Luminiţa Mihai Cioabă stellte im Spiegelsaal ihr neuestes dreisprachiges Buch vor
Ausgabe Nr. 2957

Unser Bild: Zum Auftakt der gut besuchten Veranstaltung präsentierten zwei Paare vom Folkloreensemble „Cindrelul – Junii Sibiului” einige Roma-Tänze. Foto: Mugur FRĂŢILĂ
Luminița Mihai Cioabă hat ihren neuesten, dreisprachigen Gedichtband „Dincolo de cer/Înteal o cerii/Jenseits des Himmels” am Dienstag, dem 28. April, im Spiegelsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt vorgestellt. Der Nachmittag war nicht nur der Poesie, sondern der Romakultur gewidmet, denn ihre dreisprachig gelesenen Dichtungen wurden mit Musik und Tanz ergänzt.
Bekannt ist Luminița Mihai Cioabă nicht nur für ihre Erzählungen und Romane, sondern auch für ihre Poesie, denn sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Roma-Dichterinnen und ihre Werke sind international anerkannt. Was Wenige kennen, ist ihr Talent, wichtige Dichter-Treffen zu organisieren, die Kultur und Traditionen vereinen. Der Nachmittag im Spiegelsaal zur Vorstellung ihres neuesten Gedichtbandes war eine kleine Demonstration, die an das von ihr organisiertes Roma-Poesie-Festival „Romaii Poesia” erinnerte.
Gabriel Tischer, der Vorsitzende des Hermannstädter Forums, begrüßte die Gäste im Spiegelsaal: „Willkommen bei diesem Treffen, gewidmet der Kultur und dem Dialog. Der Spiegelsaal wird heute eine Metapher der Interkulturalität, in dem jeder von uns sich im anderen widerspiegelt und neue Perspektiven entdeckt. So wie die Spiegel um uns herum das Licht und das Bild vervielfachen, so erweitert die Begegnung zwischen den Kulturen die Ideen, die Sensibilität und das Verständnis. Interkulturalität ist nicht nur eine Begegnung zwischen Traditionen, sondern eine lebendige Brücke zwischen den Menschen, die uns hilft, einander besser kennenzulernen und gemeinsam eine offenere, solidarischere Gemeinschaft aufzubauen.”

Buchvorstellung im Spiegelsaal (v. l. n. r): Raluca Iani, Emőke Boldizsár, Alexandru Cistelecan, Ioan Radu Văcărescu, Luminiţa Mihai Cioabă und Beatrice Ungar. Fotos: Mugur FRĂŢILĂ
Nach diesen Einführungsworten stürmten zwei Paare des Hermannstädter Folkloreensensembles Cindrelul – Junii Sibiului in den Saal und führten zwei traditionelle Roma-Tänze auf, dass das Publikum direkt in die lebendige und lebensfrohe Welt der Roma versetzte. Das Ensemble ist international anerkannt für die Vielfalt seiner Tänze – darunter auch Tänze der Minderheiten in Rumänien – und für die Perfektion der Darbietungen, und diese kurze Aufführung war ein Leckerbissen für das Publikum.
Dorin Cioabă, der selbsternannte König der Roma und der Neffe der Autorin sprach kurz über die Bedeutung der Kulturarbeit seiner Tante und wies darauf hin, dass die Roma-Minderheit viel mehr zu bieten hat als Skandale und schlechte Presse. Für einen amüsanten Moment sorgte er, als er über die rumänischen Politiker witzelte, dass sie sich „wie vor der Türe des Zeltes streiten” (se ceartă ca la ușa cortului). Beispiele für diese rumänische Redewendung mit Bezug auf die Roma-Minderheit kann man tatsächlich immer wieder im Rumänischen Parlament beobachten.

Gruppenfoto mit den Sprechern und den jungen Musikern vom Sozialverein Elijah, Dorin Cioabă (8. v. l.) und Gabriel Tischer (9. v. l.).
Luminița Mihai Cioabă stellte danach den „größten Kritiker Rumäniens” Alexandru Cistelecan vor, was dieser mit einem Lächeln entgegennahm und witzelte: „Zwar ist Luminițas Lob nicht wahr, doch ich muss zugeben, dass ihre Worte mir schmeicheln.” Trotz seiner Bescheidenheit ist Cistelecan einer der wichtigsten Literaturkritiker Rumäniens, insbesondere für die Dichtung. „Ich würde Luminița zunächst in das Gesamtbild der zeitgenössischen rumänischen Dichter einordnen”, begann er seinen kurzweiligen Vortrag. „Sie gehört zur gleichen Generation wie Mircea Cărtărescu, Călin Vlasie, Ion Bogdan Lefter oder, aus Hermannstadt, Dumitru Chioaru und Ioan Radu Văcărescu, der hier anwesend ist. Aber ich glaube, das ist nur ein biografischer Zufall, denn Luminița hat sich bewusst nicht an den radikaleren Ideen der Generation der Achtziger beteiligt, sie hat sich auch nicht der textuellen Ausrichtung der Poesie und auch nicht der Linie angenähert, die auf den Realismus der Konnotationen in der Poesie setzte, die gegen Metaphern und gegen Symbole wetterte und die in den 80er Jahren das tun wollte, was die jungen Dichter von heute tun. Die Dichter von damals wollten es tun, konnten es aber nicht. Luminița zog es vor, den großen Weg der rumänischen Poesie zu gehen.” Der Kritiker sprach über das Auftreten der Dichterin, die „nicht nur mit der Sensibilität ausgestattet ist, die die Dichter immer brauchen, sondern auch mit einer Art Vorempfindlichkeit, in dem Sinne, dass man bevor man von einem Ereignis in der Welt, von etwas Schönem oder einem kleinen Wunder beeindruckt wird, bereits ahnt, dass man an einem Geheimnis teilhaben wird. Diese Vorempfindlichkeit spürt man in Luminiţas Gedichten durch die Art und Weise, wie der Vers, bevor er offen zugibt, an einem Wunder teilzuhaben, sich mit einer Art Schüchternheit, mit ein wenig Vorsicht dem sprachlichen Ereignis nähert, das er verwirklichen und sprachlich ausdrücken wird.”
Junge Instrumentalisten vom Sozialverein Elijah unter der Leitung von Musiklehrer Mircea Pârcălabu waren für die musikalische Untermalung des Events zuständig und begannen ihr kleines Programm mit einem der bekanntesten Lieder der Roma: „Ederlezi” (Romanes „Georgstag“), das das von vielen Roma gefeierte Đurđevdan-bzw. Hıdrellez-Fest am 6. Mai besingt und in vielen Variationen zu hören ist. Auch im Spiegelsaal war eine Variante davon zu hören, denn die Teenager sangen sowohl romaii als auch rumänisch und ersetzten „Ederlezi” mit „Elijah”.

Luminiţa Mihai Cioabă und die Schauspielerinnen Raluca Iani und Emőke Boldizsár vom Radu Stanca-Nationaltheater lasen dreisprachig einige Gedichte vor, die die meisten Anwesenden überzeugten, nach der Vorstellung eines der Bücher mit der Signatur der Autorin zu erwerben, die übrigens auch in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé erhältlich sind.
Zu Wort kam danach Ioan Radu Văcărescu, der die Hermannstädter Filiale des Rumänischen Schriftstellerverbandes leitet und über seine Kollegin und ihre Arbeit sprach.
Der Gedichtband wurde ins Deutsche von der HZ-Chefredakteurin Beatrice Ungar übersetzt, die als Letzte das Wort ergriff und danach auch das Büffet eröffnete. „Ein Gedicht zu übersetzen ist allgemein schwierig, aber Luminiţas Gedichte erschweren die Arbeit, weil sie mit wunderschönen Bildern arbeitet und mit Worten, die schon als Wort an sich etwas aussagen.”
Bei Trank und Speis entspannten sich im Anschluss die Anwesenden, ein guter Moment, das Erlebte zu teilen.
Ruxandra STĂNESCU