,,Af deser Iërd“

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Ein Klassiker der siebenbürgisch-sächsischen Liedkultur

Ausgabe Nr. 2957

Ernst Thullner (1862-1918), um 1900. Aufnahme aus einem Jubiläumsalbum für Bischof D. Dr. Friedrich Teutsch. Nationalarchiv Hermannstadt, Familiennachlässe Georg Daniel und Friedrich Teutsch.           Foto: Konrad KLEIN

Der gebürtige Birthälmer Lehrer und Pfarrer Ernst Thullner, ist der Dichter einiger sehr beliebten und verbreiteten siebenbürgisch-sächsischen Mundartlieder. Thullners bekanntestes Mundartlied ist sicher „Af deser Iërd“ (1897), das bereits in Heft II des Sammelbandes „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder von Hermann Kirchner“ (Mediasch: G. A. Reissenberger, 1898) in Druck erschienen ist und zu einer Art zweiter Volkshymne der Siebenbürger Sachsen nach Max von Moltkes „Siebenbürgenlied“ wurde.

Ebenfalls 1898 hat Thullner seine Sammlung „Bä der Kalefōk – Geschichten uch Lidcher“ (Hermannstadt: W. Krafft) veröffentlicht. (Kalefōk = Ofen)

In siebenbürgisch-sächsischer Mundart zu schreiben, wurde Thullner von Michael Albert, seinem „än Dånkberget veriert“ (in Dankbarkeit verehrten) Deutschlehrer, am Schäßburger Gymnasium angespornt, dem er die im selben Verlag bereits 1892 herausgegebene Sammlung von Schwänken aus dem Bauernleben „Ous der Rokestuw – Lastich Geschichten ä sachsesche’ Reimen“, widmete.

Mit seiner Mundartdichtung hoffte Thullner einerseits, „dass der sächsische Landmann angeeifert würde, an den langen Winterabenden ein Buch in die Hand zu nehmen“ und andererseits, um zur Bereicherung der Dialekt-Literatur beizutragen, denn „gerade heute, wo fast jedes alle Sachsen umschlingende Band durch die Stürme der Zeiten zerrissen und unsere Muttersprache das einzige Kennzeichen noch ist, dass das Sachsenvolk e i n Volk ist von ,Broos bis Draas‘, heute tut es doppelt Not, in jedem sächsischen Hause die sächsische Sprache zu hegen und zu pflegen“.

Unter dem Druck der Magyarisierung erkannte Thullner geistige Wachheit als Überlebensfrage seines Volkes. Die Predigt allein reichte ihm nicht; er wirkte als Volkspoet, der mit Humor in Mundart seine Schwänke, Volksstücke und Gedichte verfasste, die er aus genauer Kenntnis des bäuerlichen Lebens schöpfte.

Hermann Kirchner (1861–1929) vertonte Thullners Gedichte „Af deser lërd“, „Än ases Nobers Guërten“, „Der Må äs wedder hä“ und auch das bekannte und zum siebenbürgisch-sächsischen Volkstanz gewordene Lied „Et wor emol en reklich Med“ (Schniël bekihrt). Rudolf Lassel (1861–1918) vertonte die Gedichte „Äm Frähjohr kåm e Vijjeltchen“ und „Hiren ich de Biëtklok logden“ (Biëtklok). Letzteres wurde auch von Hans Mild (1883–1958) einer Melodie unterlegt (S. SbZ, 3. Jun 2025 https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/26129-hegt-wird-gesangen-de-bietklok-von.html), sowie „Säng norr, säng, ta läwet Zeïsken“. Heinrich Emil Bretz (1891–1986) schrieb die Melodie des Liedes „Des Morjest, ih de Sann afgiht“.

Die Partitur ist in der Liedersammlung „E Liedchen hälft ängden. Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“ zu finden, die 2017 von Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels im Verlag Haus der Heimat Nürnberg herausgegeben worden ist und inzwischen schon ihre dritte Auflage erlebt hat.

Unbekannt sind die Verfasser der Melodien von „Äm Guërte sätzt en inij Puër“ (De Zegden ändre’ sich) und „Ze Urbijen, äm Angderwååld“ (Der Brogtkrånz), siehe https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/25082-hegt-wird-gesangen-ze-urbijen-aem.html.

Das Lied „Af deser lërd“ lebt bis heute – und sicher noch so lange sich Menschen zur siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft bekennen – als Ausdruck tiefer Heimatverbundenheit weiter und verweist auf Thullners bleibende Bedeutung als Mundartdichter. Unter siebenbuerger.de/go/2L112 finden Sie sieben Aufnahmen in verschiedenen Ortsmundarten.

Nach dem Gymnasium in Schäßburg, studierte er in Graz Medizin und in Leipzig und Klausenburg Theologie und Pädagogik. Von 1885 bis 1887 war er in Agnetheln und von 1887 bis 1890 in Mediasch als Lehrer und Schulleiter tätig. Anschließend wirkte er bis 1898 als Pfarrer in Dobring, bis 1913 in Großpold und bis zu seinem Tode als Stadtpfarrer in Mühlbach.

Angelika MELTZER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.