Wie die HZ über den schwersten nuklearen Unfall der Geschichte berichtete
Ausgabe Nr. 2959

Zwei Wochen nach dem Super-GAU in Tschernobyl berichtete Die Woche das erste Mal darüber. Die Meldung sollte eher beruhigen als informieren.
Vor gut drei Wochen jährte sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl Reaktorblock 4, mit Folgen, die weite Teile Europas bis heute prägen. Doch wie wurde damals in Rumänien über die Katastrophe berichtet? Ein Blick ins HZ-Archiv zeigt, wie zurückhaltend und kontrolliert die Berichterstattung in den ersten Tagen und Monaten nach dem Super-GAU verlief.
Am Freitag, dem 25. April 1986, erschien Ausgabe Nr. 958 der Hermannstädter Wochenzeitung Die Woche, wie die Hermannstädter Zeitung sich zwischen Oktober 1971 und dem 15. Dezember 1989 nennen musste. Wie jede Woche berichtete das Blatt über Politik, Wirtschaft, Kultur und das Alltagsleben in der Sozialistischen Republik Rumänien. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass sich nur wenige Stunden später, in der Nacht auf den 26. April, im Kernkraftwerk Tschernobyl die schwerste Nuklearkatastrophe der Geschichte der Atomenergie ereignen würde.
Um 1.23 Uhr explodierte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Bei einem Sicherheitstest geriet der Reaktor außer Kontrolle. Zwei Explosionen zerstörten das Gebäude, tonnenweise radioaktives Material gelangte in die Atmosphäre. Große Teile Europas wurden in den folgenden Tagen radioaktiv kontaminiert. Noch heute gilt Tschernobyl als Symbol für die Gefahren der Atomenergie und für die verheerenden Folgen staatlicher Geheimhaltung. Schätzungen über die Zahl der Opfer gehen auseinander: Direkt nach der Katastrophe starben zwei Menschen bei der Explosion, in den folgenden Wochen zahlreiche Feuerwehrleute und Einsatzkräfte an akuter Strahlenkrankheit. Langfristig werden tausende zusätzliche Krebsfälle in ganz Europa mit der Katastrophe in Verbindung gebracht.

Das erste Bild vom zerstörten Reaktor entstand 14 Stunden nach der Explosion und wurde am 30. April erstmals im sowjetischen Fernsehen gezeigt. Foto: Igor KOSTIN
Doch während sich in der Sowjetunion bereits die Lage zuspitzte, blieb die Öffentlichkeit weitgehend ahnungslos. Auch in Rumänien. Erst am Morgen des 28. April wurde außerhalb der Sowjetunion klar, dass etwas passiert sein musste. Im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark lösten erhöhte Strahlungswerte Alarm aus. Zunächst vermutete man eine Störung im eigenen Werk. Erst nachdem das ausgeschlossen werden konnte, richtete sich der Verdacht aufgrund der Windrichtung gegen eine nukleare Anlage auf sowjetischem Gebiet.
Dennoch herrschte zunächst Schweigen. Die sowjetischen Behörden verhängten eine Nachrichtensperre. Erst am Abend des 28. April berichtete die staatliche Nachrichtenagentur TASS erstmals von einem „Unfall“ im Kernkraftwerk Tschernobyl. Um 21.30 Uhr wurde in der Nachrichtensendung Wremja verlesen, dass der Reaktor beschädigt sei und Maßnahmen zur „Beseitigung der Folgen der Havarie“ eingeleitet worden seien. Einen Tag später, am 29. April, sprachen sowjetische Quellen erstmals von einer „Katastrophe“ und meldeten zwei Todesopfer.
Während sich die internationale Aufmerksamkeit zunehmend auf Tschernobyl richtete, erschien am 1. Mai 1986 in Hermannstadt eine Sonderausgabe der Woche. „Es lebe der erste Mai, der Tag der internationalen Solidarität der Werktätigen!“, lautete die Schlagzeile. Berichtet wurde über Rekordleistungen in Betrieben, über ein neues Rekuperatormodell, über Festveranstaltungen zum 1. Mai und über das außenpolitische Wirken des Genossen Nicolae Ceaușescu, dessen Anerkennung in der ganzen Welt hervorgehoben wurde. Für die Nuklearkatastrophe in der benachbarten Ukrainischen Sowjetrepublik war hingegen nicht einmal in der Rubrik „Kurznachrichten“ Platz, dabei hatte sich die radioaktive Wolke zu diesem Zeitpunkt längst über große Teile Europas ausgebreitet. Auch Rumänien war betroffen.
Erst in der darauffolgenden Ausgabe vom 9. Mai 1986, also zwei Wochen nach dem Super-GAU, erschien in der Woche erstmals eine kurze Meldung zu Tschernobyl. Sie stand auf Seite 2 zwischen den Artikeln „Aufnahme an die Hochschule 1986“ und „Hundeausstellung im Jungen Wald“. Der Titel lautete nüchtern: „Vorbeugende Maßnahmen“.
Darin wurde erklärt, dass in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai in einigen Regionen des Landes erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen worden seien. Zitiert wurde eine Erklärung einer Partei- und Staatskommission, wonach diese Werte „keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstellen.“ Gleichzeitig empfahl man jedoch schwangeren Frauen und Kindern, sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten. Abgeschlossen wurde die Meldung mit: „Die Bevölkerung wird durch Rundfunk, Fernsehen und Tagespresse laufend informiert.“
Aber auch die wichtigste deutschsprachige Tageszeitung Rumäniens, der Neue Weg, Vorgänger der heutigen Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ), berichtete erst am 1. Mai erstmals über die „Havarie“ in Tschernobyl. Dort hieß es, die Luft-, Wasser- und Bodenradioaktivität werde ständig überwacht und man habe „keine Erhöhung dieser Werte festgestellt, die sich somit innerhalb der üblichen Grenzen bewegen.“ Diese Darstellung steht in direktem Widerspruch zur späteren Meldung der Woche, die sich auf den selben Zeitraum bezieht.
Die zurückhaltende und kontrollierte Berichterstattung überrascht kaum. Rumänien war bis zur Revolution im Dezember 1989 eine streng autoritär geführte Diktatur unter Nicolae Ceaușescu. Die Presse unterlag der Kontrolle von Staat und Partei. Negative Nachrichten aus dem sowjetischen Bruderland wurden nur sehr eingeschränkt veröffentlicht. Informationen sollten beruhigen, nicht verunsichern.
Bis zur Rumänischen Revolution im Dezember 1989 tauchte das Wort „Tschernobyl“ in der Woche insgesamt nur viermal auf: Am 25. Juli 1986 druckte die Zeitung eine Meldung des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU über die „Ursachen der Havarie von Tschernobyl“ ab. Die sowjetische Parteiführung schob darin die Verantwortung vollständig dem diensthabenden Personal zu und sprach von Verantwortungslosigkeit, Nachlässigkeit und Disziplinlosigkeit. Über die gravierenden technischen Schwächen des sowjetischen RBMK-Reaktortyps, die wesentlich zur Katastrophe beigetragen hatten, wurde hingegen kein Wort verloren. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das tatsächliche Ausmaß der Konstruktionsfehler vollständig bekannt.
Am 6. März 1987 erschien das Wort „Tschernobyl“ lediglich in einem Nebensatz einer Rede von Nicolae Ceaușescu, die Die Woche abdruckte. Und am 13. November 1987 berichtete die Zeitung kurz darüber, dass die Schriftstellerin Christa Wolf für ihr Buch „Störfall“, das sich literarisch mit der Katastrophe auseinandersetzt, den Geschwister-Scholl-Preis erhalten hatte.
Mehr als das blieb vom größten nuklearen Unfall der Geschichte in den Seiten der Woche bis Dezember 1989 nicht übrig.
Tobias JARITZ