Post, Telegraph, Telefon in Hermannstadt (II) / Von Manfred WITTSTOCK
Ausgabe Nr. 2950

Das Postgebäude in der Fleischergasse 1905.
In der Unterstadt gab es nach Emil Sigerus seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen mit Rasen bepflanzten Platz, der „auf dem Anger“ hieß und an Werktagen als Viehmarkt verwendet wurde. Um den Tierhandel etwas einzuschränken, hatte die Nachbarschaft darauf auch ein kleines öffentliches Gärtchen eingerichtet, welches allerdings mit der Zeit verwilderte. Es handelte sich hierbei – wie der wissenschaftlich begabte Gymnasiallehrer Arnold Pancratz, der im Jahre 1935 im Alter von 33 Jahren seine Schrift „Die Gassennamen Hermannstadts” veröffentlichte – um wild wachsende Heckenrosen. Dieses Gärtchen wurde im Jahre 1716 neu bepflanzt und umzäunt, wonach es vom Kanzleischreiber Dollert im Grundbuch „Rosen Anger” genannt wurde. Dabei erstreckte sich diese Anlage bis zu seiner Auflösung im Jahre 1851 auch auf Wohngebiete des Fischmarktes und des Weinangers.
Im Umfeld dieses erweiterten Wohngebietes hatte sich – als seltenere Nachfolge des vom Namen des Jesusjüngers Bartholomäus – die Familie „Buertmes” niedergelassen, was aus nachbarlicher Anteilnahme hervorgeht, ohne dass ein genauer Wohnort bekannt wäre. So wurde hier am 9. September 1810 dem Fassbinder Johann Buertmes ein Sohn geboren und evangelisch auf den Namen Michael Buertmes getauft. Dieser erlernte nach damaliger Zunftordnung das Handwerk eines Maurers. Nach Erreichung der Würde eines Meisters heiratete er am 30. Dezember 1832 Catharina – Tochter des Herstellers von siebenbürgisch-sächsischen Trachtenschuhen Balthasar Grohs. Ihnen wurden zwischen 1833-1848 acht Kinder geboren.

Das Postgebäude in der Fleischergasse heute.
Dabei starb Andreas nach einer Nottaufe schon eine Stunde nach seiner Geburt, während ihm Michael und Regina wegen damals nicht behandelbaren Kinderkrankheiten alsbald folgten. Auch Carolina starb im Alter von nahezu 26 Jahren an Tuberkulose, wie auch Friedrich im Alter von 41 Jahren ohne weitere Angaben in Wien. Ebenfalls ein Alter von nur 41 Jahren erreichte Catharina, eine Hebamme, während Johanna immerhin das Alter von 57 Jahren erreichte, um an einer banalen Blinddarmentzündung zu sterben, da deren operative Entfernung noch unbekannt war. Dabei befand sich die Familie unter der Fürsorge des Pfarrers Johann Georg Schaser, der auch als Mittwochprediger genannt wird, sowie ab April 1844 unter der Fürsorge seines Nachfolgers im Amt, des Pfarrers und Mittwochpredigers Joseph Felmer.
Ein bisher nicht genannter Nachkomme des Vaters – des am 18. September 1862 im Alter von nur 52 Jahren gestorbenen Maurermeisters Michael Buertmes und der Mutter – der am 20. März 1875 im Alter von 64 Jahren gestorbenen Catharina, geborenen Grohs, sollte die Familientradition übernehmen und weiterführen. Es handelt sich um Johann Michael Buertmes, geboren am 2. Juni 1844 und evangelisch getauft nach neun Tagen. Er wurde Baumeister und heiratete am 6. September 1867 die 25 Jahre alte Bauerntochter Elisabeth des Johann Hartmann und der Maria, geborenen Leopold. Sie hatten sieben Kinder, wobei das Schicksal des am 11. Juni 1868 geborenen Heinrich Gustav und der am 13. Mai 1882 geborenen Hermine unbekannt ist. Als kleine Kinder verstarben Adolf Friedrich (Keuchhusten), Karoline Else (Hirnentzündung) und Samuel Michael (Lungenkatarr). Es überlebten Gustav – der Ingenieur wurde – und der uns besonders interessierende Friedrich Wilhelm.

Die 1946 durch ein modernes Gebäude ersetzten einstigen Häuser Nr. 17 und Nr. 19 (rechts im Bild) in der Heltauergasse.
Dieser wurde am 5. Oktober 1871 in Hermannstadt geboren und erreichte nach längerem Aufenthalt in Budapest den Stand eines Baumeisters. Er kehrte heim, wo die Mutter – Elisabeth, geborene Hartmann – am 6. April 1900 an Krebs gestorben war und der Vater – Johann Michael Buertmes – beschlossen hatte, Witwer zu verbleiben, während er selbst nach Konrad Klein – der die Nachkommen der Familie Buertmes im Ausland befragt hatte – im Jahre 1901 die Adoptivtochter Mathilde Hartmann geheiratet haben soll.
Friedrich Wilhelm Buertmes trat dem „Hermannstädter Bürgerabend” bei, einer Einrichtung, die nach der Aufhebung der Zünfte (1872) in der Unterstadt zur Unterstützung der Gewerbetreibenden gegründet worden war – sich ursprünglich dem ungarischen Rechtswesen unterordnete, nach dem Ersten Weltkrieg sich den neuen Gegebenheiten der rumänischen Mehrheitsbevölkerung einordnete, um nach 1931 unter dem Einfluss des bedeutenden Politikers Rudolf Brandsch Wesenszüge gegen den Nationalsozialismus anzunehmen. Unter diesen Voraussetzungen fand er rasch Arbeit.

Statt den beiden Häusern Nr. 17 und 19 wurde 1946 nach Plänen des Architekten Josef Bedeus von Scharberg das neue Telefonamt (rechts) erbaut.
In der Heltauergasse, heute Nr. 47, befand sich mit Eingang aus dem Hof eine Reihe fotografischer Ateliers: des aus Deutschland zugewanderten August Salamon Meinhardt, der als Witwe aus Bukarest zugewanderten Julie Herter, die hier im Jahre 1884 den aus Kronstadt kommenden Fotografen Wilhelm Auerlich heiraten sollte. Zu ihrer Zeit und für sie errichtete im Jahre 1903 Friedrich Wilhelm Buertmes nach eigenen Plänen im Hof des Anwesens einen neuen und geräumigen Bauflügel. Schon nach einem Jahr erhielt er einen ersten größeren Auftrag, über den es in Hermannstadt keine Unterlagen gibt. Nach Konrad Klein errichtete er im Jahre 1904 nach Plänen des aus Hermannstadt stammenden und nun in Wien lebenden Architekten Samuel Friedrich Setz das Postgebäude in der Fleischergasse Nr. 16, wo am 1. Dezember 1908 bei offener Türe für den Zugang zu dem Telegraphen und einer Telefonkabine der Nachtdienst eingeführt wurde.
Am 26. August 1905 wurde Friedrich Wilhelm Buertmes auf der ersten Hauptversammlung des Sebastian-Hann-Vereins aufgefordert, über den Denkmalschutz in Ungarn – namentlich über den 39. Gesetzesartikel aus dem Jahre 1881 – zu referieren, wonach der Beschluss gefasst wurde, eine Liste der in Frage kommenden Denkmäler auszuarbeiten. Ab 6. Oktober 1907 gab er unter seiner Redaktion die wöchentlich erscheinende Zeitschrift des Landesverbandes der Baugewerbetreibenden „Hermannstädter Arbeitgeber” heraus, die allerdings schon ab 6. Dezember 1908 ihren Namen, Inhalt und Redakteur wechselte.

Heute beherbergt das Gebäude des ersten Kaufhauses ein Restaurant.
Die so genannte „Haupt- und Hermannstadt” war nach unterschiedlichen politischen Gegebenheiten zeitweilig nicht nur der Hauptort der Siebenbürger Sachsen sondern für Landtage auch der Provinz Siebenbürgen. Deshalb unterhielten hier mehrere Ortschaften Gästehäuser, in denen ihre Vertreter für sich und ihre Pferde Unterkunft, Nahrung und Trank fanden. Sie nannten damals diese Unterkünfte „Herrenhäuser”. Als beispielsweise der von den Kronstädtern in der Heltauergasse Nr. 13 (heute Nr. 11) verwaltete Herrenhof abgetragen worden war, errichtete Baumeister Friedrich Wilhelm Buertmes im Jahre 1914 anstelle nach eigenen Plänen das älteste Kaufhaus Siebenbürgens.
Erstmals gab es Stadtratswahlen nach rumänischem Recht am 19. Februar 1926. Dafür wurden in Hermannstadt 8.839 stimmberechtigte Bürger ausfindig gemacht – unter ihnen auch Friedrich Wilhelm Buertmes, der damals an der Poplaker Straße Nr. 17 wohnte. Über ihn folgt hier eine abschließende Anmerkung: Nach Konrad Klein zog er sich im Alter als Witwer zu Bauarbeiten am orthodoxen Kloster von Ober Mühlendorf/Sămbăta de Sus zurück, wo er am 8. März 1951 starb und auch begraben wurde.
In Folge wenden wir uns vorwiegend dem Chronisten Ion Mariş sowie dem Historiker Marian Bozdoc zu. Da das Postgebäude in der Fleischergasse nicht den steigenden Ansprüchen entsprach, suchte man nach Möglichkeiten, den Bereich der Telefonie auszugliedern und anderweitig unterzubringen. Dieses geschah wie folgt: In der Heltauergasse gab es unter den Hausnummern 17 und 19 zwei ältere Gebäude.
Bedeutsam ist, dass diese beiden Gebäude längere Zeit im Besitz der Familie Frenz waren, von diesen baulich vereinigt wurden. Im rechten Gebäudeteil, Nr. 19, ließen sie sich selbst nieder, ein Kaffee mit Konditorei betreibend. Dabei waren sie in Hermannstadt die ersten Gastronomen, die elektrisch betriebene Apparate verwendeten. Der linke Gebäudeteil, Nr. 17, wurde von ihnen vermietet. Da zog das Telefonamt ein, am 14. April 1935 vom technischen Standpunkt aus eine neue Zentrale mit 600 Abonnenten einrichtend, die allerdings noch immer von sprachgewandten Telefonistinnen betreut wurde. Dieses Personal wurde erst im November 1943 durch eine automatische Zentrale ersetzt.