Der Traum vom Schreiben

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Gedanken zu Hans Hamrichs ,,Zeiträume unter dem Atem Gottes“

Ausgabe Nr. 2941

Hans Hamrich: Zeiträume unter dem Atem Gottes. Schiller Verlag Bonn – Sibiu, Hermannstadt, 2025, 192 Seiten, ISBN 978-3-949583-82-7. 59 Lei. In Hermannstadt liegt das Buch in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé auf.

Der Verfasser Hans Hamrich kam 1957 in Siebenbürgen/Rumänien zur Welt als Sohn einer evangelischen Pfarrersfamilie. Hamrich besuchte das damalige Pädagogische Lyzeum in Hermannstadt und arbeitete nach dem Schulabschluss zehn Jahre als Grundschullehrer. Ab 1988 studierte er dann evangelische Theologie in Hermannstadt und in Erlangen. Er ging zusammen mit seiner Frau Birgit, der ersten ordinierten Pfarrerin der Ev. Kirche A. B. in Rumänien, in das Pfarramt nach Bistritz, von wo aus sie weite Teile Nordsiebenbürgens und der Bukowina betreuten. 2001 zogen die Familie nach Deutschland, wo Hamrich weitere zwanzig Jahre als Pfarrer in drei evangelischen Kirchengemeinden im Taunus tätig war. 2022 ging er in den Ruhestand, was ihm die Muße bescherte, das schon lange angestrebte Schreiben zu beginnen. Sein erstes Buch mit dem Titel „Zeiträume unter Gottes Atem” erschien 2025 im Schillerverlag Bonn-Sibiu und umfasst 192 Seiten.

Das autobiografisch geprägte Buch von Hans Hamrich kommt schmal, mit einem diskret-melancholischen Umschlagbild und ohne Vorwort daher. Der das Buch einleitende Prolog deutet jedoch in seiner Analogie zum Prolog im Himmel aus Goethes „Faust“ auf das Leitmotiv des Protagonisten Michael hin. Er ist auf der Suche – auf der Suche nach einem gnädigen Gott, nach einem sinnstiftenden Verhältnis zu Gott, das seinem Leben ein tragfähiges Fundament bietet. Auf der Suche nach Liebe, nach Anerkennung der Menschen, die ihm auf seinem Lebensweg begegnen und auf der Suche nach der Inspiration für das angestrebte Buch. „Michael sieht es als eine Auszeichnung an, dass er [Gott] ihn von etwas hat träumen lassen, dem Schreiben.“ (S.176)

Michaels Leben ist geprägt von den vielfältigen Umbrüchen in seinem Leben, seien es die familiären, jene im Freundeskreis, schulisch bedingte oder vom Lauf der Geschichte herbeigeführte Veränderungen, die das Leben der deutschen Minderheit in Rumänien im 20. Jahrhundert unweigerlich betrafen. Das lässt sich nicht chronologisch durchgehend erzählen, es würde jeden Rahmen sprengen. Deshalb greift der Autor unterschiedliche prägende Momente nicht nur der Lebensgeschichte Michaels, sondern um des besseren Verstehens Willen auch der Familiengeschichte auf. In dem ersten Text, auf 1992 datiert, wird angedeutet, dass er nun DIE Liebe gefunden hat: „Sein dreißigjähriges Leben verdichtete sich zu einem ungeahnten Augenblick von Gegenwart. Er ist in seiner eigentlichen Wirklichkeit angekommen.“ (S. 12) Die äußeren Zwänge, die bewusst oder unbewusst durch die Familie und die Dorfgemeinschaft an den Sohn eines evangelischen Dorfpfarrers herangetragen wurden, die Ansprüche der schulischen Ausbildung, der städtischen Gesellschaft, ja durch den kommunistischen Staat, der ihn gezwungen hatte, seinen Militärdienst als Bauarbeiter abzuleisten, durch die verschiedenen Liebschaften oder sogar Beziehungen – das alles fällt von ihm ab und macht den Weg frei für ein erfülltes Leben. Wäre da nicht noch dieses eine, der unbändige Wunsch ein Buch zu schreiben. Doch um den Weg zur Erfüllung dieses Lebenstraumes zu erfahren, muss sich der Leser, beginnend mit 1906, mit Michaels Familien- und Lebensgeschichte auseinandersetzen, muss den Lauf der Geschichte nachvollziehen, durch viele innere Kämpfe des Protagonisten bei seinem Ringen mit und um Gott mitgehen, den Einschnitt der Verrentung mittragen.

Und im Epilog, der nach dem einleitenden Prolog natürlich nicht fehlen darf, meint Michael im Rückblick, dass Gott die Wette auf ihn gewonnen habe. Er hat Gott nicht vergessen, auch als sich nach und nach seine Lebensträume erfüllen. Hamrich schreibt in den Nachbemerkungen: „Das Haus meines Schreibens habe ich auf den Felsen meines Gottvertrauens gebaut. Vielleicht stürzt es so nicht gleich ein, wenn der Regen der Trauer und die Wasserströme des Zweifels kommen und die Stürme des Zeitgeschehens kommen und an ihm rütteln.“

Reale Erlebnisse und Gedanken werden mit fiktionalen zu einer Lebensgeschichte verwoben, die einzigartig und zugleich universell ist. Viele Leser werden sich in dem einen oder anderen Aspekt dieses Lebensweges wiederfinden – im „[…] unbegreiflichen Lebensschmerz“ (S. 68) des Siebzehnjährigen, in der Suche nach Liebe, in der Suche nach einer persönlichen Beziehung zu Gott, im immer wieder aufgenommenen Versuch den Lebenstraum zu erfüllen, in den äußeren Gegebenheiten wie Schulbesuch „in der Stadt“, Militärdienst, dann Auswanderung, politischer Umsturz, ein neues Leben aufbauen …

Es ist den Versuch wert.

Sunhild GALTER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.