Interpretationsversuch des Cannes-Gewinnerfilms „Fjord“
Ausgabe Nr. 2963

Kein Spielfilm wurde in den letzten Jahren so heiß erwartet wie „Fjord“ von Cristian Mungiu. Vor allem nachdem der kontroverse Streifen Ende Mai die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes einheimste, war ganz Rumänien auf den Film gespannt. Erst wurde ein großes Geheimnis um den Kinostart gemacht, dann gab die Presse bekannt, es gäbe ein einziges Screening in allen Kinos rumänienweit am 13. Juni. Darüber freuten sich auch unzählige Hermannstädter, die nun die Gelegenheit wahrnahmen in einem der beiden Kinos Cineplexx und CineGold eine Karte zu ergattern.
Der Spielfilm „Fjord“ konnte fast wie ein Dokumentarfilm gesehen werden. Die Inspiration für den Film kam von dem sehr mediatisierten Fall der Familie Bodnariu, einem Rechtsstreit zwischen einer rumänisch-norwegischen Familie – Marius Bodnariu (rumänischer Staatsbürger) und Ruth Bodnariu (norwegische Staatsbürgerin) – und dem norwegischen Kinderschutzdienst Barnevernet, in dessen Rahmen die fünf Kinder der Familie am 16. November 2015 in die Obhut des norwegischen Staates genommen wurden, nachdem ihren Eltern vorgeworfen worden war, körperliche Gewalt gegen ihre Kinder ausgeübt zu haben. Es wurde behauptet, dieser Fall beruhe auf religiösen Problemen. Obwohl sich diese Anschuldigung als unbegründet erwies, veranlasste die Kontroverse verschiedene christliche Gruppierungen dazu, gegen das Vorgehen der norwegischen Behörden zu protestieren.
Der Regisseur Cristian Mungiu erklärte auf die Frage, inwieweit die Geschichte der Familie Bodnariu für die Entstehung des Films „Fjord“ von Bedeutung war, dass es sich um „einen fiktionalen Film“ handele, der „von mehreren solchen Situationen inspiriert“ sei, auch wenn diese „die bekannteste“ und „am meisten in den Medien verbreitete“ gewesen sei. Trotzdem kann man bei näherer Recherche sehr viele Ähnlichkeiten zwischen dem Fall Bodnariu und der im Film dargestellten Familie Gheorghiu erkennen. Nichtsdestotrotz ist der Film mit Sebastian Stan, Renate Reinsve, Ana Bodea, Lisa Loven Kongsli und Thorbjørn Harr absolut sehenswert und konnte auch beim Publikum in Hermannstadt nach dem Screening kontroverse Gespräche auslösen.
Wer hat Recht? Die evangelikale Einwandererfamilie mit ihren konservativen Erziehungsmethoden, wo der Klaps auf den Hintern nicht als schädlich angesehen wird? Mit ihren rigiden Wertvorstellungen: Kein Tanzen, kein Fluchen, kein Pop, kein Youtube, überhaupt kein Internet, keine Videospiele, Lesben und Schwule kommen in die Hölle, dafür regelmäßiges Beten und fortdauernde Einschüchterung? Oder die norwegische Mustergesellschaft mit den säkularen und toleranten, und vermeintlich kinderschützenden Kriterien, bei der nach der Verdächtigung von Gewalt in der Familie die Saubermänner und Sauberfrauen der „Child Protection“ kommen und binnen eines Tages den Eltern ihre Kinder wegnehmen?
Das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Toleranz und der Säkularität des westlichen Liberalismus, zwischen den konservativen Werten der traditionellen Familie und den Leitbildern moderner Gesellschaften, zwischen evangelikalen Weltanschauungen und dem progressiven Werteverständnis der nordischen Länder sowie zwischen kultureller Assimilation und der Anerkennung der Eigenheiten gesellschaftlicher Minderheiten bildet ein vielschichtiges Netz von Widersprüchen.
Mungius Kamera bewertet nicht und gibt keine Richtung vor. Sie lässt uns selbst zwischen unterschiedlichen Sichtweisen schwanken: zwischen dem Verständnis für eine bestimmte Ideologie und dem Mitgefühl für die Menschen, die unter ihrer harten Umsetzung leiden, sowie zwischen der Ablehnung religiösen Fanatismus und dem Respekt vor den Rechten von Minderheiten. Mungiu erzählt von Menschen, die von ihrer eigenen moralischen Überlegenheit überzeugt sind und dadurch anderen Schaden zufügen. Er zeigt einen Moraldruck, der in Norwegen unter dem Deckmantel des Kinderschutzes ausgeübt wird.
Ein herausfordernder und mutiger Film, der weder Rezepte noch Trost anbietet, sondern uns Fragen stellt und unsere Überzeugungen infrage stellt.
Cynthia PINTER