Tradition in feinen Fäden

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Ein Märzchen in Wien erzählt

Ausgabe Nr. 2949

Ich bin ein Märzchen aus Wien – klein, doch voller Geschichten. Meine zwei Fäden, rot und weiß, wurden einst geflochten, um den Dialog der Jahreszeiten zu bewahren: Wärme und Kälte, Abschied und Neubeginn, Ruhe und Erwachen. Seit Jahrhunderten reise ich durch Rumänien und Südosteuropa, ein stiller Bote für Gesundheit, Wohlstand und guten Willen zum Beginn des landwirtschaftlichen Jahres. Als mein Brauch 2017 als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO gewürdigt wurde, fühlte ich mich gesehen – doch mein wahres Leben beginnt immer dort, wo ich verschenkt werde.

In diesem Frühling durfte ich mich wieder freuen, denn das Rumänisches Kulturinstitut Wien und die Rumänisch-Orthodoxe Kirche „Pogorârea Sfântului Duh și Sf. Ștefan cel Mare” öffneten weit ihre Türen für das Märzchenfest. Beim Märzchenmarkt der Kirche begegnete ich an drei Tagen vielen wunderschönen Exemplaren in unterschiedlichster Gestalt: traditionelle Zeichen mit feinen Mustern, moderne Interpretationen voller Fantasie, Schmuckstücke und kleine dekorative Begleiter mit kultureller Seele. Wir waren viele – und doch trugen wir alle dieselbe Botschaft: Hoffnung ist ein leiser, aber beständiger Faden.

Am Sonntag, dem 1. März, erlebte ich meine schönste Verwandlung. Beim Workshop „Märzchen, rumänische Tradition und Schönheit“, organisiert von den Freiwilligen des Vienna Family Network, wurde ich im Rumänischen Kulturinstitut neu geboren. Kinderhände formten mich aus Perlen, Papier und weiß-roten Fäden. Grußkarten entstanden, Armbänder wurden geknüpft, und mit jedem liebevollen Handgriff wuchs meine Familie.

Unter der einfühlsamen Begleitung von Cosmina Efremescu und Claudia Chezan lauschten die Kinder der Geschichte des Märzchens – erzählt auf Rumänisch und bei Bedarf in Englisch und Deutsch erklärt. Neugierige Blicke, heiteres Lachen und Momente stiller Konzentration erfüllten den Raum. So entstanden nach und nach viele neue „Schwestern und Brüder“ – jedes einzelne ein kleines Zeichen von Liebe, Reinheit und hoffnungsvollem Neubeginn.

Ich bin mehr als ein Zeichen aus Fäden. Ich bin eine Geste der Wertschätzung, eine Brücke zwischen Generationen, ein Gruß des Frühlings. Wenn ich von Hand zu Hand wandere, nehme ich Wünsche mit – und lasse ein sanftes Lächeln zurück.

So lebe ich weiter in Wien, leicht wie ein Frühlingshauch, still wie ein guter Gedanke. Und jedes Jahr beginne ich von Neuem.

Ingrid WEISS

P.S.: Die beiden Bilder hat mir dankenswerterweise Andreea Dinca vom RKI Wien zur Verfügung gestellt. Danke!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein.