Ausgabe Nr. 2947
Zum 100. Geburtstag des ost-west-deutschen Schriftstellers Erich Loest (1926-2013)

Erich Loest (1926-2013).
Der am 24. Februar 1926 geborene Schriftsteller Erich Loest ist seit seinem Tod zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten. Aus dem Nachlass erschienen 2014 die Tagebücher von 2011 bis 2013 unter dem Titel „Gelindes Grausen“. Seither ist es es still um ihn geworden, obwohl die über 75 Bücher, die er im Laufe seines langen Lebens verfasst hat, zum Teil Neuauflagen erlebt haben.
Erich Loest wurde in Mittweida (Sachsen) geboren. Seine Eltern besaßen eine Eisenwarenhandlung, er besuchte die Volks- und die Oberschule. In die HJ (Hitlerjugend) tritt er mit zehn Jahren ein, beantragte 1944 – nach eigenen Worten als „glühender Nazi“ – die Aufnahme in die NSDAP und will zur Waffen-SS, doch sein Schulleiter verweigert die Genehmigung. Im selben Jahr wird er, gerade 18, in die Wehrmacht eingezogen und soll mit Hitlers letztem Aufgebot, der „Organisation Werwolf“, hinter den amerikanischen Linien kämpfen. Zum Glück wird er in Böhmen von den US-Amerikanern gefangen genommen, verbringt kurze Zeit in Gefangenschaft, arbeitet danach in der Landwirtschaft und als Hilfsarbeiter.

Erich Loest: Es geht alles seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene. Roman. Linden Verlag Göttingen, 1990, 294 Seiten, ISBN 3861520214.
Die Kriegserlebnisse verarbeitet er in seinem ersten Buch „Jungen, die übrigblieben“ (1950), das zuletzt 2013 neu aufgelegt wurde und lesenswert bleibt („Jungen zogen in den Krieg… Sie kamen als hoffnungslose Greise davon, verwundert, dass sie lebten, da doch die Jahrgänge über ihnen fast ausgerottet waren. Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, wollen sie alles Versäumte nachholen. Die Nachkriegsgesellschaft hat ihnen nichts zu bieten, die Schiebereien auf dem Schwarzmarkt üben einen viel größeren Reiz auf sie aus…“ (Klappentext, Steidl-Verlag).
Allerdings holt Loest sein Abitur nach und tritt schon 1947 in die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) ein, die 1947 gegründet worden war. Seit dem Erfolg seines „Bestsellers“ lebt er als freiberuflicher Schriftsteller, studiert in den 50er Jahren auch am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig und ist Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“.
Kurz nach Stalins Tod 1953 kommt es in der DDR zu dem mit sowjetischer Hilfe niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni – und ab 1956 zur „Entstalinisierung“ durch Nikita Chruschtschow, die bei vielen DDR-Bürgern eine gewisse Aufbruchstimmung erzeugt („Tauwetter-Periode“). – Diese bringt für Loest jedoch nichts Gutes: Im November wird er wegen sog. „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ im Zuge der Entstalinisierung verhaftet, ein Jahr später zu sieben Jahren verurteilt, die er im Zuchthaus Bautzen II absitzen muss. In dieser Zeit kann er nichts schreiben, weil ihm Papier und Schreibzeug verweigert werden. – Nach seiner Entlassung 1964 schreibt er unter dem Pseudonym Hans Walldorf beliebte Krimis (z.B. „Der Mörder saß im Wembley Stadion“, 1967, in dem die westdeutsche Elf bei der Fußball-WM 1966 in England eine Rolle spielt).

Erich Loest: Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze, Steidl Verlag Göttingen, 1991, 160 Seiten, ISBN 3882431784
Als das Publikationsverbot unter seinem eigenen Namen gelockert wird, erscheint der Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. In der DDR kommt er nur kurz in kleiner Auflage heraus, ist sofort vergriffen und wird bald verboten. Danach darf er überraschend noch einmal erscheinen, die Zensur verbietet ihn erneut. Aus Protest tritt Loest 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. –
Worum geht es in dem Buch und weshalb löste es bei der Staatsmacht diese Reaktion aus?
Der Ich-Erzähler und „Anti-Held“ der Handlung ist ein Ingenieur, der mit seiner Frau Jutta und der Tochter Bianca in einem Leipziger Neubauviertel wohnt. – Aber lassen wir eine jüngere, die in der DDR geborene Autorin Nicki Pawlow zu Wort kommen, die das ehemals heiß begehrte Kultbuch in einem Antiquariat entdeckt: „…man nennt es nur das ‚gelbe Buch‘, sagte die Buchhändlerin. „Wirklich?“ fragte ich und blätterte. „Ich wollte niemals Chef werden“, las ich, „weder im Herbst 74 nicht im Januar und schon gar nicht im Mai 75, ich wollte bleiben, was ich war, Wolfgang Wülff, das simple Abteilungsschwein“. – Und so lautet der Eindruck, den der Roman auf Nicki Pawlow macht: „Wie dieser Loest den DDR-Alltag beschrieb, war einfach grandios! So treffend hatte ich das bisher noch nirgendwo gelesen. Loest erzählt seine Geschichte, die im Jahre 1974 spielt, so wahrhaftig, so unangestrengt und so voller Humor! Ich war hin und weg. Genauso hatten wir gelebt! (…) Vieles fiel mir beim Lesen wieder ein: „Gemeinschaftsantennen auf den Dächern, die Westfernsehen einfingen, Straßenbahnfahren, egal wie lange und wohin, für einheitliche fünfzehn Pfennige. Kohlen und Kartoffeln, die vor die Haustüre gekippt wurden, mussten in Eimer eingesammelt und in den Keller geschleppt werden. (…) Das war mein Zuhause! Meine Heimat! Plötzlich musste ich heulen wie ein Schlosshund. – Und später brüllen vor Lachen.“ – Nicki Pawlow gibt treffend wieder, worauf sich die Ablehnung der Staatsmacht durch den damals sechzehnjährigen Wolf gründet: „Dazu kam es, als Wolf sich während einer Demo, die zunächst eigentlich nur die harmlose Ansammlung von Beatles- und Old-Kings-Fans war, zufällig in der Nähe befand (und von einem Polizeihund gebissen wurde). So geschehen 1965 auf dem Leuschnerplatz in Leipzig. – Und später dann seine Ehe. Es konnte nicht gutgehen zwischen dem Wolf und seiner ehrgeizigen Jutta (…), die was Besseres vom Leben will – also mindestens einen Ehemann mit Doktortitel, vielleicht sogar einen Nationalpreisträger (…) Hübsch war sie, doch berechnend. Drängte den armen Wolf zum Fernstudium. Aber der wollte nicht. – Und so kam, was kommen musste: die große Ehekrise.“
(Nicki Pawlow: Die Frau in der Streichholzschachtel. Roman, Dittrich Verlag, 2007, S. 71ff.)
Die Ehekrise der Wülffs verschärft sich, als Wolf beim Schwimmunterricht mit Bianca einen Vater beobachtet, der seinen ängstlichen Sohn brutal ins Wasserbecken zwingt. Da dieser Zwang mehrfach vorkommt, schreitet Wolf schließlich ein und brüllt den rabiaten Vater mit dem Satz „ Sie gottverdammter Faschist!“ an. Da er sich auch Wochen danach nicht entschuldigen will, reicht der Beleidigte gerichtliche Klage ein. Dies führt dazu, dass Wolf im Auftrag seines Betriebs nicht in die Sowjetunion fahren darf. Außerdem wird er vom Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt und ist nun vorbestraft. Einige Zeit danach reicht seine Frau die Scheidung ein. – Der Roman endet versöhnlich: Wolf lernt eine Postangestellte mit einem kleinen Sohn kennen und geht eine neue Beziehung ein. – Erich Loests Roman behandelt, oft spöttisch,humorvoll und selbstironisch etliche für die DDR heikle Themen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, die aber für die Zensoren nicht zum Selbstbild des Systems passten. Eines davon ist sicher die gesellschaftliche Herkunft des Paars: Während Jutta aus einer wohlhabenden Familie stammt und über 30.000 Mark in die Ehe einbringt, sind Wolfs Eltern Proletarier und er kann kein Sparguthaben vorweisen. – Die oft satirische Gesellschaftskritik des Romans ist bis heute lesenswert – trotz zahlreicher Begriffe (oft fachlicher Natur), die nur Insider kennen und die in neueren Ausgaben in einem Anhang bzw. Fußnoten für heutige Leser erläutert werden müssten.

Erich Loest: Jungen die übrigblieben. Roman, mitteldeutscher Verlag Halle/Saale 2013, 312 Seiten, ISBN 978-3-95462-065-4
Nach der Ausreise in die damalige Bundesrepublik (1980) konnte Loest noch bedeutende Werke verfassen: den Karl-May-Roman „Swallow, mein wackerer Mustang“ (mit dem Hinweis auf die Parallelen zum eigenen Leben; beide waren Sachsen, beide saßen sieben Jahre im Gefängnis), „Durch die Erde ein Riss. Ein Lebenslauf (1981), die Romane „Völkerschlachtdenkmal“(1984), „Nikolaikirche“ (1995, im selben Jahr verfilmt) und vieles andere mehr. – Und nach der Wende darf Loest seine von der Stasi gesammelten Abhörprotokolle einsehen, die er in dem Band „Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze“ (1991) veröffentlicht. Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf Johann Peter Eckermanns „Gespräche mit Goethe“ (1823-1832). – Ehemalige Stasi-Mitarbeiter boten Loest 1990 insgesamt 300 Aktenkopien von Spitzelberichten gegen Geld an, die alles enthielten, was durch Abhörtechnik (Wanzen) und Telefonüberwachung in Loests Wohnung gesprochen wurde. Sie belegen, dass auch Freunde und Kollegen Informationen über den Autor an die Stasi weitergaben. Sowohl diese Überwachungsakten als auch der Roman „Es geht seinen Gang…“ erinnern an die Zustände und üblichen Praktiken in sozialistischen Ländern des Ostblocks, wie sie auch die deutsche Nobelpreisträgerin Herta Müller erleiden musste und literarisch verarbeitet hat. –
Erich Loests letzte Lebensjahre sind von Krankheiten gezeichnet, die u. a. durch seine lange Haftzeit verursacht wurden. Als die Schmerzen unerträglich werden, wählt er in Leipzig den Freitod am 12. September 2013.
Konrad WELLMANN