weit über eine klassische Märchenerzählung hinausgeht. Die Premiere fand am 26. Juli in der Kulturfabrik statt.
Schon zu Beginn des Stücks wird deutlich, dass hier nicht das gesprochene Wort allein im Mittelpunkt steht sondern eher der Tanz und fließende Bewegungen die Inszenierung ausmachen. Fast choreografisch wechseln die Szenen ineinander, sodass die Geschichte von Făt-Frumos wie ein einziger Traum erscheint.
Den Mittelpunkt bildet David Cristian, der den jungen Helden mit einer Mischung aus jugendlicher Neugier, Entschlossenheit und Verletzlichkeit verkörpert. Ohne pathetisch zu wirken, macht er die innere Entwicklung seiner Figur nachvollziehbar – vom ungestümen Suchenden bis zu einem Menschen, der erkennen muss, dass ewiges Leben nicht zwangsläufig ewiges Glück bedeutet. Seine intensive Bühnenpräsenz trägt den gesamten Abend.
Abwechslung bietet die fast clowneske Rolle von Radu Costea, der wahrscheinlich einen Narr verkörpern soll, ganz in rot gekleidet immer einen Witz auf Lager hat und das Publikum zum Lachen bringt. Er schafft es die ernsten Momente aufzulockern.
Ebenso überzeugend präsentiert sich das Ensemble. Ada Bicfalvi, Isabela Haiduc, Horia Fedorca, Andrada Oltean, Eva Frățilă, Mihai Mocanu und Ania Petrean schlüpfen mit großer Spielfreude in die unterschiedlichsten märchenhaften Figuren. Besonders beeindruckend ist das präzise Zusammenspiel: Häufig entstehen Figuren und Räume erst durch die Körper der Schauspieler selbst. Dadurch erhält die Inszenierung einen tänzerischen Charakter, der den märchenhaften Kosmos lebendig werden lässt.
Einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Abends hat die Ausstattung. Die von Maria Constantin entworfenen Kostüme verbinden folkloristische Elemente mit modernen Formen. Dunkle Farben treffen auf leuchtende Akzente, traditionelle Schnitte werden mit fantasievollen Details kombiniert. Dadurch wirken die Figuren zugleich zeitlos und gegenwärtig – genau wie das Märchen selbst. Auffällig ist der konsequente Einsatz der Maske. Weiße Grundierungen, stark betonte Augenpartien und präzise gesetzte farbliche Akzente verleihen den Figuren einen nahezu maskenhaften Ausdruck.
Die Produktion versteht das bekannte Volksmärchen nicht als nostalgische Rückschau, sondern als zeitlose Parabel über die Sehnsucht des Menschen nach Glück, Vollkommenheit und Unsterblichkeit.
Mit „Tinerețe fără bătrânețe și viață fără de moarte“ gelingt dem jungen Ensemble des „Radu Stanca“-Theaters eine poetische und visuell eindrucksvolle Premiere, die traditionelle Erzählkunst und modernes Theater auf außergewöhnliche Weise miteinander verbindet und das Publikum noch lange nach dem Schlussapplaus beschäftigt.
Im Rahmen der Minispielzeit der deutschen Abteilung des Radu Stanca-Nationaltheaters wird am Samstag, den 26. September, 19 Uhr, die Premiere der deutschen Version der Inszenierung unter dem Titel „Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod“ ebenfalls in der Kulturfabrik gefeiert. Die Vorpremiere findet ebenda am Sonntag, den 6. September, 17 Uhr, statt.
Cynthia PINTER