Post, Telegraph, Telefon in Hermannstadt (I) / Von Manfred WITTSTOCK
Ausgabe Nr. 2949

Das ursprüngliche Bielzische Haus in der Heltauergasse (4. v. r.), vor seinem völligen Umbau während den Jahren 1904-1906, war nur einstöckig und gleichhoch wie die Nebengebäude, hatte eine ebene Fassade mit sechs Fenstern zur Straße sowie zwei Gauben am Dach.
Abgesehen von den politischen Verhältnissen: Es hätte unsere Selbstvernichtung bedeutet, hätten wir im 18. Jahrhundert den Habsburgern, die uns katholisch oder im 19. Jahrhundert den Ungarn, die uns madjarisch machen wollten, nachgegeben. So konnten wir nicht nur unsere Sprache und unseren Glauben behalten, sondern auch am allgemeinen Fortschritt teilnehmen.
Da wurde schon im Jahre 1754 zwischen der Reichshauptstadt Wien und der Provinzhauptstadt Hermannstadt ein regelmäßiger Linienverkehr der Post eingeführt. Zwischen beiden Ortschaften verkehrte monatlich über Temeswar je ein Postwagen mit Passagieren und deren Gepäck sowie mit Wertsachen, außerdem täglich Postreiter mit Schriftstücken
Dafür erwarb der Magistrat von einer Familie Gunesch das rechte Eckhaus von den damals vor dem Bürgermeisteramt befindlichen zwei mittelalterlichen Gebäuden, um hier die für ganz Siebenbürgen zuständige Postdirektion unterzubringen. Von da stellten Hermannstädter Postreiter jeweils an jedem Dienstag und Freitag eine Verbindung zu den größeren Ortschaften her.
Schon im Jahre 1775 wurde diese Postdirektion in das ursprüngliche Gebäude am Großen Ring Nr. 8 verlegt, welches damals nach dem Aussterben der Nachkommen des einstmaligen Bürgermeisters Johannes Wayda leer stand. Als dieses Gebäude dann nach fast einem halben Jahrhundert, also im Jahre 1821 von der sächsischen Nationsuniversität mit 20.000 Gulden erworben wurde, sowie nach Plänen des Ingenieurs Andreas Adam in die Verwaltungszentrale der Nationsuniversität umgebaut wurde, kam das Postamt in die freien Räumlichkeiten links vom Toreingang bei der Witwe Hitsch in der Fleischergasse Nr. 12. Wiederum nach fast einem halben Jahrhundert, ab 15. Februar 1869, verkehrten täglich zwei Personenpostwagen nach Karlsburg zum Anschluss an die Eisenbahn, eine neue Zeit erahnend.

Nachkommen vom Bürgermeister Thomas Altemberger hatten materielle Schwierigkeiten. So kaufte die Stadt im Jahre 1545 das Anwesen am Beginn der Fleischergasse um 1922 Gulden und 64 Demare, um hier während vierhundert Jahren das Rathaus zu betreiben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte man hier nach Anmeldung beim Archivar aus einem Raum beim Erker vom Treppenturm zum Archiv kommen, in welchem sich Urkunden, Akten, Protokoll- und Rechnungsbücher sowie Handschriften nicht nur über Hermannstadt, sondern auch über Schäßburg, Kronstadt, Mediasch, Bistritz, Mühlbach, Schenk, Reussmarkt, Reps, Leschkirch und Broos befanden. Bid oben: Wohnturm und Treppenturm im Innenhof des Rathauses um 1904; Bild unten: Wohnturm und Treppenturm heute, im Innenhof des Historischen Museums im Alten Rathaus.
Wenn man einst außerhalb der oberen Altstadt von der Bretterpromenade in die Mühlgasse einbog, so befand sich im zweiten Haus auf der rechten Seite der Gasthof „Zur goldenen Kugel“ mit einem Bad, aus dem sich die Frühbeckische Badeanstalt entwickeln sollte. Im ersten Stock dieses Hauses war am 20. August des Jahres 1853 das städtische Telegraphenamt eingerichtet worden, welches am 1. Februar 1874 nunmehr als königlich ungarische Einrichtung in das Gebäude von Simon Czekelius an der Fleischergasse Nr. 25 kam.

Nachdem die Sächsische Nationsuniversität auch dieses Gebäude erworben hatte, vereinigte sie im Jahre 1887 in der gleichen Straße Nr. 12 bei der Witwe Hitsch die bisherigen Einrichtungen unter ihrem langjährigen Vorstand Julius Follért zur „Königlichen ungarischen Post- und Telegraphendirektion für Siebenbürgen“. Für den Publikumsverkehr standen zu Beginn 15 Beamte zur Verfügung, wobei das Amt täglich zwischen 8-12 sowie 14-18 Uhr geöffnet war und das Postlädchen neben dem Eingang täglich um 8, 15 sowie 18 Uhr geleert wurde.
Michael Bielz, geboren am 10. Mai 1787 in Birthälm, besuchte nach den ersten Schuljahren im Heimatort das Gymnasium zuerst in Mediasch und danach in Hermannstadt. Eine Ausbildung am reformierten Kollegium in Klausenburg war erst möglich, nachdem die notwendigen Mittel als Hauslehrer erworben wurden. Heimgekehrt wirkte er zunächst als Lehrer und ab 1811 ebenda als Sekretär des Bischofs Daniel Georg Neugeboren. Nach Heirat wurde er ab Oktober 1814 Pfarrer in dem kaum zehn Kilometer entfernten Neudorf. Als die Nachricht von der Erfindung des Steindrucks durch Alois Senefelder /1798/ und einem 1817 von diesem entwickelten neuen Verfahren der Lithographie auch in Siebenbürgen bekannt wurde, da erkannte Michael Bielz die Möglichkeit für die erwerbsmäßige Nutzung seiner zeichnerischen Begabung. Nach ersten Versuchen fand er auch Ersatz für einzelne Bestandteile wegen den Transportschwierigkeiten mit dem Ausland. Er entdeckte entsprechenden Schiefer für die Steinplatten zwischen Härwesdorf/Cornăţel am Harbach und Sakedaten/Săcădate am Alt sowie feinen weißen Trachyttuff bei Gierelsau/Bradu am Alt für den nötigen Bimssteinersatz. So ausgerüstet nahm Michael Bielz im Vorgängerbau an der Heltauergasse – damalige Nr. 25 – Quartier und erhielt am 21. Juli 1822 die Genehmigung ein erstes lithographisches Unternehmen für Siebenbürgen zu eröffnen. Er sollte hier, nachdem er das Gebäude auch gekauft hatte, anfangs unter Mithilfe des Malers Franz Neuhauser der Jüngere nicht nur Porträts, sondern auch Landkarten drucken. Da seine Sehfähigkeit abnahm war er im Jahre 1854 gezwungen, seine Anstalt zu verkaufen. Er fand auch einen Käufer im damaligen Wohnhaus Nr. 240.
In der ersten Hälfte und in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es wegen den zahlreichen Seuchen und den napoleonischen Kriegen üblich, die einzelnen Wohnhäuser für eine bessere Übersicht zu nummerieren. Hermannstadt tat das gleiche, Informationen aus dem Jahre 1833 – also am Ende der langen Regierungszeit vom Kaiser Franz I. – auf eine Hermannstädter Stadtkarte des Jahres 1845 einzutragen. Es wurden damals über 1.100 Gehöfte eingezeichnet. Das wohl einzige Exemplar dieser Aktion kam gelegentlich durch einen nicht genannten Sammler in das Brukenthalmuseum. Danach vorgenommene Untersuchungen ergaben, dass in der seither völlig umgewandelten Wiesengasse die einstige Nr. 240 dem ursprünglichen Gebäude Nr. 18 entspricht: also zur Straße zu noch nicht aufgestockt und nur mit drei Fenstern versehen, rechts davon nach einem Toreingang ein langgestreckter Hof, weit in das Gehöft reichend.

Die Attraktion in jener Zeit war allerdings die Rüstkammer. Da wurden nämlich aus den Verteidigungsanlagen der Stadt die Waffen, Rüstungen und Pferderüstzeug oder Fahnen zusammengetragen, um während den Jahren 1871-1872 im zweiten Stock vom Wohnturm im Rathaus (heute Historisches Museum als Abteilung des Brukenthalmuseums) als städtische Rüstkammer zusammengefügt zu werden. Im Sommer des Jahres 1878 wurde diese Einrichtung für das Publikum geöffnet, wobei der Zugang jeweils am Montag, Mittwoch und Samstag vormittags möglich war, sowie Ausstellungskataloge jeweils um 20 Heller erworben werden konnten.
Hier hatte sich der Landschaftsmaler Robert Krabs eingerichtet. Geboren am 12. November 1816 in Leipzig, ist er als Buchhandlungsgehilfe im Jahre 1836 in Hermannstadt eingewandert. Ab 1850 wohnte bei ihm für einige Jahre der Lithograph Ludwig Bäßler, der seinem Gastgeber das Handwerk des Steindrucks beibrachte.
Als sich nun die Möglichkeit ergab, übernahm Krabs im Jahre 1854 die Lithographie von Bielz und übersiedelte mit der ganzen Einrichtung in das Eckgebäude Großer Ring Nr. 13/Sporergasse Nr. 1-3, welches sich damals im Besitz des Reissenfelsischen Institutsfonds befand. Die somit zweite Lithographie Siebenbürgens leitete Krabs bis zu seinem am 22. Juli 1884 erfolgten Tod.
Nachdem Michael Bielz am 27. Oktober 1866 gestorben war, erbte dessen Sohn Eduard Albert Bielz den Vorgängerbau in der Heltauergasse war aber nach auswärtigem Studium und zahlreichen Reisen zu naturwissenschaftlichen Forschungen kaum anwesend, bis er im Jahre 1878, erst 51-jährig, völlig erblindete. Um weiterhin Forschungsbeiträge veröffentlichen zu können, beschäftigte er eine Hilfskraft als Vorleser und Schreiber. Unter diesen Umständen wurden die Räumlichkeiten links vom Toreingang vermietet.
Über den neuen Hausbewohner Andreas Wagner gibt es einige Anhaltspunkte. Nach „Benigni’s Volkskalender für das Jahr 1853“, Seite 44, wohnte und wirkte er als Drechsler in der „Aenten Gasse Nr. 1068”. Nachdem Konrad Duden im Jahre 1880 sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ herausgab, handelt es sich um die Entengasse, wobei die Hausnummer auf das Gehöft an der rechten Seite vom westlichen Ende der Straße hinweist. Nach dem „Siebenbürgischen Volkskalender für das Jahr 1862″, Seite 29-30, gehörte dieser Drechsler der „Stadt Communität“ an, war also einer von jenen einhundert gewählten Mitgliedern im äußeren Rat des Bürgermeisteramtes.
Auch am neuen Wohnort in der Heltauergasse wirkte Andreas Wagner als Drechsler. Dazu reparierte er nebenher Blechblasinstrumente oder richtete für Gäste Hotel- beziehungsweise Zimmertelegraphen ein. Besonders intensiv warb er als Telefonbauer: für die Anlage von Stationen aller Systeme, besitzend eine Niederlage entsprechender Apparate. Wohl er hat am 5. Oktober des Jahres 1885 die erste Telefonleitung in der Stadt vom damaligen Rathaus am Anfang der Fleischergasse zum Wächter auf dem Turm der evangelischen Kirche gelegt.
Nur einige Monate danach erschien zum näheren Verständnis über jene Zeit eine demographische Übersicht. Hermannstadt hatte damals 1869 Häuser in denen 19.446 Einwohner lebten. Die Mehrheit von ihnen – 14.001 – waren Siebenbürger Sachsen, von denen vom Glauben her 8.964 Augsburgischen Bekenntnisses sowie 5.037 römisch-katholisch waren. Andreas Wagner erlebte noch, wie am 15. Juli 1892 die Postdirektion Siebenbürgens nach Klausenburg übersiedelte. Er ist irgendwann nach 1895 gestorben und nachdem das Bielzische Haus in den ersten Jahren des folgenden Jahrhunderts völlig umgebaut wurde, übersiedelte seine Witwe Elise zu Verwandten in der Poschengasse/seit 1991 Str. Conrad Rudolf Haas.
Nach der Jahrhundertwende sollte eine neue Generation von Persönlichkeiten die Geschicke der Bereiche Post, Telegraph und Telefon prägen.