Aus der Zeit gefallen – und doch mittendrin

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Ausgabe Nr. 2971

  1. Schauwerkstatt der Wandergesellen in Hermannstadt eröffnet

Gruppenbild mit allen bis Monatsende in Hermannstadt weilenden Wandergesellen und -gesellinnen. Einige arbeiten auch in der Stadt, z. B. decken sie das Dach der ehemaligen evangelischen Mädchenschule in der Salzgasse/Constituției und in Schellenberg am Pfarrhaus. Foto: Ștefan TRIHENEA

Sie sind nicht zu übersehen. Diese merkwürdig aussehenden Typen mit den eigentümlichen Anzügen, die sie als Kluft bezeichnen und den großen Hüten. Sie tragen weiße Leinenhemden, die sie Stauden und Binder, die sie Ehrbarkeit nennen: Wandergesellen. Sie scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Allein der Verzicht auf moderne Kommunikationsmittel wie Handys, würde ihre gleichaltrigen Zeitgenossen schon zur Verzweiflung treiben. Und vielleicht passen sie deshalb so gut zu Hermannstadt, jener Stadt, die einst als Hochburg wandernder Gesellen galt. Am 6. August eröffneten sie zünftig die diesjährige Schauwerkstatt zwischen Teutsch-Denkmal und evangelischer Stadtpfarrkirche im Hof des Brukenthal-Gymnasiums.

Mit stimmungsvoller Musik der Roma-Band Elijah umrahmt, hält es kaum einen der gut 300-400 Gäste auf den Stühlen und Bänken. Unter ihnen die deutsche Konsulin Wiebke Oeser.

Es ist ein besonderes Jubiläum. Seit 2007, als Hermannstadt sich mit dem Titel Europäische Kulturhauptstadt schmücken konnte, treffen sich Gesellinnen und Gesellen in der Stadt am Zibin. Grund genug für die Redner der Eröffnungsfeier nicht nur auf das 20. Europäische Wandergesellentreffen, sondern auch auf eine erfolgreiche Geschichte des Projektes zu verweisen.

Begonnen hat es bereits einige Jahre früher, als Gesellen die Stadt entdeckten und damit den Grundstein legten. An der Wiege standen damals neben der Evangelischen Kirche mit Stadtpfarrer Kilian Dörr, auch die Hermannstädter Zeitung mit Beatrice Ungar, die den ersten „ungewöhnlichen Gestalten“ gastfreundlichen Empfang bereiteten. Seit 2006 entdeckte auch die in Berlin ansässige Deutsche Gesellschaft das Thema für sich und mit Blick auf das Kulturhauptstadtjahr das Potential. Diese erste, nach dem Fall der Mauer gegründete gesamtdeutsche Vereinigung hatte sich das Ziel gesetzt, den deutschen und europäischen Vereinigungsprozess zu begleiten und zu befördern. In der Gesellschaft wirkten Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Hans Dietrich Genscher oder Angela Merkel, aber auch Martin Walser oder Friede Springer. Es lag nahe, mit einem Wandergesellentreffen ein großes europäisches Austausch- und Begegnungsprogramm in die Wege zu leiten. Aber nicht, wie üblich, mit einem Austausch von Studenten oder Akademikern, sondern von Gesellen, Handwerkern, die nicht mehrere Sprachen beherrschten aber für die europäische Vereinigung unerlässlich sind. Der Idee folgend eröffneten der deutsche Bundespräsident Horst Köhler und der damalige Bürgermeister Klaus Johannis, 2007 die Gesellenherberge im ältesten Turm der Stadtmauer.

Andreas H. Apelt (im hellblauen Hemd) und Anda Ghazawi (rechts im langen roten Kleid) begrüßten alle bei der festlichen Eröffnung der Schauwerkstatt, im Hintergrund die Roma-Band von Elijah. Foto: Beatrice UNGAR

Von hier aus organisierten bis heute die Gesellen in jedem Sommer Restaurierungsarbeiten an der evangelischen Stadtpfarrkirche, den Bürgerhäusern oder anderen kulturhistorischen Kleinoden. Hier fachsimpelten die Gesellen in Gesprächsrunden und Workshops, tauschen Arbeits- und Reiseerfahrungen aus und diskutieren über Gott und die Welt. Lesungen, Filmvorführungen und Auftritte von Gesellen-Bands vermittelten ergänzend ein vielschichtiges Bild bunten Wandergesellenlebens.

Schnell fanden sich Unterstützer. Von lokaler Seite, die Stadtverwaltung, der Gesellenverein, die Evangelische Kirche und die Hermannstädter Zeitung, darüber hinaus Bundesministerien wie das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium, später das Kanzleramt. Zu den Förderern zählten u.a. die Bosch-Stiftung, die Allianz-Kulturstiftung oder die Körber-Stiftung. Zu nennen sind aber auch die zahlreichen unterstützenden Mitglieder der Deutschen Gesellschaft, die seit fast zwei Jahrzehnten den finanziellen Grundstock des Projektes bilden. Es verwunderte nicht, als das Projekt vor wenigen Jahren den Europäischen Kultur-Avard verliehen bekam.

Das alles hat die Gesellen, die aus Deutschland, Frankreich, Österreich, der Schweiz, England oder Skandinavien kommen, nicht abheben lassen. Sie folgen weiterhin uralten Ritualen, die das Miteinander sichern. Sie geben in schwierigen Zeiten Halt.

So steht im Mittelpunkt der deutschen Gesellen die Walz, jene seit 500 Jahren nachweisbare Wanderschaft, die sie aus ihrer heimatlichen Umgebung verbannt und sie für mindestens drei Jahre und einen Tag „in alle Herren Länder“ verstreut. Nähern dürfen sich die Gesellen, die zur Ehelosigkeit und Schuldenfreiheit verpflichtet sind, der alten Heimat nur bis auf 50 Kilometer.

In Hermannstadt fühlen sich die Gesellen, Zimmerleute, Tischler, Schmiede, Klavierbauer, Buchbinder, Maurer, Steinmetze, Dachdecker, Bäcker oder Kirchenmaler sehr wohl.

Einigen ist Hermannstadt und Siebenbürgen sogar zur neuen Heimat geworden. Schon das ist ein Argument mehr, das für den Fortbestand dieses einmaligen Projektes europäischen Kultur- und Wissenstransfers spricht. Und wirklich, darin waren sich die Redner einig, auch in 20 Jahren soll es das Projekt noch geben.

Andreas H. APELT

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein, Geschichte, Gesellschaft, Im Jahreslauf.