,,Aus Liebe und Freundschaft“

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Interview-Buch mit Franz Hodjak zum Tag der ungarischen Kultur vorgestellt

Ausgabe Nr. 2945

Franz Hodjak: Soha senkire nem lőttem. Zoltán Király és Enikő Szenkovics beszélgetőkönyve. Exit Verlag Kolozsvár Szépirodalmi Figyelő Alapítvány Budapest, 2024, 150 Seiten, ISBN 9786156617170

„Soha senkire nem lőttem“ (Ich habe niemals auf jemanden geschossen) hieß das Buch auf Ungarisch zu dessen Vorstellung der Verein der Hermannstädter Ungarn HÍD am Dienstag, dem 20. Januar ins Spiegelsaal einlud. Das Buch ist nichts anderes als ein Gespräch mit dem gebürtigen Hermannstädter und mit vielen Literaturpreisen ausgezeichneten Franz Hodjak, das Zoltán Király und Enikő Szenkovics mit ihm führten. Mit den beiden sprach im Rahmen der Veranstaltung der Schriftsteller Vincze Ferenc. Die Buchvorstellung gehörte übrigens zur Veranstaltungsreihe der Liga der siebenbürgisch-ungarischen Schriftsteller „Literatur und Gemeinschaft“. Der Anlass war der Tag der ungarischen Kultur vom 22. Januar. An diesem Tag beendete 1823 Ferenc Kölcsey das Gedicht „Hymnus, a’ Magyar nép zivataros századaiból”( Hymne, aus den stürmischen Jahrhunderten des ungarischen Volkes), das später zur ungarischen Nationalhymne wurde.

 

Dieses Buch haben wir, sozusagen, aus Liebe und Freundschaft zu Franz zusammen mit Enikő erstellt. Es ist also ohne die Hilfe von Stipendien oder derartige Unterstützungen, entstanden”, sagte Király. Zoltán Király, Dichter, Redakteur, literarischer Übersetzer, und Szenkovics Enikő, literarische Übersetzerin, Redakteurin, waren im Jahr 2023 zum ersten Mal bei Franz Hodjak in Usingen und führten Gespräche mit ihm. Und dann entstand ein Wunsch: Wie gut wäre es, wenn diese Gespräche auch andere hören oder lesen könnten”, erinnerte sich Szenkovics.

So kehrten die beiden 2024 zu Hodjak zurück, mit dem Ziel, das Gespräch aufzuzeichnen. Sie übersetzten und redigierten es und es entstand ein Buch, das 2024 vom Exit Verlag aus Klausenburg und Szépirodalmi Figyelő Alapítvány aus Budapest mit Unterstützung der Communitas Stiftung herausgegeben wurde.

Die Veröffentlichung desselben Buches auf Rumänisch und Deutsch ist derzeit in Planung. ,,Wir haben also mit einem rumänischen und einem deutschen Verlag gesprochen, die sehr an dem Projekt interessiert sind, worüber wir uns besonders freuen”, sagte Szenkovics.

Seit meiner Kindheit war Franz Hodjaks Tochter eine gute Freundin von mir”, erinnerte sich Király. Als die Familie Hodjak 1992 nach Deutschland auswanderte, gelangten Hodjaks ins Rumänische übersetzte Gedichtbände zu ihm. Ich blätterte darin und begegnete einer derart entschlossenen, radikal reduzierten, kraftvollen poetischen Sprache und einer dichterischen Haltung, die mir mit 15–16 Jahren so sehr gefiel, dass ich daran dachte, diese Texte ins Ungarische zu übertragen und zu veröffentlichen, obwohl ich damals keine Ahnung hatte, was eine literarische Übersetzung ist – denn wie schön wäre es, wenn auch andere sie lesen könnten. Damals hatte die literarische Übersetzung noch nicht den Stellenwert, den sie heute haben. Es war auch – besonders unter jungen Leuten – überhaupt nicht üblich, Autoren deutscher Muttersprache oder rumänischsprachige oder überhaupt fremdsprachige Autoren zu lesen”.

Inwiefern es Parallelen zu ungarischen Erfahrungen gebe? Ich würde eher sagen, dass es eine gemeinsame Siebenbürgen-Erfahrung aus einer anderen Perspektive ist, die in Hodjaks literarischer Welt zum Ausdruck kommt, die von unserer Siebenbürgen-Erfahrung abweicht, die in unserer siebenbürgischen Literatur erscheint. Insbesondere denke ich hier an die 1970er- und 1980er-Jahre”, meinte Király.

Vincze Ferenc, Enikő Szenkovics und Zoltán Király bei der Buchvorstellung im Spiegelsaal des DFDH.                                                   Foto: Werner FINK

Szenkovics übersetzte übrigens zuerst Prosa von Hodjak, zwei seiner Romane, einen Erzählungsband, sein Monodrama und dann wandte sie sich den Gedichten zu. Ich verfüge noch über einige Dutzend bis hundert Gedichte, die mir Franz noch vor der Veröffentlichung, auf Deutsch, geschickt hatte, und es gibt auch welche, die nur als Manuskript vorliegen”, sagte sie. Ja, zu meinen nahen oder ferneren Plänen gehört, dass ich die Übersetzungen fortsetze”.

Szenkovics absolvierte 1999 zwar die Fakultät für Geisteswissenschaften der Babeș–Bolyai-Universität in Klausenburg, Fachrichtung Ungarisch und Deutsch, in diesen vier Jahren sei aber kein Wort über die siebenbürgisch-deutsche Literatur gefallen. Dann kam es dazu, dass sie in Szeged ihre Doktorarbeit anmeldete und sie musste ein Thema auswählen. Sie wusste, dass es siebenbürgisch-deutsche Literatur gab, sie wusste aber nichts Konkretes. Und dann besuchte sie in Klausenburg eine Familie, wo die Frau eine Siebenbürger Sächsin aus Heltau war und über alle Bücher verfügte, die seit den 1960er Jahren erschienen sind. Hier lernte sie die siebenbürgisch-deutsche Literatur kennen. Franz Hodjak fesselte sie und sie fing an, sich mit seinen Werken zu beschäftigen. Im Laufe der Zeit übersetzte sie aber Werke von 12 Autoren.

Ich fühlte es irgendwie als meine Pflicht, was ich kann und für was meine Zeit reicht, zu übersetzen”, erklärte sie. Genauso wie sie damals so gut wie nichts darüber wusste, würden auch andere nichts darüber erfahren, wenn sich niemand damit beschäftigt. Tatsache ist aber, dass die Siebenbürger Sachsen eine sehr reiche Literatur haben, ebenso die Banater Schwaben, und außerdem gibt es auch noch einen oder zwei Zipser”, unterstrich sie.

Die literarische Übersetzung ist ein Fenster zu anderen Literaturen”, unterstreicht Franz Hodjak selber im Buch. Wir können nur so am besten ein anderes Volk verstehen, wenn wir seine Kultur kennen, in erster Reihe seine Literatur.”

Das schöne Buch, das auch Abbildungen von Dokumenten und Fotos enthält, enthält auch Details zu Hodjaks Kindheit, Jugend, Familie aber auch zu seiner Zeit als Lektor beim Dacia Verlag in Klausenburg (1970-1992), wobei dem Leser auch ein Einblick hinter die Kulissen des ehemaligen Regimes und in dessen Kulturpolitik gewährt wird, desgleichen in das Leben verschiedener Kulturen, aber auch über Hodjaks Ausreise 1992 nach Deutschland, die er übrigens auch schon in seinem Roman Ein Koffer voll Sand” thematisiert hatte. Bei der Einbürgerung gab es nämlich auch absurde Dinge, über die sich seine ungarische Frau noch mehr ärgerte als er selbst. Als er eine Frage zum auszufüllenden Formular hatte, soll ihn ein Bürokrat gefragt haben, was er hier suche, wenn er nicht Deutsch könne. In Rumänien gehörte ich in zweierlei Hinsicht zur Minderheit: ethnisch und politisch. In Deutschland politisch und vor allem ethnisch, weil ich ein Ausländer bin”, sagt Hodjak. Ob er es bereut, den Schritt getan zu haben und auszuwandern? Nein, auch dies sei für ihn eine notwendige Erfahrung gewesen. Wie ein deutscher Schriftsteller im nichtdeutschen Umfeld lebt, wusste er bereits, er wollte auch erfahren, wie ein deutscher im deutschsprachigen Umfeld lebt. Er hätte sonst damals auch nicht die Möglichkeit gehabt, an dermaßen zahlreichen Lesungen in Deutschland teilzunehmen. Außerdem war er auch oft in Radio- und TV-Sendungen zu Gast.

Und warum dieser Titel? Die Idee stammt von Zoltán Király. Er ist sowohl bildhaft als auch wörtlich zu verstehen: Der eigenwillige Franz Hodjak hat tatsächlich auf niemanden geschossen – nicht einmal mit Worten.

Szenkovics und Király waren im März des vergangenen Jahres zum dritten Mal bei Hodjak und zeigten ihm das neu erschienene Buch. Am 6. Juli 2025 starb Hodjak im Alter von 80 Jahren in Usingen.

Werner FINK

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.