Ein europäischer Schriftsteller

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Otto Alscher in Wien wiederentdeckt

Ausgabe Nr. 2945

Das Plakat der Ausstellung, die noch bis zum 20. Februar zu besichtigen ist.

Im Bezirksmuseum Neubau in Wien ist derzeit die Sonderausstellung „Otto Alscher – Von der Westbahnstraße in die Wiener Moderne“ zu sehen. Sie widmet sich einem heute wenig bekannten, aber bemerkenswerten Schriftsteller, dessen Leben und Werk exemplarisch für die kulturelle Vielfalt Mitteleuropas um 1900 stehen.

Otto Alscher wurde 1880 im Banat, damals Teil von Österreich-Ungarn, als ältestes von drei Kindern eines Fotografen in Perlasz, einer Militär-Grenzgemeinde, geboren. 1891 ließ sich die Familie in Orschowa nieder und eröffnete dort das erste Fotoatelier der Region. Sein Lebensweg führte ihn durch mehrere Länder, die heute u. a. zu Rumänien, Ungarn und Österreich gehören – ein Umstand, der sein Schreiben nachhaltig prägte. Nach einer Ausbildung in Wien arbeitete er zunächst als Fotograf, wandte sich aber bald der Literatur und dem Kulturjournalismus zu. In seinen Texten verband er Eindrücke der Wiener Moderne mit einer tiefen Naturverbundenheit. Besonders bekannt wurde er für seine Tiergeschichten, in denen Tiere als Spiegel menschlicher Verantwortung und moralischer Entscheidungen auftreten.

Die Ausstellung zeigt Manuskripte, Fotografien und historische Dokumente, die Alschers Weg zwischen Provinz, Großstadt und Grenzregionen nachzeichnen. Wien erscheint dabei als geistiger Mittelpunkt: Hier setzte er sich mit der Secession, dem Expressionismus und den Umbrüchen der Moderne auseinander.

Kuratorin Helga Korodi, die Otto Alscher seit Jahrzehnten erforscht, macht diese Zusammenhänge verständlich sichtbar. Unterstützt wurde und wird sie dabei von Monika Grußmann, der Direktorin des Bezirksmuseums Neubau, die mit dieser Schau erneut Literaturgeschichte lebendig vermittelt.

Alschers Leben endete tragisch: Nach dem politischen Umbruch 1944 wurde er in Rumänien interniert und starb am 29. Dezember 1944 im Lager Târgu Jiu. Die Ausstellung lädt dazu ein, ihn neu zu entdecken – als eine europäische Stimme zwischen Natur, Moderne und Geschichte.

Ingrid WEISS

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Allgemein.