Raritäten aus den Beständen der Bibliothek von Samuel von Brukenthal (VI)
Ausgabe Nr. 2943

Das Exlibris mit dem Namen Christian Gottlieb Jöcher auf dem marmorierten Vorsatzblatt des Buches John Spencer, De Legibus Hebraeorum, gedruckt in Cambridge im Jahr 1727. Wenn Brukenthal dieses Exemplar nicht von J. L. von Mosheim (gest. 1755) erworben hat, gehörte es mit Sicherheit zu einem bestimmten Zeitpunkt C. G. Jöcher (gest. 1758). In der Sammlung von Brukenthal wird kein Katalog eines Verkaufs der Bibliothek von Jöcher erwähnt, dafür aber sein berühmtes Gelehrten Lexikon.
Über die Anfänge der Bibliothek des Barons Samuel von Brukenthal ist sehr wenig bekannt. In der Fachliteratur geht man meist auf die Jahre 1770-1780 zurück, wenn von Buchkäufen des ehemaligen Gubernators von Siebenbürgen oder von seinen Verbindungen auf dem mitteleuropäischen Buchmarkt die Rede ist. Wie sieht es jedoch in der Zeit vor den 1770er Jahren aus? Dieser Frage geht der für die Bibliothek zuständige Kurator Alexandru-Ilie Muntean in der sechsten Folge der Reihe „Raritäten aus den Beständen der Bibliothek von Samuel von Brukenthal” nach, wobei der Fokus auf dem Verkaufskatalog der Bibliothek von Johann Lorenz von Mosheim, (Göttingen, 14. Juli 1756) liegt.
Wir haben bereits in den vorangegangenen fünf Folgen der Reihe über die Bibliothek des Barons Samuel von Brukenthal gesehen, dass die ersten Bücher, die dieser besaß, wie Georg Adolf Schuller schrieb, von seinem Vater und Großvater stammten. Der Freiherr fügte seiner Bibliothek dann Werke der Rechtswissenschaft wie Johann Gottlieb Heineccius‘ „Elementa iuris civilis” und Georg Adam Struves „Jurisprudentia Romano-Germanica forensis” hinzu, die er während seiner Studienzeit erworben hatte und zu denen er auch einige Notizen hinterließ. Nicht zuletzt habe ich durch meine Nachforschungen in der Bibelsammlung des Barons Brukenthal jene „Vulgata Bibel” in der Kölner Ausgabe von 1638 identifiziert, die Samuel von Brukenthal höchstwahrscheinlich von seinem Schwiegervater oder jedenfalls von der Familie seiner Frau erhalten hat.

Titelblatt des Verkaufskatalogs der Bibliothek von Johann Lorenz von Mosheim, Göttingen, 14. Juli 1756. Er gehört zu den wenigen Buchhandels- oder Buchverkaufskatalogen, die im alten Alphabetischer Katalog der Brukenthalischen Bibliothek angelegt um 1780 aufgeführt sind.
Er ist zugleich der älteste Katalog dieser Art in der Sammlung Brukenthal, aus welchem ehemalige Gouverneur von Siebenbürgen Bücher gekauft haben könnte.
Aber eine Bibliothek mit fast 16.000 Bänden, wie sie Samuel von Brukenthal zu Beginn des 19. Jahrhunderts besaß, konnte nicht durch solche Ankäufe und gelegentliche Schenkungen aufgebaut werden; zumal Baron Brukenthal seiner Bibliothek nicht Tausende von Bänden auf einmal hinzufügte, wie es beispielsweise Ignác Batthyány tat, als er 1782 die Migazzian-Sammlung mit über 7000 Büchern erwarb.
Trotz der Aufarbeitung einer beträchtlichen Anzahl von Manuskripten aus dem Brukenthal-Hausarchiv durch mehrere Autoren im Laufe von mehr als einem Jahrhundert und der Veröffentlichung von etwa 1.000 Briefen aus der Korrespondenz des Freiherrn sind die Anfänge der Bibliothek Samuel von Brukenthals weitgehend unbekannt geblieben. In der Fachliteratur geht man meist auf die Jahre 1770-1780 zurück, wenn von Buchkäufen des ehemaligen Gouverneurs von Siebenbürgen oder von seinen Verbindungen auf dem mitteleuropäischen Buchmarkt die Rede ist.

Verzierte Initiale aus Gilbert Burnets History of his own time, erschienen 1724 in London. Die Ausgabe stammt möglicherweise aus der Bibliothek von Johann Lorenz von Mosheim.
Wie sieht es jedoch in der Zeit vor den 1770er Jahren aus? Die Antwort darauf scheinen uns die über zwanzig Kataloge von Buchhandlungen und Bibliotheksauktionen aus den Jahren 1756 bis 1769 zu geben, aus denen Samuel von Brukenthal höchstwahrscheinlich einen Teil seiner Bücher erworben hat. Einige dieser Kataloge von Buchhandlungen und Bibliotheksauktionen werden sogar in den alten handschriftlichen Katalogen der Bibliothek von Brukenthal erwähnt. Dies ist auch der Fall beim Katalog des Verkaufs der sogenannten Mosheimschen Bibliothek.
Am 14. Juli 1756, etwa zwei Wochen vor Samuel von Brukenthals 35. Geburtstag, begann in Göttingen im Haus des verstorbenen Johann Lorenz von Mosheim (1693-1755), eines bedeutenden Kirchenhistorikers, Ratsherrn und Kanzlers der städtischen Universität, dessen Werke Ende des 18. Jahrhunderts in Samuel von Brukenthals Bibliothek zu lesen waren, die Versteigerung der exzellenten „Mosheimischen Bibliothek”, wie sie im Vorwort des Katalogs genannt wird. Sie enthielt bibliophile Raritäten, insbesondere aus den Bereichen der weltlichen und kirchlichen Geschichte, der Theologie, der Literatur, der griechisch-römischen Antike und anderer Autoren. Bei der Versteigerung standen den Amateuren, wie man damals noch Sammler und Bücherfreunde nannte, rund 8.000 Bände in etwa 6.500-7.000 Ausgaben zur Verfügung.

Johann Lorenz Mosheim (1693, Lübeck – 1755, Göttingen) war ein deutscher lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.
Dank einer Untersuchung der in Großbritannien gedruckten Bücher, die Brukenthal in seiner Bibliothek hatte, gelang es mir, die Möglichkeiten der vom Baron bei dieser Auktion getätigten Ankäufe einzugrenzen. So könnten von den 254 britischen Ausgaben aus Mosheims Bibliothek, die zum Verkauf standen, eine oder vielleicht zwei in Brukenthals Sammlung gelangt sein. Es handelt sich um Gilbert Burnet, History of his own time (Geschichte seiner eigenen Zeit) in der Londoner Ausgabe 1724, und die Ausgabe Cambridge 1727 von De Legibus Hebraeorum (Über die Gesetze der Juden) von John Spencer, die beide vor 1780 in der Bibliothek von Samuel von Brukenthal vorhanden waren.
Die Tatsache, dass die oben genannten Titel im Besitz beider Bibliotheken waren, bedeutet jedoch nicht, dass der letztere sie bei der Versteigerung der Bibliothek des ersteren erworben hat. Thomas Hyde’s „Historia religionis veterum persarum” (Die Geschichte der Religion der alten Perser), ein zu Brukenthals Zeiten sehr geschätztes Werk, ist ebenfalls in beiden Bibliotheken vorhanden. Allerdings erwarb der ehemalige Gouverneur von Siebenbürgen sein Exemplar nicht bei der Versteigerung der Mosheimer Bibliothek, sondern wahrscheinlich erst viel später, 1774, bei der Versteigerung der sogenannten Bibliotheca Franziana. Die oben erwähnten Ausgaben, insbesondere Burnet, gehören dagegen aus mehreren Gründen wahrscheinlich zu Brukenthals frühesten Erwerbungen.
Der erste Grund hängt damit zusammen, dass sie trotz der Bekanntheit ihrer Autoren Gilbert Burnet und John Spencer, die zu ihrer Zeit als Gelehrte bekannt waren, offenbar echte Raritäten waren. Dennoch sind die beiden genannten Titel in keinem anderen Buchhandels- oder Auktionskatalog aufgeführt, den Brukenthal in fast 100 vollständig durchgesehen hat. Das kam nicht oft vor. Viele Bücher, die in der einen oder anderen Buchhandlung zum Verkauf standen, tauchten tatsächlich an mehreren Orten auf dem damaligen europäischen Buchmarkt auf. Selbst die Historia religionis veterum persarum kann dies bezeugen, da sie damals mehrfach auf dem Buchmarkt erschien. Nicht so die beiden Titel aus Mosheims Bibliothek.

Kupferstich des Graveurs und Antiquars George Vertue (1684-1756) mit dem Porträt des Gelehrten, Theologen und Hebraisten John Spencer (1630-1693) aus derselben Ausgabe von „De Legibus Hebraeorum”.
Die scheinbare Seltenheit der Bücher „History of his own time” (London, 1724) und „De Legibus Hebraeorum” (Cambridge, 1727) und ihre Präsenz in der Bibliothek des Barons Brukenthal vor 1780 lassen vermuten, dass sie auf die eine oder andere Weise aus der Auktion der Mosheim-Bibliothek erworben worden sein könnten. Leider bestätigen oder widerlegen die Dokumente aus dem Brukenthal Hausarchiv diese Hypothese nicht, da nichts Relevantes für den Erwerb von Büchern in den 1750er Jahren gefunden wurde. Darüber hinaus entspricht Brukenthals Exemplar von Burnets „History of his own time” hinsichtlich der Einbände dem Exemplar aus Mosheims Bibliothek. Burnets Geschichte ist im Göttinger Katalog als englischer Band (E. B. = englischer Band) gekennzeichnet, ebenso wie das Exemplar aus der Bibliothek von Samuel von Brukenthal.
Zweitens besteht auch die Möglichkeit, dass Buchliebhaber Bücher aus der Mosheim’schen Bibliotheksauktion an anderen Orten als Göttingen erwerben. Im Katalog der Mosheim’schen Bibliotheksauktion heißt es, dass mehrere Buchhändler mit Büchern aus dieser Auktion beliefert werden, auch solche aus weiter entfernten Ländern, die die Leipziger Buchmessen frequentieren. In der Brukenthalbibliothek ist nur ein einziger Leipziger Katalog erhalten, der ein Angebot eines auf der Ostermesse erhältlichen Buches enthält, nämlich das des Buchhändlers Christian Gottlieb Hertel, allerdings aus dem Frühjahr 1777, und die beiden Ausgaben sind nicht aufgeführt. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass in einer Stadt mit einem dynamischen Buchmarkt, wie er in Leipzig im 18. Jahrhundert herrschte, eine 1756 versteigerte Ausgabe zwanzig Jahre später noch im Bestand eines Buchhändlers zu finden war.
Aber wenn zwei Jahrzehnte für das „Überleben” eines Buches in den Beständen einer Leipziger Buchhandlung des 18. Jahrhunderts viel bedeuten, kann man das von ein bis zwei Jahren nicht behaupten. Die andere Ausgabe aus Mosheims Bibliothek, die möglicherweise in Brukenthals Sammlung gelangte, ist, wie bereits erwähnt, John Spencers „De Legibus Hebraeorum” (Cambridge, 1727). Obwohl es nicht wie das Exemplar von Mosheim in Pergament gebunden ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass es sich um dasselbe Exemplar aus der Brukenthalbibliothek handelt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür geringer ist als bei „History of his own time”.
Die beiden Bände von Spencers Werk sind auch insofern interessant, als sie das Exlibris E Bibliotheca Christiani Gottlieb Joecheri tragen, was darauf hindeutet, dass sie zur Sammlung von Christian Gottlieb Jöcher (1694-1758), Professor und Bibliothekar an der Universität Leipzig, gehörten, der nur zwei Jahre nach Beginn der Versteigerung der Mosheimer Bibliothek im Jahr 1758 starb. Wenn das Exemplar in der Brukenthaler Bibliothek mit dem Mosheimer Exemplar identisch ist, würde dies bedeuten, dass die Auflage zunächst kurzzeitig an Jöcher übergingen, der sie dann neu gebunden und mit seinem Exlibris versehen hat. Dies ist nicht unmöglich, aber bisher sind keine eindeutigen Informationen darüber bekannt, abgesehen von der Tatsache, dass Mosheim das Exemplar besaß und dass das Exemplar in Brukenthal das Exlibris von Jöcher trägt. Wie dem auch sei, zumindest ein ehemaliger Besitzer dieses Exemplars wurde mit Sicherheit in der Person von Christian G. Jöcher identifiziert.
Unabhängig davon, ob Brukenthal Burnet und Spencer aus dem Verkauf der Bibliothek von Johann Lorenz von Mosheim erworben hat oder nicht, bleibt der Auktionskatalog dieser Bibliothek der älteste aus dem ursprünglichen Bestand von Samuel von Brukenthal. Beide Sammlungen zeichneten sich durch eine bedeutende Präsenz von Druckwerken zur kirchlichen und weltlichen Geschichte, von antiken Autoren usw. aus. Außerdem fällt in beiden Bibliotheken die im Vergleich zu anderen großen Bibliotheken in Siebenbürgen und Mitteleuropa recht große Anzahl britischer Bücher (auch in englischer Sprache) auf. Auch diese Ähnlichkeit lässt vermuten, dass Brukenthal zumindest interessiert, vielleicht sogar inspiriert von der Bibliothek des Göttinger Historikers war, wenn er nicht sogar 1756 oder in der unmittelbar folgenden Zeit einige Bücher erworben hat. Vorläufig bleibt Gilbert Burnets „History of his own time” ein plausibler Erwerb Brukenthals aus der exzellenten Mosheimschen Bibliothek.