Zur neuesten Premiere von ,,Der Vater“ am Radu Stanca-Nationaltheater
Ausgabe Nr. 2946

Theaterabend der Einfühlsamkeit: Mit der Inszenierung des Stückes „Der Vater” von Florian Zeller durch Dumitru Acriș brachte die deutsche Abteilung des Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheaters am 5. und 6. Februar eine weitere Premiere der Spielzeit 2025/2026 heraus. Unser Bild: Die Verlorenheit und Angst sind in Daniel Buchers Gesicht zu erkennen. An seiner rechten Seite befindet sich Viviane Havrilla als Tochter und links Ada Bicfalvi als Pflegekraft.
Foto: Cynthia PINTER
Der Blick ins Leere. Vergesslichkeit. Beklemmende Verwirrung vermittelt der Hauptdarsteller der neuesten Premiere der deutschen Abteilung des Radu Stanca Nationaltheaters in der betroffen machenden Aufführung „Der Vater“ von Florian Zeller, die am 5. und 6. Februar stattgefunden hat. Allein schon das Bühnenbild von Dumitru Acriș, der auch für die Regie zuständig ist, ist vielsagend: Eine Wohnung mit Betonwänden, auf dessen Hintergrund manchmal Nahaufnahmen der Hauptgestalten zu sehen sind. Es wird nichts verdeckt, alles ist offen, es ist eine scheinbar transparente Welt, in der auch die meisten Personen austauschbar sind und in der sich der Kranke bald nicht mehr zurechtfindet. Daniel Bucher nimmt in der Rolle des Vaters die Zuseher auf seiner Irrfahrt mit.
„Der Vater/ Le Père“ ist ein Theaterstück von Florian Zeller, das 2012 am Théâtre Hébertot in Paris mit Robert Hirsch in der Titelrolle uraufgeführt wurde. Das Werk ist Teil einer Trilogie, zu der auch die Stücke „La Mère / Die Mutter“ und „Le Fils / Der Sohn“ gehören. Das Stück wurde in der Folge auf der ganzen Welt aufgeführt – unter anderem am Bulandra-Theater in Bukarest mit Victor Rebengiuc in der Hauptrolle – und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

Der an Alzheimer erkrankte Vater (Daniel Bucher) zeigt sich von seiner charmanten Seite beim Tanz mit der Pflegekraft Laura (Fabiola Petri).
Foto: Cynthia PINTER
„Der Vater“ handelt von einem alten Mann – Witwer, Vater von zwei Töchtern – mit Alzheimer-Erkrankung. André merkt, dass sich etwas verändert – es verschwinden Sachen, er versteckt Gegenstände, er fühlt sich bedroht, verfolgt, er verliert die zeitliche und räumliche Orientierung.
Noch wohnt er allein in seiner Pariser Wohnung und bemüht sich, seiner älteren Tochter Anne gegenüber, den Anschein zu wahren, dass alles in bester Ordnung sei. Doch es ist unübersehbar, dass er den Alltag längst nicht mehr selbstständig bewältigen kann. Deshalb kümmert sie sich um Pflegekräfte, die ihn unterstützen sollen – mit ihnen gerät der stolze, auf seine Würde bedachte alte Mann jedoch immer wieder in Konflikt.
Der Regisseur Dumitru Acriș sagte über seine Inszenierung in Hermannstadt: „Es ist ein Stück über das Bedürfnis des menschlichen Bewusstseins, wach zu bleiben, ein Bewusstsein, das einst wie ein perfektes Uhrwerk funktionierte. Das Stück zeigt das Leben eines Mannes, der an Demenz leidet und zwischen Realität und Erinnerung schwankt. Es ist eine tiefgründige Tragikomödie über das Altern, das Kranksein, die Angst vor der Einsamkeit und die Furcht des Menschen, sich selbst zu verlieren. Über einen Vater, der alle Lebensphasen durchläuft, von der Kindheit bis zum hohen Alter, und dabei von seiner Tochter begleitet wird. Das Stück ist wie ein ständiges Ringen darum, das Bewusstsein durch Liebe aufrechtzuerhalten.“

Ein verwirrten Vater: Daniel Bucher (Bildmitte) sucht Antworten bei Viviane Havrilla (links), Patrick Imbrescu (rechts) und Eva Frățilă (im Hintergrund).
Foto: Cynthia PINTER
Zeller hat seine Alzheimer-Studie „Der Vater“ äußerst klug konzipiert, indem er die verschiedenen Phasen der Krankheit und ihre Auswirkungen konsequent aus der Sicht des Betroffenen schildert. Dadurch taucht auch das Hermannstädter Publikum unmittelbar in Andrés Gedankenwelt ein – und erlebt in dieser Rolle einen herausragenden Daniel Bucher. Mit beeindruckender Leichtigkeit wechselt er zwischen Charme und Boshaftigkeit, zwischen Überheblichkeit und Verletzlichkeit, zwischen dem Gefühl von Kontrolle und tiefer Verzweiflung, bis hin zu einer berührend dargestellten Verlorenheit. Diese Darstellung ist eine Meisterleistung, die tief bewegt.
An seiner Seite überzeugt Viviane Havrilla als Tochter Anne. Sie verkörpert eine Frau, die aus Liebe zu ihrem Vater bereit ist, sich selbst zurückzustellen, zugleich aber auch den Mut findet, ihr eigenes Leben und ihr Recht auf Selbstbestimmung einzufordern. Daniel Plier als arroganter, sarkastischer Schwiegersohn, Johanna Adam als witzige Krankenschwester sowie Fabiola Petri, Fatma Mohamed, Ada Bicfalvi, Eva Frățilă und Patrick Imbrescu fügen sich nahtlos in das hohe Niveau der beiden Hauptdarsteller ein. Ein schmerzhafter, aber sehr sehenswerter Theaterabend der Einfühlsamkeit.
Cynthia PINTER
Besetzung
Darsteller: Daniel Bucher, Viviane Havrilla, Patrick Imbrescu, Fabiola Petri, Daniel Plier, Fatma Mohamed, Johanna Adam, Eva Frățilă, Ada Bicfalvi
Regie: Dumitru Acris
Regieassistent: Vlad Sibișan
Projektmanager: Daria Ciobanu
Fotografie&Design:
Alexandru Condurache
Video: Iuliana Revencu
Autorenrechte: Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG – Verlag für Bühne Film und Funk
Technischer Regisseur: Alex Ucă
Tontechnik: Cătălin Scheau
Licht: Mihai Părău
Requisite: Ana Dumitru
Bühnenarbeiter: Dan Dancășiu, Flavius Dubleșu