Theater zum Greifen nah

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Freiluft-Darbietungen im Hermannstädter Internationalen Theaterfestival

Ausgabe Nr. 2964

Riesengroße bunte Tiere zum Anfassen: Mit aufblasbaren bunten Elefanten, Schnecken und Drachen auf dem Rücken begeisterte die tschechische Truppe „BoCirk“ sowohl Kinder als auch Erwachsene bei ihrer Parade vom Großen Ring durch die Heltauergasse.                                                               Foto: Beatrice UNGAR

Einhörner auf Stelzen, Figuren von oben bis unten mit Erde bedeckt, zwei Banditen auf der Suche nach Fisch – was surreal und wie aus einem Märchen klingt, wurde am Wochenende in den Straßen Hermannstadts greifbare Wirklichkeit. Mit einem farbenfrohen Spektakel begann am vergangenen Freitag, dem 19. Juni, die 33. Ausgabe des Hermannstädter Internationalen Theaterfestivals (FITS), das erneut tausende Besucherinnen und Besucher angezogen hat und noch bis Sonntag, dem 28. Juni, anziehen wird.

„Sie kommen uns hinterher“, bemerkte ein kleines Mädchen, welches aufgeregt die Hand ihres Vaters hielt und mit großen Augen zu den Einhörnern auf Stelzen blickte, die zur Performance „Lulu and the Horses Parade“ aus den Niederlanden gehörten. Über 5.000 Künstlerinnen und Künstler aus 83 Ländern sind in diesem Jahr Teil des neuntägigen Festivals und verwandeln die ganze Stadt in ein Paradies für alle kreativen und theaterbegeisterten Köpfe. Die Locations der Außenveranstaltungen sind dabei ebenso vielfältig wie das Programm. So installierte der französische Künstler Olivier Grossetête mit Hilfe von zahlreichen Freiwilligen und Schülerinnen und Schülern auf dem Huetplatz einen Turm aus unzähligen Kartons inspiriert von der Architektur Hermannstadts. Währenddessen konnte man die Proben der italienischen Künstlerinnen und Künstler der „Compagnia Luca Piallini“ am Freitagvormittag bereits aus der Ferne entdecken.

Eine „kosmische Reise“ präsentierte auf dem Großen Ring Luca Piallini und seine Truppe aus Italien. Foto: Johanna MÜNZNER

Überdimensionale Planeten schwebten an Seilen und wurden am Abend des ersten Festivaltags Teil der magischen Inszenierung namens „Cosmic Journey“, die den gesamten großen Ring füllte und mit der Frage spielte, ob die Erde wirklich uns gehöre. Abgerundet wurde die Eröffnung mit der beliebten Drohnenshow, die unter anderem ein Theater in den Nachthimmel malte. Sie ließ sich am besten vom Parkplatz der 90-er Kaserne beobachten und wird das Festival am Sonntag Abend auch beenden.

Die zwei schon erwähnten Banditen schlichen sich am Samstag durch die Fußgängerzone in der Heltauergasse/Nicolae Bălcescu und vorbei an verdutzten Gästen, die gerade ihr Mittagessen im Biergarten genießen wollten. Dabei diente die Glatze eines Zuschauers der Orientierung und eine Menschenschar folgte dem Duo aus Spanien und Italien gespannt in einen Hinterhof.

Die „Always Drinking Marching Band“ aus Barcelona in der Heltauergasse.
Foto: Johanna MÜNZNER

Ein persönliches Highlight war die „Always Drinking Marching Band“ aus Barcelona, die neben ihren Interpretationen von Klassikern wie der „Fünften Sinfonie“ von Beethoven, vor allem mit Hits wie „Get Lucky“ von Daft Punk auf Pauken und Trompeten eine unvergleichliche Stimmung erzeugte, bei der wirklich jeder auch wider Willen mitwippen oder tanzen musste. Ins Schwitzen kamen bei ihren Auftritten nicht nur die Künstlerinnen und Künstler – mit Temperaturen um die 30 Grad wurden am Festivalwochenende unzählige Eis geschleckt und Wasserflaschen geleert. Die Hitze hielt dennoch niemanden davon ab weitere Programmhighlights aus nächster Nähe zu verfolgen. So fanden sich auch auf dem Habermann-Platz hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer, als unter anderem die belgische Gruppe „Beyond“ eine eindrucksvolle Choreografie mit Leitern und immenser Körperbeherrschung präsentierte und im Anschluss rauschenden Applaus erntete. Nach ihrer letzten Performance am Sonntag wechselte die Gruppe die Seiten und schlüpfte in die Rolle der Zuschauenden als der Spanier Joan Català mit „Pelat“ eine außergewöhnliche interaktive Show zeigte.

Joan Català balanciert einen Baumstamm.                 Foto: die Verfasserin

Alles begann mit einem Baumstamm, den der Künstler auf seiner Schulter balancierte und anschließend aufstellte, wobei er sich helfende Hände im Publikum suchte. Im Laufe der Performance wurden vier Zuschauer eingebunden, die keine andere Wahl hatten, als sich auf die Herausforderung einzulassen und Català zu vertrauen. Das Ergebnis war ein geordnetes Chaos, das von herzlichem Lachen aus den Zuschauerrängen begleitet wurde.

Chaos löste auch die deutsche Gruppe „Creatures“ aus, die sich mit Erde bedeckt durch die Stadt tastete und dabei unter anderem die neugierigen Blicke von Ladenbesitzern auf sich zog, als sie vor ihren Geschäften posierte. Mit großem Staunen verfolgten die Gäste aus Nah und Fern ebenso „Hexagonum“ – eine Mischung aus Livemusik, überdimensionalen Hummeln, Feuer und Pyrotechnik. So beschrieben klingt auch dieser Programmpunkt wie von einem anderen Stern und auf eine Art unvorstellbar.

Vermutlich lässt sich das gesamte Auftakts-Wochenende des FITS wie folgt zusammenfassen: „Man muss dabei gewesen sein!“ Wer das nicht war, kann sich zumindest mit Hilfe von Fotos und Videos einen Eindruck verschaffen, aber vor allem den nächsten Juni im Kalender markieren. Das 34. FITS-Festival findet vom 18. – 27. Juni 2027 statt und verspricht schon jetzt ein ebenso großes und farbenfrohes Spektakel in den Straßen Hermannstadts auszulösen.

Johanna MÜNZNER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.