Ausgabe Nr. 2971
Sonderausstellung im Kreismuseum Bistritz: Spruchgut auf Wohntextilien

Dr. Irmgard Sedler (links) und Gela Neamțu. Foto: Werner SEDLER
Unter dem Titel „Siebenbürgen, süße Heimat“ steht die Ausstellung mit Spruchgut auf Wohntextilien, die vom Kreismuseum Bistritz in Zusammenarbeit mit dem Siebenbürgischen Museum Gundelsheim organisiert und am 7. August eröffnet wurde. Kuratiert wurde sie von Dr. Irmgard Sedler und Julia Mayerhöffer vom Gundelsheimer und von Gela Neamțu vom Bistritzer Museum. Im Folgenden stellt Dr. Irmgard Sedler die Ausstellung vor, die noch bis zum 14. September zu besichtigen ist:
Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in den Häusern der Siebenbürger Sachsen die großräumige Vordere Stube zu einem festen Muster, das auf die Diagonalordnung der Möbel im funktional spezialisierten Eckgruppen aufbaute. Nachdem die ,,Vordere Stube” hauptsächlich nur noch zur Repräsentation benutzt wurde, kam den Möbeln und Textilien eine ästhetische Funktion zu. Die Möbel wurden bunt bemalt, die hausgewebten Ziertextilien zusätzlich bestickt. Blickfang war vor allem das Hohe Bett mit seinen übereinandergestapelten Kissen und der bestickten Bettdecke aus drei Stoffbahnen; dazu die Decke auf dem Tisch, an dem das zeremonielle „Brautversprechen“, das Verlöbnis, stattfand. Darüber hinaus wurden ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Vorhänge bestickt, die Zierhandtücher, die Zierstreifen über der Tür, die Ornamentstreifen in Schränken und Kredenzen, die Behältnisse für Kämme und Bürsten. Das Spruchgut darauf, das sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, war der Tradition der Wichtigkeit des Wortes im evangelischen Glaubensverständnis verpflichtet.
Die Biedermeierzeit brachte dann als Neuigkeit die Mode der Wandbehänge ins siebenbürgische Bauernhaus und eine neue Blüte der auf Textil gestickten Spruchkultur mit sich. In der romantischen Weltsicht der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Haus und Familie zum Symbol von Geborgenheit und Glück, zum gesellschaftlichen Ideal der Lebenserfüllung.
Die Beispiele zeigen, dass die feste Erwartung auf das ewige Leben Teil der siebenbürgisch-sächsischen Spruchkultur ist. Dementsprechend dürfen die Sprüche auch aus dem materiellen Brauchtum der ,letzten Dinge’ nicht fehlen. Dazu gehören u. a. die bemalten Totenbahren im Besitz der Nachbarschaften, sowie die Totenbahren-Tücher im Familienbesitz.
Dem Ideal der Häuslichkeit entsprechend folgte dann mit einem Höhepunkt um 1900 die Wertschätzung und Idealisierung der Hausfrau am Herd. Findige Textilhandwerker und Kunsthändler entdeckten die Marktlücke und boten auf städtischen Märkten und ländlichen Jahrmärkten vorgedruckte Wandbehänge für einfache Stilstich-Muster mit entsprechenden Hausfrauen- und Heimszenen und den dazugehörigen Sprüchen an.
Diese genähten Wandsprüche hingen über dem Herd, über dem Küchentisch ober der Ruhebank, über der Waschgarnitur, die ebenfalls ihren Platz im ,,Haus“ / Tinda hatte („Wasch dich oft und kalt/ Bleibst gesund, wirst alt“). Die Sprüche wurden auch in rumänischer und ungarischen Sprache angeboten und fanden ihren Weg in die Volkskultur der anderen siebenbürgischen Ethnien: „Friptură, cozonaci,/Bărbățelului să-i faci“ (um 1950).
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand im Zuge der Herausbildung des modernen Identitätsgedankens entsprechendes Spruchgut Eingang in die gestickten Sprüche, vor allem der Wandbehänge. Neben Versen aus den Werken des Nationaldichters Michael Albert waren es Bekenntnisaussagen zum Sächsischen oder der deutschen Sprache. In diese Zeit fällt auch die Gestaltung des siebenbürgischen ,,Wappenspruchs“ mit dem Zitat aus Maximilian Leopold Moltkes Siebenbürgenlied, das zur Volkshymne der Sachsen in Siebenbürgen wurde – ,,Siebenbürgen, süße Heimat”. Der Wandspruch wurde letztlich zum Inbegriff gestalteten siebenbürgisch-sächsischen Spruchguts in den Guten Stuben und den städtischen Wohnzimmern ganzer Generationen.